Einladung zum Verstehen

„Die deutsche Literatur kennt schon lange eine Vielzahl von Herkunftsländern“, schreibt Richard Kämmerlings in der „Welt“. Angesichts der aktuellen Migrationswellen wirft er einen Blick auf aktuelle Neuerscheinungen von Autoren mit Migrationshintergrund.
Abbas Khider, Shida Bazyar oder Senthuran Varantharajah – sie alle sind Stimmen einer neuen Generation, deren Migrationserfahrung Teil ihrer Identität und ihres Schreibens geworden ist.
Die deutschsprachige Literatur habe jedoch schon seit Langem auch ausländische Wurzeln. Als Beispiele nennt Kämmerlings den aus Syrien stammenden Bestsellerautoren Rafik Schami, den als Kind aus Bosnien geflüchteten Saša Staniši? sowie die aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Autoren Olga Grjasnowa, Katja Petrowskaja und Dimitri Wall.
Dennoch sei die Realität migrantischen Lebens in Deutschland in all ihrer Härte und Unversöhnlichkeit zu selten Thema gewesen bzw. oftmals von einem breiten Publikum kaum wahr- oder gar ernst genommen worden.
„Die Flüchtlingsgeschichten in der Belletristik dieses Frühjahr reichen alle Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück; sie sind keine Reaktionen auf die dramatischen Entwicklungen seit dem letzten Sommer, angesichts der Gärungszeit von Literatur könnten sie es auch gar nicht sein“, meint Kämmerlings. „Das Leben in endloser Warteschleife ist kein Patent aus dem Jahr 2015, auch wenn die Schlangen vor sogenannten Gesundheitsämtern erst jüngst zum traurigen Symbol geworden sind. Zuvor hat es nur die Öffentlichkeit kaum interessiert.“
Gewalt, Hilflosigkeit, Erniedrigung, Diskriminierung und Heimatlosigkeit sind Themen der jungen Schriftsteller. „Die Erzählung der Herkunftsgeschichte ist selbst ein Ankommen, an einem neuen Ort, in einer neuen Sprache. Der Roman ist Integration, gerade indem er auf Individualität besteht. Jede dieser Geschichten ist besonders, und es liegt eine Gefahr darin, pauschalisierend „Flüchtlings“- oder Migranten- oder Chamisso-Autoren als Subspezies der Gegenwartsliteratur auszurufen.“
Kämmerlings resümiert: „Die Geschichten dieses Frühjahrs zeigen auch: Herkunft ist ein Stoff, der nicht vorgibt, wie von ihm zu erzählen ist.“ Und „Literatur ist eine Einladung zum Verstehen. Sie anzunehmen war selten wichtiger als heute.“

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