Der Fluch der blöden Tat

„Wie konnte es soweit kommen?“, fragt der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe zur „Karriere“ des Bestsellerautors Akif Pirinçci, der seit seinem Pegida-Auftritt in Dresden nur noch als „Autor mit der KZ-Rede“ wahrgenommen wird. Als Ursache vermutet SPIEGEL-Autor Jan Fleischauer zu viele Facebook- und zu wenig wirkliche Freunde.

„Wer in seinem Leben mehr als drei Millionen Bücher verkauft hat, versteht etwas davon, was Menschen lesen und hören wollen, sollte man meinen. Wie landet so jemand auf einer Bühne in Dresden und ruiniert dort sein Leben? Fragt man Pirinçci, was passiert ist, berichtet er als Erstes von dem Facebook-Profil, das er sich vor fünf Jahren zulegte“, berichtet Fleischauer.

Die unmittelbare Resonanz von hunderten oder tausenden Facebook-Nutzern habe Pirinçci zu immer neuen provokativen Thesen angefeuert. „Die meisten Menschen, die auf seine Facebook-Einträge reagierten, schickten ihm Kommentare wie: ,Akif, Du bist einfach cool und verdammt ehrlich.‘ Oder: ,Wir sind ganz begeistert und lieben Dich wie Du bist.‘ Das hatte ihm wegen seiner Katzenkrimis nie jemand geschrieben.“

Pirinçci sei „kein wirklich politisch denkender Mensch“, sondern provoziere eher aus Lust an der Provokation selber, meint Fleischauer und zitiert Pirinçcis ehemaligen Heyne-Lektor Ulrich Genzler: Schon in der Vergangenheit habe der Autor etwa über Frauen und Minderheiten Ansichten geäußert, über die man „nur den Kopf schütteln“ konnte. Das habe Genzler in der Regel nicht ernst genommen. „Wurde es ihm zu bunt, sagte er seinem Autor, er solle den Mund halten.“

In Pirinçcis Umgebung habe es aber zuletzt niemanden mehr gegeben, der ihm sagen konnte, wann man besser den Mund hält, meint Fleischauer: Der Kontakt zu Genzler sei eingeschlafen, der Kontakt zu einem anderen engen Freund abgerissen und vor zwei Jahren sei seine Ehe in die Brüche gegangen. „Jetzt bleiben nur seine Freunde im Netz, die ihn anfeuern, dass er sich nicht kleinkriegen lassen soll.“

Pirinçci verteidige seinen Auftritt in Dresden nicht, sondern nenne ihn selbst „einen großen Scheiß“. Mittlerweile verlasse der Autor seine Wohnung in Bonn nur noch zum Einkaufen und für Arzttermine. Vor kurzem hat ihm im Restaurant ein anderer Gast seine Cola über den Kopf geschüttet. Die Inhaber der meisten Lokale in der Umgebung seines Wohnortes haben auf Nachfrage der Boulevardzeitung „Kölner Express“ erklärt, der Autor werde bei ihnen nicht mehr bedient.

SPIEGEL Nr. 46 v. 7.11.2015, S. 40

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