Podcasting besitzt eine extrem lange Nachhaltigkeit

Der Podcast-Trend geht derzeit an Verlagen und Autoren weitestgehend vorbei. Dabei wäre es so einfach, sich mit eigenen Podcasts zu Büchern und Autoren zu profilieren, meint Wolfgang Tischer (Foto: Birgit-Cathrin Duval). Ein buchreport-Webinar (mit Wolfgang Tischer als Co-Referent) zeigt am 24. Mai 2016 Perspektiven.

Im Zeitalter von Youtube wurden reine Audio-Anbieter schnell abgeschrieben. Seit Monaten ist jetzt aber ein Boom von Audioinhalten zu beobachten, insbesondere im Podcast-Bereich und zumindest im Ausland. Wie ist der Trend zu erklären?
Wenn Dinge zum Trend, Hype oder Boom erklärt werden oder wenn sie als Wiederentdeckung gefeiert werden, bin ich immer skeptisch. Oftmals steht dies im Zusammenhang mit einem Anbieter, der in dieser Sache ein neues Produkt auf den Markt bringt und praktischerweise eine Umfrage oder Untersuchung zitiert, die er selbst in Auftrag gegeben hat.
Doch Audio-Podcasts waren nie tot und weg vom Fenster. Einzelne Produktionen kamen und gingen, das ist klar, aber Audio-Inhalte, über einen RSS-Feed zugänglich gemacht und dem Hörer automatisch und bequem zugestellt, gibt es nach wie vor – und sie sind sehr beliebt. Die viel zitierte neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird, hat leider den Blick darauf verstellt

Es ist daher einfach, Podcasts immer wieder zum Trend zu erklären, weil sie immer noch da sind und weil Produktion und Konsum relativ simpel sind.


Webinar zum Thema Podcasts für Autoren und Verlage

Nicht nur die Amazon-Tochter Audible baut aktuell massiv ihr Podcast-Angebot aus. In den USA florieren spezialisierte Podcast-Labels, die fast jedes Nischeninteresse mit entsprechenden Angeboten abdecken – und damit teilweise viel Geld verdienen. Auf dem deutschen Markt entwickeln sich allmählich ähnliche Strukturen. Besonders für Buchverlage ergeben sich dadurch gute Chancen, am Boom des Formats teilzuhaben. Ein buchreport-Webinar zeigt am 24. Mai Wege und Perspektiven. Einer der Referenten ist Wolfgang Tischer.

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Sie waren ganz früh dran beim Thema Podcasts in der Buchbranche. Wie hat sich das Thema seitdem entwickelt?
Die Buchbranche ist im Marketing-Bereich extrem trend- und beratergetrieben – und das zudem verzögert. Man mache sich beispielsweise bewusst, dass sich jetzt im Jahre 2016 eigene Verlagsblogs so langsam durchgesetzt haben. Was die deutschen Publikums- bzw. Belletristikverlage angeht, so gibt es kaum nennenswerte aktuelle Podcast-Produktionen. Das ist erstaunlich, wo doch gerade diese Verlage unglaublich viel Material haben, das sie werbewirksam und mit relativ geringem Aufwand zu einem Podcast machen könnten.

„Podcasting besitzt eine extrem lange Nachhaltigkeit“

Apple iTunes als das nach wie vor wichtigste Podcast-Verzeichnis hat immer noch eine eigene Rubrik »Literatur«. Die wird dominiert von den Literatursendungen der öffentlich-rechtlichen Sender. Weiterhin sind private Literaturpodcasts ganz vorne mit dabei. Aktuelle literarische Verlagspodcasts gibt es so gut wie nicht. Der John-Sinclair-Podcast von Bastei Lübbe ist immerhin auf Platz 7, obwohl er zur 100. Hörspielfolge des Geisterjägers erstellt und seit einem Jahr nicht mehr aktualisiert wurde. Auf Platz 14 befindet sich der Tacheles!-Podcast von Roof-Music, der Ausschnitte aus aktuellen Hörbüchern präsentiert wie z. B. Heinz Strunk oder Benjamin von Stuckrad-Barre. Dieser Podcast ist ein gutes Beispiel, wie bestehender Inhalt fürs Marketing verwendet werden kann. Der erste individuell produzierte deutschsprachige Verlagspodcast befindet sich aktuell auf Platz 66: Es ist der seinerzeit vom literaturcafe.de für dtv produzierte Bücherpodcast. Obwohl er seit 2012 keine neuen Folgen mehr bringt, bin ich selbst erstaunt, wie weit vorne er noch gelistet ist. Podcasting besitzt also eine extrem lange Nachhaltigkeit.

Und international und bei Fachbuchverlagen?

International sieht das ganz anders aus: Penguin Books UK produziert beispielsweise nach wie vor einen Bücherpodcast mit aktuellen Folgen.

Und ebenfalls anders sieht es bei den Fachbuchverlagen aus, deren Podcasts sich nicht in der Literatur-Rubrik befinden. So gibt es beispielsweise Sprachpodcasts des Spotlight Verlags, und der Heise Verlag ist im Technik-Bereich gleich mehrfach vorne mit vertreten. Buchverlage sind auch hier seltener zu finden.

„Keiner trommelt für Audio-Podcasts“

Derzeit trommelt leider in Deutschland niemand für den extrem nachhaltigen Kanal der Audio-Podcasts. Das Resultat ist, dass man in den Verlagen oft gar nicht oder gar nicht mehr weiß, was Podcasts sind und welche Rolle sie bei der Kundenbindung oder Kundengewinnung spielen können.

Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Verlag sagt: »Oh, Mist, jetzt wird das Buch verfilmt, da wird es niemand mehr kaufen.« Natürlich nicht. Doch als wir in Stuttgart für eine geplante Reihe mit Salon-Lesungen die Mitschnitte der Lesungen und Autoren-Interviews als Podcast bereitstellen wollten, da gab es doch tatsächlich Verlage, die sich Sorgen gemacht haben, ob das nicht dem Hörbuch-Verkauf schaden könnte. An-dere Verlage schickten seitenlange Vertragsformulare, die unter ganz speziellen Umständen eine zeitlich befristete Nutzung der Mitschnitte erlaubt hätten.

Selbst heute noch erlebe ich es bei einigen Verlagen als Problem, wenn man erläutert, dass Apple iTunes das wichtigste Podcast-Portal ist, in dem man gelistet sein sollte. Die glauben, dass Apple mitverdient, und das Projekt stößt sofort auf Ablehnung. Dass Google demnächst auch mit einem deutschen Podcast-Verzeichnis startet, erwähnt man besser erst mal gar nicht. Man muss wie vor 10 Jahren wieder ganz von vorn beginnen und RSS-Feed und den Unterschied zwischen Listung und tatsächlichem Speicherort erklären. Das ist mühsam. Man findet selten jemanden, der sagt: »Ihr macht für uns einen kostenlosen, werbewirksamen Mitschnitt und stellt ihn auf einer vielfrequentierten Plattform ein? Super! Gerne, da freuen wir uns! Danke.«

Wie kann die Buchbranche (wieder) am Boom partizipieren?
Indem die Verlage – aber natürlich auch Buchhandlungen – einfach loslegen und Podcasts produzieren. Sie haben so viel Material! Man könnte Autoren Ausschnitte aus Büchern einlesen lassen. Oder man spricht mit den Autoren über ihre Bücher. Wenn sich die Buchhändlerinnen ohnehin über die Lektüre der Leseexemplare austauschen, dann könnte man das doch gleich aufnehmen! Die Leser sind doch begierig darauf, mehr über Buch und Autor zu erfahren.

„Einfach den MP3-Rekorder auf den Tisch stellen und los geht‘s“

Dazu muss man keine Agentur engagieren, die für mehrere hundert Euro eine Podcast-Folge produziert. Einfach den MP3-Rekorder auf den Tisch stellen und los geht‘s. Denn das ist auch heute noch das Schöne, dass handgemachte Podcasts mit Ecken und Kanten funktionieren.

Viele Verlage haben mittlerweile Blogs auf Basis von WordPress. Das ist die beste Voraussetzung, um mit kostenlosen Erweiterungen neben Textinhalten auch Audio-Inhalte als Podcast auszuspielen. Die Ausgaben für die technische Infrastruktur sind also extrem gering. Man sollte es einfach angehen – und nicht nur den angeblichen Hypes hinterherlaufen.
Wolfgang Tischer, Gründer und Herausgeber des renommierten Opens external link in new windowliteraturcafe.de. Der gelernte Buchhändler erhielt 2006 den 1. Deutschen Podcast-Award u. a. für seine umfangreiche Interviewreihe von der Frankfurter Buchmesse. Darüber hinaus produzierte er Podcasts für die Verlage Hanser, C.H. Beck und dtv. Neben seiner journalistischen Tätigkeit ist Tischer auf Bühnen auch als Moderator und Sprecher tätig.

(Foto Teaser: Patrick Breitenbach, FlickrCC BY 2.0)

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