Keine Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert

Der KNV-Standort in Erfurt (Foto: KNV).

Eine volle Breitseite feuern Betriebsräte, Gewerkschafter und andere Aktivisten im Internet auf mehrere Großunternehmen. Zu den Angeprangerten gehört neben Amazon auch KNV. In einer Stellungnahme widerspricht der Zwischenbuchhändler den Vorwürfen gegenüber buchreport.de.

Hinter der Kritik-Kampagne steht die „Aktion Arbeitsunrecht“, nach eigenen Angaben ein Zusammenschluss von Betriebsratsmitgliedern und Gewerkschaftern, Journalisten, Sozialforschern und Psychologen, Rechtsanwälten und Menschenrechts-Aktivisten. Der Verein lässt im Internet abstimmen, welches Unternehmen am Schwarzen Freitag (13. Mai 2016) – am „Widerstandstag der arbeitenden Bevölkerung“ – das Ziel von bundesweiten Protesten werden soll.

Neben Dienstleistern, die als Betriebsrats-Bekämpfer beschuldigt werden (BUB Gauweiler, Hogan Lovells, McKinsey) hat das Bündnis eine Liste der „skrupellosen Unternehmen“ aufgestellt. Darauf stehen Amazon (wegen „Streikbruch, Mitarbeiter-Überwachung, Gewerkschaftsvermeidung“), die Helios-Kliniken („brutale Gewinn-Maximierung auf Kosten von Personal von Patienten“), Playmobil („Familien-Tyrannei, Tarifflucht, Betriebsratsbekämpfung + Gewerkschaftsvermeidung“), Real („Tarifflucht, Betriebsratsbekämpfung, Arbeitsverdichtung“), TOYS ‘R’ US („Streikbruch-Prämien, Lohn-Dumping, Betriebsratsbekämpfung“) XXXLutz („kaltschnäuzige Massenentlassung, Betriebsratsbekämpfung“) – und eben der Buchlogistiker KNV, dem sich das Bündnis ausführlich widmet.

Die zentralen Vorwürfe der „Aktion Arbeitsunrecht“ gegen KNV:

„Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert“: Der Gewerkschaftssekretär Ronny Streich wird mit den Aussagen zitiert, es herrschten „unregulierte, willkürlich zu Lasten der Mitarbeiter ausgeübte Arbeitsbedingungen“. Konkret: Mitarbeiter aus dem Unternehmen berichteten, Schichtende sei, „wenn der Vorgesetzte dies verkündet und nicht etwa, wenn die Arbeitszeit laut Arbeitsvertrag um ist.“ KNV erklärt, dass die Buch-Logistik aufgrund des Saisonverlaufs in der Buchbranche „von großen Schwankungen und einer hohen Dynamik geprägt“ sei. Räumt aber ein, dass es insbesondere anlässlich des Umzugs des Buchgroßhandels von Stuttgart nach Erfurt „immer wieder turbulente Tage und Wochen“ gegeben habe, „in denen wir unserer neuen Belegschaft viel zugemutet haben“. Die Lage habe sich allerdings entspannt.

Gewerkschaften bekämpft: Die gewerkschaftliche Organisierung der Mitarbeiter werde systematisch behindert, es würden u.a. Abmahnungen und Kündigungen von aktiven Gewerkschaftern ausgesprochen. KNV hält dagegen, dass man seit Jahrzehnten an den bisherigen Standorten „vertrauensvoll mit unseren Mitarbeitern und deren Vertretungen“ zusammenarbeite. 

Bezahlung ohne Tarif: KNV betreibe Lohndumpings durch „Flucht aus dem zutreffenden Tarifvertrag des Großhandels“ in Stuttgart und Köln und „unverbindliche Orientierung am Tarifvertrag Logistik“ am jetzigen Standort in Erfurt (ohne die Zahlung von Weihnachts- oder Urlaubsgeld). KNV: Die Unternehmen der KNV-Gruppe seien seit 2006 nicht mehr tarifgebunden, „wir haben aber unseren Mitarbeitern Leistungen und Entgelterhöhungen gewährt, die tarifadäquat waren.“ Und: „Wir sind kein Unternehmen, das Lohn- oder Tarifdumping betreibt und es auf Billigarbeitskräfte abgesehen hat.“  

Die Stellungnahme von KNV im Wortlaut:

„Unberechtigte Attacke auf KNV Logistik im Internet
Die KNV Gruppe ist ein traditionsreiches Familienunternehmen, das über Jahrzehnte hinweg ein vertrauensvolles und enges Verhältnis mit seinen Mitarbeitern pflegt. Unsere Führungskräfte stehen im engen Dialog mit unseren Mitarbeitern. Wir kümmern uns regelmäßig und intensiv um die Sorgen und Probleme unserer Mitarbeiter.

Im Internet kursieren leider Vorwürfe und Behauptungen über die Arbeitssituation an unserem Logistikstandort von KNV Logistik in Erfurt, die zu einem großen Anteil nicht oder nicht mehr der Realität entsprechen. Der Aufbau einer komplett neuen Belegschaft führt leider auch dazu, dass man Menschen enttäuscht und verärgert, wenn man diese nicht weiter beschäftigen kann, weil Leistungserwartungen nicht erfüllt wurden. Inzwischen konnten sich viele unserer Geschäftspartner bei einer Besichtigung vor Ort davon überzeugen, wie die Arbeitsverhältnisse aussehen und wie die Stimmung bei uns wirklich ist. Wer ein berechtigtes Interesse hat, uns zu besuchen, ist uns jederzeit gerne willkommen.

Die Logistik für Verlagsauslieferung, Sortimentsdienstleistungen und Buchgroßhandel ist aufgrund des Saisonverlaufs in der Buchbranche von großen Schwankungen und einer hohen Dynamik geprägt. Es ist eine Normalität für unser Geschäft, dass die Arbeitszeiten an die unterschiedlichen Auftragsvolumina angepasst werden müssen und dann je nach Saison zwischen 6 und 10 Stunden pro Tag schwanken. Alle unsere neuen Logistikmitarbeiter wurden vor Vertragsabschluss auf diese Spezifika unserer Branche hingewiesen Wir sind sehr dankbar, dass die meisten unserer Mitarbeiter diese Flexibilität mittragen.

Während der Hochlaufphase gab es allerdings immer wieder turbulente Tage und Wochen, in denen wir unserer neuen Belegschaft viel zugemutet haben, so auch in ersten Quartal diesen Jahres mit dem Umzug des Buchgroßhandels von Stuttgart nach Erfurt. 

In den letzten 18 Monaten haben wir auch schon längere Phasen der „Normalität“ erreicht und bieten unseren Logistik-Mitarbeitern seit November 2015 weitgehend geregelte und planbare Arbeitszeiten.
In Erfurt haben wir über 1000 Arbeitsplätze in der Logistik geschaffen, die an modernsten Entwicklungen mit einer optimalen Ergonomie und Arbeitssicherheit ausgerichtet sind. Gegenüber unseren alten Standorten haben wir hier deutliche Verbesserungen erreicht. Die hohe Technisierung führt dazu, dass sehr viel weniger Ware manuell bewegt und gehoben werden muss und dass sich die Laufwege deutlich verkürzt haben.

Die Unternehmen der KNV Gruppe sind seit 2006 nicht mehr tarifgebunden, wir haben aber unseren Mitarbeitern Leistungen und Entgelterhöhungen gewährt, die tarifadäquat waren. KNV Logistik orientiert sich an dem Tarif für die Logistikbranche, weil das Volumen des Dienstleistungsgeschäfts für Verlagsauslieferung, Filialisten, Großkunden und Bücherwagendienst deutlich größer ist als das Volumen des Buchgroßhandels. Wir sind kein Unternehmen, das Lohn- oder Tarifdumping betreibt und es auf Billigarbeitskräfte abgesehen hat. In 2015 haben wir zum 1.6. eine Entgelterhöhung von 3% vorgenommen und zum 1.10.2016 eine weitere Erhöhung von 3% zugesagt.

Seit Jahrzehnten arbeiten wir an den bisherigen Standorten vertrauensvoll mit unseren Mitarbeitern und deren Vertretungen zusammen. Neben einer offenen Information über die Unternehmensentwicklung ist es ein fester Bestandteil unserer Belegschaftsversammlungen, dass Mitarbeiter offen ihre Wünsche vortragen können und wir diese gemeinsam diskutieren. Über die Umsetzung realisierbarer Verbesserungen informieren wir regelmäßig.

Wir sind ein berechenbares, traditionsreiches und innovatives Familienunternehmen. Unsere Unternehmensgeschichte umfasst über 185 Jahre. Die Tradition von sozialer Verantwortung, Wertschätzung für die Mitarbeiter, Offenheit, engem Austausch mit den Mitarbeitern und ein familiäres Betriebsklima setzen wir am neuen Standort fort.“

Fotos: KNV

Kommentare

4 Kommentare zu "Keine Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert"

  1. Das kommt mir alles sehr bekannt vor und was in Stuttgart abgelaufen ist, wird in Erfurt fortgeführt. Wer geglaubt hat, dass sich an der Firmenpolitik was ändern wird, der glaubt auch an den Weihnachtsmann….

  2. Alexander_Schr | 11. April 2016 um 11:29 | Antworten

    Aber, Gewerkschaften bleiben trotzdem außen vor und Gewerkschafter haben bei KNV Logistik nichts zu suchen? Ein fehlendes Statement ist auch ein Statement.

    Also ist KNV Logistik Erfurt doch nur ein 2. Amazon / Zalando etc.

    • Gregor Meisen | 12. April 2016 um 8:38 | Antworten

      „[…] arbeiten wir an den bisherigen Standorten vertrauensvoll mit unseren Mitarbeitern und deren Vertretungen zusammen.“

      • Mitarbeiter von Anfang an | 17. April 2016 um 0:37 | Antworten

        Da musste ich ganz stark lachen. Genauso der Satz “ Der Aufbau einer komplett neuen Belegschaft führt leider auch dazu,
        dass man Menschen enttäuscht und verärgert, wenn man diese nicht weiter
        beschäftigen kann, weil Leistungserwartungen nicht erfüllt wurden.“ Nur die besten werden nach der Probezeit übernommen, jeder der kurz krank ist fliegt raus. Nach der Probezeit sind es die Leute die paar Wochen krank sind wegen OP oder Unfall. Denen wird ganz klar gesagt das sie rausfliegen. Natürlich ohne Grund in der Kündigung, sonst würde man vor Gericht komplett runterfallen 😉 Genauso wird genau geschaut wer wie viel bringt und leistet. Es gibt dann immer Mobbing oder Austausch zu Ausländischen Fachkräften die langsam auch die Schnauze voll haben. KNV bekommt kaum Leiharbeitsleute, weil die meisten nach 1-2 Tagen selber kündigen 😉 Alles nur Akkord Arbeit, eintönige Arbeit und Mobbing und Angst um den Arbeitsplatz

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