Bei Science-Fiction ist der Leser Experte

Bei Piper war bis vor einem Jahr Science-Fiction Bestandteil des – gemessen an der Zahl der Titel – deutlich umfangreicheren Fantasy-Programms, das der Verlag seit mehr als zwölf Jahren betreibt u.a. mit vielen namhaften deutschen Fantasy-Autoren wie Michael Peinkofer, Bernhard Hennen und Markus Heitz. Im vergangenen Herbst hat der zu Bonnier gehörende Verlag erstmals ein eigenes Science-Fiction-Programm gestartet. Mit Carsten Polzin (Foto), der als Programmleiter bei Piper Fantasy, Science-Fiction und das Imprint Ivi verantwortet, hat buchreport über aktuelle Entwicklungen des SF-Genres gesprochen.

Welche Trends bestimmen das SF-Segment?

Es ist schwierig, aktuell einen thematischen Trend zu ermitteln. Natürlich lief „Der Marsianer“ gut, das war auch ein tolles Buch, aber die Hoffnung, dass das Thema Mars deswegen zum Trend werden würde, hat sich nicht erfüllt. Es ist schon eher die Herangehensweise, die den Einfluss des „Marsianers“ ausmacht: Ein Science-Fiction-Roman darf heutzutage auch im lockeren, gar rotzigen Ton erzählt werden, wenn die Geschichte stimmt. Deswegen erhoffen wir uns auch viel von John Sandfords „Das Objekt“, der einen ähnlich fesselnden Plot auf sehr moderne Weise mit äußerst coolen Protagonisten und viel Spaß am Detail erzählt.

Ist SF heute noch ein Spiegel des Zeitgeistes?

Sicherlich ist die SF heutzutage nicht mehr so bedeutsam für den politischen Diskurs wie noch vor einigen Jahrzehnten, als der Kalte Krieg, die Auswirkungen zügelloser Umweltzerstörung oder die Angst vor dem Atomkrieg Themen waren, die die SF-Schriftsteller hervorragend umsetzen konnten. Aber an Problemen mangelt es unserer Zeit ja wahrlich nicht, und so finden sich auch heute in der SF Romane, die mehr oder weniger deutlich den Nahostkonflikt, Terrorismus oder Menschenrechtsverletzungen in afrikanischen Regimes behandeln. Daneben gibt es aber auch die Bücher, die einfach gut unterhalten wollen. Beides hat seine Berechtigung.

Sie sehen eine Trendwende von Fantasy in Richtung Science-Fiction. In der Piper-Vorschau überwiegt aber die Zahl der Fantasy-Titel deutlich. Wie passt das zusammen?

Es passt hervorragend, deshalb war es ein guter Zeitpunkt, mit dem Science-Fiction-Programm zu starten. Aber Fantasy ist nach wie vor der viel größere Markt, die potenzielle Leserschaft ist größer und der Umsatz in der Warengruppe sowieso. Daher geht es nicht darum, die Fantasy zurückzufahren?– wir hatten 2015 bei Piper Fantasy ein Rekordjahr?–, sondern die Science?Fiction anzubauen.

Auf der SPIEGEL-Bestsellerliste landen eher Titel aus High-Fantasy oder All Age. Warum schaffen es SF-Titel nur selten in Bestsellerregionen?

Das hängt einfach vom konkreten Buch ab, weniger vom Genre. Vor dem ersten „Der Herr der Ringe“-Film hätte niemand an solche Bestsellerplatzierungen für die Fantasy geglaubt. Dann kamen Harry Potter, Stephenie Meyer, Kerstin Gier, Markus Heitz, Bernhard Hennen, George R.R. Martin und viele andere, die bewiesen haben, dass man mit fantastischen Inhalten ganz breite Zielgruppen erreichen kann. Bei der SF würde ich das nicht ausschließen, sie ist aber anders als im Kino, wo sich ein SF-Blockbuster an den anderen reiht, im Buchhandel noch nicht so richtig angekommen. Das wird sich mit dem einen richtigen Buch zum richtigen Zeitpunkt ändern. Da bin ich sicher.

Warum tut sich der Buchhandel mit dem SF-Genre schwer?

SF wird von vielen Buchhändlern als Spezialgenre wahrgenommen, was auch in gewisser Weise legitim ist. Der SF-Käufer macht es ja häufig so, er kommt in den Buchladen und weiß ?genau, was er will. Entweder steht das im Regal oder er lässt den Titel bestellen. So schön es wäre, würde jeder Buchhändler ein Kenner der Future History von Stephen Baxter sein oder Asimovs Robotergesetze aufzählen können, er muss es gar nicht, denn der Leser ist Experte. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Verkäufe in Fantasy und Science-Fiction im Online-Handel stattfindet. Eben weil der Kunde oft selbst am besten weiß, was er will und wo er es findet.

Lesen Sie mehr im aktuellen buchreport.magazin 4/2016, das sich auf rund 20 Seiten in einem Schwerpunkt dem Thema „Fantasy /Science-Fiction“ widmet (hier zu bestellen).

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