Ohne Diversifizierung hätten wir ein Problem

Der dpunkt.verlag hat 2014 um rund 27% auf 4,7 Mio Euro Umsatz zulegen können. Im Computer- und Fotobuchsegment belegt das Heidelberger Unternehmen nun Rang 2 hinter dem Rheinwerk Verlag aus Bonn (vormals Galileo Press).


Nach dem Studium der Physik in Kiel und Promotion in Heidelberg hat Michael Barabas 1992 seine Verlagslaufbahn beim wissenschaftlichen Springer-Verlag begonnen. Vor 20 Jahren gründete er gemeinsam mit Gerhard Rossbach den dpunkt.verlag. Seit 1999 ist er dort geschäftsführender Gesellschafter und betreut außerdem selbst einen Teil des Buchprogramms (Computing, Maker-Themen).


Die goldene Zeit des Computerfachbuchs war in den 90er-Jahren. Wie steht es heute um den Markt für EDV-Fachliteratur?
Dieser Boom ist definitiv vorbei. Es gab in den Jahren um die Jahrtausendwende noch einmal eine Renaissance des Computerfachbuchs, die mit der Entwicklung des Internets zusammenhing. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase gab es eine ziemliche Delle. Seit etwa Mitte der Nuller-Jahre ist der Buchmarkt im IT-Bereich eigentlich kontinuierlich geschrumpft. Wenn wir nicht bereits vor zehn Jahren diversifiziert hätten mit dem Einstieg in den Bereich digitale Fotografie, dann hätten wir inzwischen sicherlich ein Problem.

Data Becker hat seine Geschäftstätigkeit eingestellt, mit Pearson Deutschland, Microsoft Press und O’Reilly haben sich zuletzt wichtige Marktteilnehmer aus diesem Segment zurückgezogen. Hat das Computerfachbuch an Relevanz verloren?

Das hat unterschiedliche Ursachen: Einerseits ist der Markt insgesamt geschrumpft, darauf haben letztlich die Mutterkonzerne der genannten Verlage reagiert –, andererseits gibt es aber auch politische Gründe für diese Entscheidungen. So hat sich z.B. die strategische Ausrichtung von O’Reilly Media USA in den letzten Jahren geändert. Sie setzen verstärkt auf digitale Inhalte und vor allem auf Veranstaltungen. Auch die Schließungen von Microsoft Press Deutschland und Pearson sind im Wesentlichen auf strategische und Management-Entscheidungen der amerikanischen Mutterfirmen zurückzuführen.

Mit dem Ausscheiden der ausländischen Anbieter ist Ihre Computerbuchsparte gewachsen: Sie verlegen exklusiv die deutschen Übersetzungen von Microsoft Press und haben einen großen Teil der deutschsprachigen Programme von Pearson/Addison Wesley und zuletzt von O’Reilly übernommen. Haben Sie Ihren Marktanteil damit verdoppelt?

Wir sind schon in den vergangenen zwei Jahren verglichen mit dem Gesamtmarkt für IT gewachsen, sowohl beim Marktanteil als auch in absoluten Zahlen. Die Auswirkungen der Übernahme der Programme von O’Reilly und Microsoft Press sind derzeit noch nicht absehbar. Die Kooperation mit O’Reilly beginnt im Juli, der erste größere Schwung von Microsoft-Press-Titeln wird im Spätherbst erscheinen. Letztlich wird unser Marktanteil wachsen, aber in welchem Umfang, lässt sich noch nicht genau vorhersagen, die Erhöhung dürfte wohl im Bereich von 20 bis 30% liegen.

Welche Größenordnung peilen Sie beim Unternehmensumsatz an?

Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr auf jeden Fall die 5-Mio-Euro-Grenze überschreiten werden. Dazu tragen mittlerweile auch die Zuwächse im E-Book-Geschäft bei, das mittlerweile 12% der Umsätze ausmacht, sowie der Veranstaltungsbereich, der ein weiteres Standbein darstellt.

O’Reilly war nach Rheinwerk der Marktteilnehmer mit dem zweitgrößten Umsatzvolumen in der Warengruppe EDV/Informatik und hat zuletzt rund 60 Novitäten publiziert. In welcher Form bzw. Umfang werden Sie dieses Programm fortführen? 

Wir werden das deutschsprachige O’Reilly-Programm in einem reduzierten Umfang fortführen. Momentan gehen wir von 20 bis 30 Novitäten pro Jahr aus. Dabei werden wir uns auf die wesentlichen Programmlinien konzentrieren. Es gibt einige Schwerpunkte, die das Programm charakterisieren: Sehr erfolgreich waren die „Head First“-Titel (deutsch: „Von Kopf bis Fuß“) zu Standard-Programmierthemen, eine Reihe, die wir fortsetzen werden. Das gilt auch für das umfangreiche Programm im Bereich Social Media, bekannt als O’Reilly-Querformater. Und schließlich einige Standard-Themen, die seit langen Jahren für O’Reilly stehen: Programmiersprachen, Administration und der Web-Bereich.

Haben Sie sich auch personell verstärkt? Im Kölner Verlagsbüro von O’Reilly waren immerhin 17 Mitarbeiter beschäftigt?

Von den Kollegen haben wir sechs Leute übernommen, zwei davon in Festanstellung, die anderen auf Projektbasis. Das bedeutet natürlich auch, dass wir den Titelausstoß auf das Kernprogramm reduzieren werden.

Ihr Hauptgesellschafter ist der Heise Verlag, der unter anderem Computerzeitschriften wie „c’t“ und „iX“ herausgibt. Welche Vorteile ergeben sich durch diese Verbindung?

In erster Linie profitieren wir natürlich davon, dass die Medien von Heise in einem sehr ähnlichen Marktsegment agieren wie wir, damit haben wir günstige Möglichkeiten, für unsere Bücher Werbung mit hoher Reichweite zu schalten, außerdem kooperieren wir mit den Redaktionen. Das bringt uns bei der Themenwahl enorme Vorteile, wir sind damit stärker am Puls der Zeit.

Bleiben Sie verlegerisch unabhängig?

Wir sind seit 2001 mit der Heise Medien Gruppe verbunden. Schon in den Jahren davor hatten wir gemeinsam Buchreihen entwickelt und das Heise-Programm vertrieblich betreut. Damals war es unser Wunschpartner, und bis heute ist es für uns eine ideale Kombination, auch weil wir verlegerisch völlig unabhängig sind. Da Heise Medien im gleichen Markt agiert, besteht zudem ein gemeinsames Verständnis: Man kann davon ausgehen, dass schwierige Entwicklungen die Heise-Zeitschriften gleichermaßen betreffen. Neue Segmente wie die Fotografie und der Maker-Bereich wiederum werden unterstützt: Analog zu unserem Buchprogramm ist bei Heise das Magazin „c’t Digitale Fotografie“ entstanden und mittlerweile ist der „c’t“ die eigenständige Zeitschrift „Make“ entsprungen. Das ist im Grunde eine symmetrische Entwicklung, und da ist es naheliegend, dass wir uns gegenseitig unterstützen.

Wo gibt es mehr Dynamik und Nachfrage: Bei Titeln für Privatanwender oder für professionelle Anwender?

Wir haben ein sehr starkes Profisegment, aber in den vergangenen Jahren ist neben dem Fotobereich – der sich eher an ambitionierte Hobbyisten wendet – auch der Maker-Bereich hinzugekommen, mit Titeln, die sich ausschließlich an Privatanwender richten. Da erleben wir momentan tatsächlich einen Boom.

Welcher Vertriebsweg spielt dabei die Hauptrolle? Werden Computerfachbücher hauptsächlich online bestellt?

Tatsächlich ist der Anteil von Amazon in den vergangenen Jahren sehr stark gewachsen, im Moment stabil und 2014 sogar ein bisschen zurückgegangen. Das liegt auch ein wenig daran, dass der Anteil unserer Fotografie-Bücher gestiegen ist. Diese Bücher wollen die Leute in der Regel in der Buchhandlung vor dem Kauf durchblättern. Bei IT-Büchern wird stärker nach Titeln und Autoren gekauft, hier sind die Käufer sehr stark auf den Online-Handel fixiert. Der Online-Vertrieb insgesamt hat bei uns einen Anteil von knapp 40%.

Man bekommt den Eindruck, dass die EDV-Abteilungen in den Buchläden immer kleiner werden. Wie beurteilen Sie das Engagement des stationären Sortiments? 

Der stationäre Buchhandel mit seinen beschränkten Präsentations- und Lagermöglichkeiten ist natürlich darauf angewiesen, Titel anzubieten, die gut gehen. Die Regalmeter im Computerbuch-Bereich schrumpfen seit Jahren kontinuierlich. Da ist es nur ein Aspekt, dass vermutlich virtuelle Regalmeter online wieder hinzugekommen sind. Von daher ist diese Entwicklung nicht proportional zur Reduktion des Marktes insgesamt. Der stationäre Buchhandel hat sich darauf eingestellt, dass ein Großteil des IT-Buchgeschäfts an ihm vorbeigeht. Allerdings ist in den Buchhandlungen auch sichtbar, dass der Bereich digitale Fotografie sehr stark zugenommen hat. Mein Eindruck ist, dass wir eher eine Stabilisierung erreicht haben. Ich glaube, der stationäre Buchhandel hat verstanden, dass er seine Kunden stärker informieren muss, und es gibt zum Glück immer noch genügend Menschen, die gern in die Buchhandlung gehen. Der E-Book-Anteil ist zwar auch sehr stark gewachsen, aber in absoluten Zahlen sind gedruckte Bücher mit Abstand das Hauptgeschäft.

Warum gibt es im Computerfachbuch-Segment Umsatzpotenzial für Händler?

Zunächst einmal sind es natürlich viele individuelle Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, wie etwa Lage und Kundenstruktur einer Buchhandlung. Für Geschäfte ab einer bestimmten Größenordnung kann es durchaus interessant sein, ein entsprechendes Sortiment an IT-Themen vorzuhalten. Das gilt in größerem Maße für die Fotobücher, wo das Interesse an neuen Buchthemen noch wächst. Da spielt auch die Maker-Bewegung hinein: Das Bedürfnis, wieder Dinge selber herzustellen und kreativ zu sein, wozu ich auch die Fotografie zähle.

Wie stark ist die Konkurrenz durch kostenlose Angebote im Internet spürbar?

Aus meiner Sicht ist es sicher so, dass sich Studenten und Softwareentwickler zunehmend Informationen über das Internet besorgen. Natürlich hat das Einfluss auf den Buchmarkt, und es ist wohl der zentrale Grund dafür, dass die Entwicklung im klassischen Computerfachbuch rückläufig ist. In den 80er-Jahren war der Computer an sich zusätzlich das Hobby für viele Leute, in dieser Zeit sind auch viele Computerzeitschriften entstanden. Inzwischen ist der Computer ein Consumer-Produkt, mit dem man bestimmte Dinge kreativ erledigen kann, die IT- und Programmierthemen selbst stehen nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses der normalen Anwender.

Bei der Gründung war dpunkt als Verlag für digitale Technologie angelegt, mit einem breit gefassten programmatischen Ansatz. Mittlerweile sind Titel zur digitalen Fotografie hinzugekommen, die sogenannten Maker-Bücher und Titel für Apple-Nutzer. Ließe sich Programmspektrum inhaltlich noch erweitern?

Unser Selbstverständnis haben wir mittlerweile unter dem Slogan „Fachverlag für kreative Köpfe“ zusammengefasst, weil Kreativität nicht nur die Fotografie betrifft, sondern auch in der Software-Entwicklung und im Maker-Bereich eine Rolle spielt. Neu in unserer Planung sind Bücher zum Zeichnen. Kreativität ist eine gute Klammer, um das Programm in der Zukunft weiter zu entwickeln.

Besteht dabei nicht auch die Gefahr einer Aufweichung des Profils? Sie verstehen sich doch eher als Fachverlag für Technik und nicht als Bastelverlag.

Wir werden natürlich nach wie vor Bücher für den professionellen Bereich machen, gleichzeitig richten wir uns aber auch an ambitionierte Hobbyisten. Was die Zielgruppen angeht, da stimme ich Ihnen zu, handelt es sich um ein relativ breites Spektrum. Das müssen wir besonders im Marketing und bei den Vertriebswegen berücksichtigen. Aber es gibt durchaus auch Schnittmengen zwischen dem Computing-Markt und der Maker-Bewegung, zwischen Zeichnen und fotografischer Bildkomposition, so wie mit der Digitalfotografie und der digitalen Bildbearbeitung eine Schnittstelle von Computeraffinen zu Fotografierenden entstand.
Gehen Sie davon aus, dass sich die Schwerpunkte verschieben werden und künftig etwa Titel zur Digitalfotografie mehr Umsatz bringen als Computerfachbücher?

Das hat sich in den vergangenen Jahren bereits gezeigt: Im Moment machen der IT- und der Fotografie-Bereich jeweils 40% aus, der Rest sind Maker-Bücher. Der Anteil der Fotografie ist in zehn Jahren auf diesen Umfang gewachsen. Seit 2013 sind die Maker-Bücher von 0 auf 20% gestiegen. Unser Programm entwickelt sich ständig weiter. Wir stehen im Moment vergleichsweise gut da. Ein Rezept dafür ist, immer neue Themenbereiche zu erschließen und auf Trends zu reagieren.

Die Fragen stellte Till Spielmann

Das komplette Interview ist im buchreport.spezial RWS September 2015 zu lesen (Opens external link in new windowhier zu bestellen)

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