Nikola Richter: Bücher für den Smartphone-Hals

Nikola Richter: Bücher für den Smartphone-Hals

Ich möchte jetzt keine Papierleser vergraulen, das schon mal vorweg. Ich bin zwar missionarisch, aber nicht radikal. Sie sitzen da vielleicht mit der raschelnden Zeitung. Der Duft von Druckerschwärze steigt Ihnen in die Nase, klebt an den Fingern, eventuell sogar auf dem Tisch, weil dort Kaffee verschüttet wurde, der irgendwelche zufällige Schrift auf die darunterliegende harte Oberfläche gepaust hat. Ich habe ja gar nichts dagegen! Ich finde das romantisch, gemütlich, wertvoll und traditionell.

Aber es gibt da eine Tatsache: Ich lese selbst seit vielen Jahren immer mehr auf dem Bildschirm. Erst war es der Computer mit seinen Chats, E-Mail-Programmen, Webseiten, dann kam das Smartphone mit seinen Apps, Digitalausgaben, Social-Media-Plattformen. Absolut fasziniert war ich von der digitalen Handy-Bibliothek, die meist noch so aussah, als wäre sie einem Bücherregal aus Holz nachempfunden. Nun trage ich die Weltliteratur, seit 1971 kostenlos bereitgestellt vom Gutenberg-Project, mit mir herum. Das ist meine neue Tradition.

Da rufen einige: „Bald kommt die Screen Fatigue. Alle wollen dann wieder zum Papier, weg von diesen grellen Geräten.“

Sogar im Dunkeln

In einer Krankenkassenzeitschrift sah ich einmal eine Zeichnung eines Smartphone-Halses. Das ist noch keine Krankheit, aber, so ähnlich wie der SMS- oder Whatsapp-Daumen, ein zivilisatorisches Symptom. Ein Laptop wärmt deinen Schoß durch die Jeans wie bei völlig hautfreiem Cybersex. Ein Mini-Computer liegt neben dir, wenn du einschläfst. Er leuchtet dir ins Gesicht, wenn du aufwachst, er sagt dir die Uhrzeit, er spricht mit Siri-Stimme, er zeigt dir den Weg (Mist, du wolltest doch die Ortungsdienste endlich wieder ausstellen). Der Hals beugt sich nach vorne: Dein Körper liest.

Denn die Displays bringen uns das Lesen dahin, wo gerade kein Buch zur Hand ist. Das Smartphone zu Hause zu vergessen fühlt sich mittlerweile für mich so ähnlich an, wie den Schlüssel zu Hause zu vergessen. Mit diesem Smartphone in der Hand kann ich Facebook checken, aber auch ein E-Book lesen. Sogar im Dunklen, wenn das Baby oder der Partner schon schlafen, oder in einer langweiligen Vorlesung (kein Papierrascheln beim Umblättern) oder im Transit oder beim Pendeln. Kein Extra-Gepäck nötig. Das Handy rettet das Lesen!

Daher sage ich euch: „Nein. Es gibt kein Zurück mehr in eine puristisch analoge Lesezeit.“ Bereits jetzt lesen Jugendliche (die Zukunft) sowohl digital als auch analog. Sie lesen und schreiben sogar mehr als früher wegen der digitalen Mediennutzung, die nämlich eine textbasierte ist. Gerade hat eine Studie des britischen National Literacy Trust herausgefunden, dass E-Books in der Schule die schlechte Lesekompetenz, insbesondere von Jungen, fördern. Das Scrollen und Zoomen beim E-Book-Lesen empfanden viele Schüler als anregend im Vergleich zum Lesen von gedruckten Büchern.

Aber das ist ja alles nur das Handling. Sozusagen ob der Text jetzt im Pappkarton liegt oder in einer Plastikkiste. Interessanter finde ich, welche kleinen Revolutionen das E-Book ermöglicht: Die Länge der veröffentlichten Texte ist irrelevant, da kann sehr Kurzes, Aktuelles erscheinen, aber auch tausend Gesammelte Werke. In einer Datei. Die wiegt nichts, benötigt keinen Platz im Regal, nur ein wenig Speicherplatz. Sie muss nicht gedruckt, vertrieben, gelagert werden – sie ist also eine schnellere Publikationsform für den Zeitgeist, aber ermöglicht es auch, vergriffene Titel wieder zum Leben zu erwecken.

Wichtig auch: Das E-Book ist ein offener Programmierungsstandard, der von einer Institution in Seattle überwacht und weiterentwickelt wird – das heißt, jedes E-Book der Welt ist vom Prinzip her gleich. Niemand wird ausgegrenzt. Jetzt müsste ich ein wenig technisch werden, Entschuldigung, bleiben Sie trotzdem dran. Na gut, ich sage jetzt nichts über XHTML und das Lesen von E-Books im Browser oder die lokalen Grenzen der E-Book-Shops, die noch überwunden werden müssen.

Daher nur noch ein Gedanke: Denn auch wenn Sie noch kein E-Book gelesen haben, wird vielen Ländern mit weniger Buchreichtum als bei uns nur durch das E-Book der Zugang zu Büchern ermöglicht: Die NGO Worldreader etwa bringt solarbetriebene digitale Lesegeräte inklusive der E-Books in bisher 245 Schulen und Bibliotheken in zwölf afrikanischen Ländern wie Kenia, Ghana, Uganda, Sierra Leone. Und das ist nur eines von vielen Projekten, das zeigt, dass durch das E-Book das Lesen und die Texte (und die Tradition!) bewahrt und gefördert werden. Das digitale Buch kommt als Datei in alle Ecken der Welt: per Knopfdruck, Internet, ob WLAN oder mobil. Es ist unabhängig, frei und dauerhaft. Schauen Sie mal rein in Ihr Gerät. Es gibt keine Zukunft für gedruckte Bücher. Nur eine gemeinsame: für gedruckte und digitale.

Dieser Beitrag ist zuerst in der Wochenzeitung „Der Freitag“ erschienen.

Nikola Richter (Foto: Klaas Posselt) ist Verlegerin des Digitalverlags mikrotext. Gerade erschien die Solidaritätsanthologie „Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge“, aus der alle Einnahmen gespendet werden.

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