Das Erbe des fuchtelnden Zeigefingers

Revival der Sendung „Das Literarische Quartett“: Vier engagierte Literaturexperten debattieren über vier Neuerscheinungen. Am Freitag, 2. Oktober 2015, 23.00 Uhr wird Literaturkritiker Volker Weidermann erstmals seine beiden Mitstreiter Maxim Biller und Christine Westermann sowie einen prominenten Gast im Foyer des Berliner Ensembles begrüßen. Geplant sind sechs Sendungen pro Jahr, jeweils freitags, 23.00 Uhr.
Warum ist es richtig, „Das Literarische Quartett“ neu aufzulegen?
Volker Weidermann: Es ist ein in seinem Purismus unübertreffliches Konzept: Es geht einfach nur und direkt und ohne Umwege um die Bücher. Um den Streit darüber und darum, im Gespräch über sie den Zuschauern diese Bücher im Guten und im Schlechten nahe zu bringen. Und sie dabei, ganz nebenbei, gut zu unterhalten.
Christine Westermann: Weil das Konzept auch in hundert Jahren noch bestechend sein wird: Vier Menschen, vier Bücher, kein Schnickschnack.
Maxim Biller: Weil Romane und Erzählungen endlich wieder aus dem Rezensionsgetto der deutschen Feuilletons befreit und einem breiten, intelligenten Publikum vorgestellt werden sollten.
Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an „Das Literarische Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki?
Maxim Biller: Erstens natürlich der Verriss meines Romans „Die Tochter“, für den ich vier Jahre gebraucht hatte und von dem nach der Sendung kein einziges Exemplar mehr verkauft wurde. Und zweitens sehr viele wahnsinnig interessante, aufregende Fernsehstunden.
Volker Weidermann: Ich habe es immer sozusagen aus der Fankurve betrachtet. Ich war Student der Germanistik, das war oft mühsam, einsam, unverbunden mit der Gegenwart. „Das Literarische Quartett“ war einfach immer ein großer Spaß, bei dem man viel über Literatur, das Lesen, Bücher von damals und heute lernen konnte.
Christine Westermann: Dass die Vier immer ohne Spickzettel hantiert haben und dennoch oder gerade deswegen die schönsten Formulierungen rausgehauen haben. Mit wieviel Leidenschaft sie ein Buch gerühmt oder niedergemacht haben. Wie souverän und mit welchem Langmut Sigrid Löffler persönliche Kritik ausgehalten hat, ohne einmal den Versuch zu unternehmen, einen der Anwesenden zu würgen. Wie unbequem die Teilnehmer in ihren zu großen oder zu kleinen Designer-Sesseln hingen. Wie groß die Lust war, Bücher zu lesen, nachdem man das „Quartett“ gesehen hatte.
Was vom „alten Quartett“ möchten Sie in das „neue Quartett“ mitnehmen und was unbedingt vermeiden?
Volker Weidermann: Mitnehmen: das Temperament, die Leidenschaft, die Glaubwürdigkeit, die Schonungslosigkeit, die Energie, die Streitlust, den Humor, die Verkürzungskunst, die Kompromisslosigkeit, die Schnelligkeit, die Klugheit, die Strenge. Nicht mitnehmen: Reich-Ranickis Doppelsitzer, Frau Löfflers Frisur.
Christine Westermann: Mitnehmen möchte ich die Lust und die Leidenschaft, das Vergnügen und die Freude, Bücher zu empfehlen, die ich sehr gern gelesen habe. Die persönliche Aufregung, die sich zeigen wird, wenn ich glaube, dieser Roman geht gar nicht, weil gespreizt oder öde oder überschätzt oder schlicht langweilig. Die Mühe, das mit guten Argumenten zu belegen. Vermeiden möchte ich unbedingt, dass meiner Frisur eine entscheidende Rolle zugeordnet wird, wenn es um die Qualität der Bücher geht.
Maxim Biller: Genial am alten LQ war sein mitteleuropäischer Kaffeehaus-Touch: MRR, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler stritten sich oft so sehr, dass sie noch tagelang hinterher beleidigt waren und trotzdem saßen sie schon bald in ihrem Literatur-Café zusammen, süchtig nach dem nächsten Gespräch. Das wird jetzt wieder hoffentlich genauso sein. Vermeiden will ich nichts, garnichts, absolut nichts, um nicht zu sagen, weniger als nichts.
In welcher Rolle sehen Sie sich und was erwarten Sie von den beiden anderen der „Quartett“-Stammbesetzung?
Christine Westermann: Warum soll ich eine Rolle einnehmen? Will ich nicht. Und die anderen hoffentlich auch nicht. Ich bin Christine Westermann, das heißt ich bin klar, formuliere verständlich, produziere hoffentlich keine Worthülsen, winde keine umständlichen Sprachgirlanden. Bin mutig, zu meiner Buchauswahl zu stehen, auch wenn die Mehrheit sie unsäglich findet. Genau das wünsche ich mir auch von den anderen.
Volker Weidermann: Ich sehe mich nicht als den Mann mit dem fuchtelnden Zeigefinger in der Luft. Ich sehe mich nicht als derjenige, der gern das letzte Wort hat. Ich werde die Zuschauer und die Kritiker begrüßen, ich werde wie alle anderen auch meine Meinung entschlossen vertreten, streiten, zuhören, ins Wort fallen, Bücher feiern, Bücher verreißen, mich überzeugen lassen, aber ungern. Und am Ende fasse ich das Ergebnis des Abends zusammen und verabschiede mich und uns alle. Die anderen machen das Gleiche wie ich nur ohne Begrüßung und Abschied.
Maxim Biller: Man soll vor dem Sex nie darüber reden, wie der Sex werden soll.
Was wird für Ihren Buchvorschlag entscheidend sein?
Christine Westermann: Das weiß ich nicht. Das ist jedes Mal anders. Ein Buch zu lesen und nach dreißig, fünfzig, hundert Seiten zu merken, wie gern man das tut, das könnte entscheidend sein. Noch Tage später Bilder von einem Roman im Kopf zu haben. Anderen davon zu erzählen. Eselsohren in die Seiten zu knicken, damit man die Chance hat, Sätze wiederzufinden und noch einmal zu lesen.
Volker Weidermann: Begeisterung, Relevanz, Qualität, Gegenwärtigkeit.
Maxim Biller: Dass ich ein Buch wahnsinnig gut finde. Dass ich das Buch eines großen Autors wahnsinnig schlecht finde. Dass ich ein Buch so interessant finde, dass ich am liebsten eine ganze Sendung lang mit Christine Westermann und Volker Weidermann nur darüber sprechen möchte.
Was wünschen Sie sich persönlich für die neue Sendung?
Maxim Biller: Zwei Jahre ruhiges Arbeiten, ohne Quotenstress, ganz altmodisch.
Christine Westermann: Dass mich Leute auf der Straße ansprechen und sagen: Mensch Frau Westermann, die Sendung mit dem „Quartett“ da, die kommt zwar spät, aber ich habe das Buch von dem Dings, nein, nicht der junge Mann, der in der Sendung immer anfängt, der andere, der neben Ihnen sitzt, wie heißt der noch gleich? Also Miller oder so. Das Buch, das der empfohlen hat, ist wirklich klasse!
Volker Weidermann: Dass es Spaß macht, dass es zur Sache geht, dass keine Rücksichten genommen werden, von niemand. Dass kein Konsens gesucht wird, sondern dass im Dissens eine Art Wahrheit aufleuchtet und ein Vergnügen. Vor allem: keine Langeweile. Das zumindest sind wir Marcel Reich-Ranicki echt schuldig.
Die Fragen stellte Birgit-Nicole Krebs (ZDF)

„Das Literarische Quartett“: von links nach rechts: Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann / © ZDF/Jule Roehr

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