Trumps Dr. Frankenstein

Der Journalist Tony Schwartz (li., Foto: The Energy Project) hat großen Anteil an der Karriere von Donald Trump – worauf Schwartz nicht besonders stolz ist. 

„Ich habe einem Schwein Lippenstift verpasst“, sagt Tony Schwartz über keinen Geringeren als Donald Trump. Der Journalist hat in den 1980ern die Autobiografie für den heutigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten geschrieben – und den Grundstein für dessen politische Karriere gelegt. Rückblickend bereut Schwartz seine Rolle als Ghostwriter zutiefst.

„The Art of the Deal” heißt der Titel des Buchs, das 1987 von Random House auf den Markt gebracht wurde und zu einem erfolgreichen Wirtschaftsbuch avancierte, 13 Wochen auf Platz 1 der „NYT“-Bestsellerliste verweilte. Das Buch, dessen Entstehensgeschichte der „New Yorker“ erzählt, wurde nicht nur für Trump und auch Schwartz ein Erfolg – der Ghostwriter kassierte die Hälfte des Vorschusses und der Tantiemen. Das Buch schuf das Fundament von Trumps weiterer Karriere als Geschäftsmann, bescherte Trump seine Hauptrolle in der TV-Show „The Apprentice“ und gab ihm Rückenwind als Politiker. 
18 Monate verbrachte Schwartz ab 1985 mit Trump, begleitete ihn ins Büro, in den Helikopter und nach Florida auf Trumps Anwesen. Und wurde permanent überzogen mit Trumps Erfolgsgeschichten – oft vermeintlichen Erfolgsgeschichten. Denn neben Trumps Egozentrik lernte Schwartz nach eigenen Angaben auch dessen laxen Umgang mit der Wahrheit kennen. Wie viel Geld er wofür ausgegeben habe, wie erfolgreich seine Casinos sind, wie gering der Anteil seines Vaters am eigenen Erfolg ist, dass Prince Charles im Trump Tower einziehen wolle, dass Trump ein veritabler Familienmensch sei – vieles gelogen oder, in eigenen Trumps Worten, „wahre Übertreibungen“, für die er geliebt werde
Schwartz verweist im „New Yorker“-Artikel nicht nur auf Trumps Selbstverherrlichung und Unehrlichkeit, sondern insbesondere auf dessen niedrige Aufmerksamkeitsspanne, die dazu führe, dass er Trump in den 18 Monaten nicht ein Mal mit einem Buch in der Hand gesehen habe (gleichwohl liege ein Buch mit Hitler-Reden, das Trump mit „Mein Kampf“ verwechselte, in Trumps Schlafzimmer). Trump sei wie ein Kindergartenkind, könne sich kaum auf längere Gespräche konzentrieren, die nicht von seiner eigenen Größe handeln – was für einen US-Präsidenten fatal wäre, so Schwartz.
„Tony schuf Trump. Er ist Dr. Frankenstein“, erklärt ein früherer Journalisten-Kollege von Schwartz. Der Ghostwriter selbst bereut es, mit dem Buch eine geschönte Version von Trump geschildert zu haben. Und fürchtet: „Ich bin davon überzeugt, dass, wenn Trump gewinnt und die Codes für die Atomwaffen bekommt, dies sehr gut zum Ende der Zivilisation führen wird.“ Heute würde er das Buch anders schreiben, mit dem Titel „Der Soziopath“.
Nach dem Erfolg von „The Art of the Deal” sei Trump mit der Idee an ihn herangetreten, eine Fortsetzung zu schreiben, für die Random House einen siebenstelligen Vorschuss angeboten habe. Schwartz lehnte ab und schrieb stattdessen den Ratgeber „What Really Matters“.

Kommentare

1 Kommentar zu "Trumps Dr. Frankenstein"

  1. Ghostwriter und ihre Kunden schließen nach Beendigung eines Auftrages normalerweise einen Vertrag mit unterschiedlichen Verschwiegenheitserklärungen ab. Egal welche Meinung Tony Schwartz vertritt und welche durchaus nicht lobenswerten Charakterzüge Trump aufweist, ein seriöser Ghostwriter würde ein derartiges Interview nicht führen.

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