Die Sinnfrage ist der falsche Ansatz

Unternehmen setzen ihre Führungsstrategien und ihre Arbeitsorganisation infolge der Digitalisierung neu auf. Besonders junge Digitalunternehmen erweisen sich in dem Feld als Vorreiter. Beraterin Kirsten Steffen von Bommersheim Consulting erklärt im Interview, wieso solche innovativen Ansätze eine folgerichtige Entscheidung sind und wie offen sich die Buchbranche dafür zeigt.

Kirsten Steffen (Foto: Bettina Theisinger) moderiert am 8. April den „Future Talents Challenge Day“ in Berlin. Bei der Personalentwicklungskonferenz, organisiert von Bommersheim Consulting und der Akademie der Deutschen Medien, stehen neue Führungsstile für den digitalen Wandel sowie Recruiting- und Employer Branding-Strategien im Fokus. Weitere Informationen zur Konferenz finden Sie hier.

Wie weit sind die Unternehmen der Buchbranchen und junge Digitalunternehmen kulturell auseinander?

Sie sind kulturell relativ weit voneinander entfernt. Das ist eine Frage der Historie und keine Wertung. Das Personal bei Buchverlagen besteht häufig aus langjährigen Mitarbeitern. Veränderungen der Unternehmenskultur muss man hier nach und nach einführen. Ein junges Unternehmen, das seine Mitarbeiter komplett neu rekrutiert und die zudem alle Mitte oder Ende 20 sind, hat diese Vorgeschichte nicht. Viele der Digitalunternehmen haben sich erst in den vergangenen Jahren gegründet und haben somit von Beginn an die Chance, sich eine andere Struktur zu geben. Die Buchverlage kommen aus einer anderen Zeit, sie mussten ihre Strukturen anpassen.

Was sind die wichtigsten Merkmale solcher neuen Formen der Führung und der Arbeitsorganisation?

Bei der Arbeitsorganisation beobachten wir seit Jahren eine starke Projektorientierung, vor allem infolge der Digitalisierung. Arbeit war früher anders organisiert, vereinfacht gesagt: Im Verlag wurde ein Text von Abteilung zu Abteilung weitergereicht, bis er schließlich im Verkauf war. Heute arbeiten die Beteiligten sehr früh in temporären Teams zusammen und treiben ein Projekt gemeinsam voran. Es handelt sich hier um ein vernetztes Arbeiten in relativ kleinen Teams. Das bedeutet auch, dass es in jedem Team meist eine Projekt- oder Teamleitung gibt, die ebenfalls temporär sein kann. Die Teams werden dabei stets nach den Bedürfnissen des Projekts und der Kompetenzen der Mitarbeiter zusammengestellt.

Was ändert sich dadurch für die Mitarbeiter?

Wichtig ist, dass sich die traditionell starre Einteilung auflöst, bei der der Mitarbeiter die Verantwortung für den weiteren Verlauf eines Projekts ablehnt, nach dem Motto „Das müssen die Kollegen regeln“. Der Mitarbeiter ist weitergehend verantwortlich, überblickt als Teil des Teams den Projektablauf und bringt sich selbst ein.

Die Endverantwortung trägt natürlich weiterhin eine Geschäftsführung, daran lässt sich nicht rütteln. Unterhalb dieser Ebene hat sich aber sehr viel verändert. Dort muss der Einzelne mehr Verantwortung übernehmen, weil er häufiger in die Position kommt, ein Projekt zu leiten.

Wie sinnvoll ist es, bewährte Strukturen durch innovative Ansätze aufzubrechen?

Die Sinnfrage zu stellen, ist der falsche Ansatz. Man muss das Ganze umgekehrt betrachten und analysieren, wie sich der Markt verändert, welche Produkte jetzt gemacht werden müssen und wie diese Produkte entstehen. Dadurch kommt man zu der Lösung, dass es neue Arbeitsorganisationsformen und vor allem auch einen anderen Blick auf den Markt braucht. Marktforschung blickt zurück und leitet aus bisherigen Verkaufszahlen künftige Trends ab. Zusätzlich dazu muss man aber auch unbedingt die Wünsche der Zielgruppe im Blick haben. Diese lassen sich zum Beispiel durch Kreativitätsmethoden wie das Design Thinking erarbeiten.

Wie bereit ist die Buchbranche für neue und flexible Formen der Arbeitsorganisation?

Die Buchbranche ist sicherlich immer mehr dafür bereit. Das liegt aber vor allem auch daran, dass die Unternehmen merken, dass sie die jungen Kreativen brauchen. In dem Moment, in dem Stellen nachbesetzt werden, sieht man sich verstärkt nach jüngeren, digital versierten Mitarbeitern um und stellt fest, dass sie andere Anforderungen an ihren Arbeitsplatz haben. Es ist nicht damit getan, dass es Gleitzeitmodelle, Kitas oder Bioessen gibt. Die Arbeit selbst muss qualitativer und dadurch attraktiver werden. Auch das macht flexible Arbeitsorganisationsmodelle aus. Mit ihnen lassen sich eher Menschen gewinnen. Sie finden die Mitarbeit bei solchen Projekten spannend, eben weil sie sich einbringen und Verantwortung übernehmen können.

Außerdem kommt noch hinzu, dass die Buchbranche nicht mehr so hermetisch abgeschlossen ist wie noch vor 20 Jahren. Das, was in den Buchverlagen an Content-Generierung geleistet wird, wird auch von vielen anderen Unternehmen verlangt. Das heißt, die Buchverlage konkurrieren mit teils völlig anderen Industrieunternehmen um die gleichen Arbeitnehmer. Die großen Industrieunternehmen sind hier schon sehr weit und machen im Bereich der Arbeitsorganisation sehr viel möglich. Sie bekommen deshalb auch die qualifizierten Bewerber, die tolles Online-Marketing machen oder im Storytelling sehr talentiert sind. Den Buchverlagen fehlen diese Leute dann. Von hier kommt ein Druck zur Veränderung.

Welche Verlage nehmen hier eine Vorreiterrolle ein?

Je digitaler die Produkte eines Verlages sind, desto stärker haben sie sich mit neuen Arbeitsorganisationsformen auseinander gesetzt und auch Lösungen gefunden. Ein Kleinverlag mit überschaubarem Team und überschaubarer Novitätenzahl muss seine Arbeitsabläufe und –organisation nicht auf den Kopf stellen und alles anders machen. Ein Verlag in der Größenordnung von Springer, der weltweit digitale Zeitschriften herausgibt, ist natürlich völlig anders organisiert.

Kann es ein Nebeneinander von alter und neuer Arbeitsorganisation geben?

Formen der Arbeitsorganisation existieren nicht nebeneinander wie z.B. Auto und Fahrrad. Eine neue Arbeitsorganisation ist kein Selbstzweck. Unternehmen organisieren Prozesse um, um marktfähig zu bleiben.

Was bedeutet das alles für die Karrierechancen von Frauen?

Frauen entspricht die Projektarbeit und das Sich-einbringen-in-Teams sehr. Weil es sich zudem häufig um kleine Teams handelt, ist es gerade für junge Frauen einfacher, erste Führungserfahrung zu sammeln und damit den ersten Schritt zu tun. Diese Verantwortung wird dann schrittweise ausgebaut – ob das nun in Form größerer Projekte oder in Form mehrerer Projekte ist.

Pauschal zu sagen, es gibt bessere Möglichkeiten, wage ich nicht. Aber die jungen Frauen, die jetzt auf dem Arbeitsmarkt sind, sind auch eher mit den gleichen IT- und EDV-Kenntnissen gestartet wie ihre männlichen Kollegen. Der Satz „Frauen verstehen nichts von Technik“ hat sich erledigt. Die Ausgangsbasis ist gut. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

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