Abbau scheibchenweise

Lesensart plant offenbar die Schließung weiterer Läden: Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ will die Buchhandelskette des weithin unbekannten Geschäftsmanns Rüdiger Wenk, die angeschlagene Weltbild-Filialen übernommen hatte, weitere Läden dicht machen.

Unter Berufung auf Betriebsrats-Sprecher Olaf Keith meldet die „SZ“, dass die Filialen Ahlen, Bad Kissingen, Bamberg und Neuburg an das Unternehmen Euroshop untervermietet worden seien. Außerdem werde die Filiale in Viersen geschlossen.

Gegenüber buchreport weist Keith allerdings darauf hin, dass der Betriebsrat die Informationen über die geplanten Schließungen von dritter Seite erhalten habe (etwa Vermietern und Lieferanten). Fakten zur aktuellen Lage könne nur die Geschäftsführung von Lesensart liefern – die sich jedoch weder gegenüber Mitarbeitern und Betriebsrat, noch der Presse äußern will. 

Erst vor kurzem wurde die Schließung der Standorte Balingen, Dortmund, Bünde und Rostock bekannt.

Update: Der Gesamtbetriebsrat von Lesensart richtet sich in einem offenen Brief an die ehemaligen Eigentümer, Geschäftsführer und Insolvenzverwalter der 67 ehemaligen Weltbild Buchhandlungen. Der Brief im Wortlauf:

„Sehr geehrter Herr Patrick Hofmann, sehr geehrter Herr Walter Droege, sehr geehrter Herr Arndt Geiwitz,

wir – der Gesamtbetriebsrat der LesensArt Rüdiger Wenk GmbH – schreiben Ihnen heute stellvertretend für die gesamte Belegschaft der 67 ehemaligen Weltbild Buchhandlungen, die im Februar von Ihnen an Rüdiger Wenk verkauft wurden. Leider bleibt uns nur dieses ungewöhnliche Mittel der Kommunikation, da alle anderen Versuche, Sie auf unsere verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, und Sie für unser Schicksal zu interessieren, von Ihrer Seite unbeantwortet blieben.

Von Verzweiflung sprechen wir nicht leichtfertig. Wir könnten auch Fassungslosigkeit, tiefe Enttäuschung und völlige Hoffnungslosigkeit hinzufügen. Die Mitarbeiter – immerhin noch über 350 Kollegen und Kolleginnen (viele von ihnen mit Familie und Kindern) –  der ehemaligen Weltbild Buchhandlungen sind zwischen Hammer und Amboss geraten und werden seit Wochen rücksichtslos zerrieben.

Auf der einen Seite stehen unsere neuen Eigentümer LesensArt, die sich zu keiner Zeit nach dem Verkauf an das uns und Ihnen durch den Unternehmensberater B.L. Winkelhaus von der GUO Berlin vorgestellte Konzept gehalten haben. Wie es sich uns heute darstellt, war das Geschäftsmodell von Beginn an nicht auf den Betrieb einer Buchhandlung, sondern lediglich auf deren Weiterverkauf ausgerichtet. Nach minimalen Investitionen in die ehemaligen Weltbild Filialen, wurden die verkauften Filialen mehreren Filialleitern und Filialleiterinnen geradezu zum Weiterverkauf aufgedrängt: Hierzu sollten private Kredite in Höhe von rund 100.000,00 € aufgenommen werden. Die Filialleiter/innen sollten ihre Filialen kaufen bevor Mietverträge neu verhandelt bzw. der eigentliche Sanierungsprozess überhaupt begonnen hatte.

Als dies nicht funktionierte, weil die Verträge den Mitarbeitern unseriös und vor allem überteuert erschienen, begann ein psychologischer Kleinkrieg:

Ohne Information des Wirtschaftsausschusses oder des Gesamtbetriebsrates, ohne jegliche Verhandlungen der vertraglich vereinbarten Strukturkommission, ohne jegliche Verhandlung zu Interessenausgleich und Sozialplan werden Filialen geschlossen oder weiterverkauft (z.B. an eine andere Firma, an der Herr Winkelhaus beteiligt ist).

Drei LesensArt Buchhandlungen und viele Mitarbeiter sind den Herren Wenk und Winkelhaus schon zum Opfer gefallen und täglich werden es mehr, da weitere Schließungen, Verkäufe und Untervermietungen an Dritte anstehen.

Auf der anderen Seite stehen Sie, Weltbild, unsere alten Eigentümer und Geschäftsführer, die scheinbar mit Unterzeichnung des Kaufvertrages jegliches Interesse an uns verloren haben und auch jede Verantwortung für uns von sich weisen.

Und doch bestimmt Weltbild weiter über unsere Zukunft: Mit Unterzeichnung des Kaufvertrages wurden wir alle in unseren Buchhandlungen – laienhaft ausgedrückt – illegale Untermieter. Die Vermieter wurden von Ihnen über den Verkauf der Buchhandlungen monatelang nicht informiert, und als dann doch endlich die Kommunikation mit ihnen gesucht wurde, haben Sie nachweislich in mehreren Fällen nicht etwa versucht, die Zustimmung der Vermieter zum Übergang des Mietverhältnisses auf die LesensArt GmbH zu erlangen, sondern haben vielmehr die Auflösung des Vertrages bzw. die Untervermietung an einen 1-Euro Shop angestrebt.

Damit besiegelt Weltbild unser aller Schicksal, das letztendlich nur bedeuten kann, dass alle verkauften Filialen abgewickelt werden – völlig im Gegensatz zu der Fürsorgepflicht, die doch ein Arbeitgeber gegenüber seinen Arbeitnehmern nach dem Gesetz hat, und die auch in Bezug auf einen Verkauf gilt. Das Grundgesetz spricht sogar davon, dass Eigentum verpflichtet – daher bitten wir Sie sehr eindringlich, sich Ihrer Verantwortung für uns nicht zu entziehen, sondern uns zu helfen.

Wir  – die noch verbliebenen Mitarbeiter der ehemaligen Weltbild Buchhandlungen – stehen heute vor einer mehr als ungewissen Zukunft.

Die Mitarbeiter der Firma LesensArt sind immer noch bereit das ursprüngliche Sanierungskonzept umzusetzen, denn wir glauben an die Zukunft des stationären Buchhandels. Die ersten kleinen Schritte hierzu sind getan, helfen Sie uns nun auch den Rest des Weges zu gehen!“

Kommentare

3 Kommentare zu "Abbau scheibchenweise"

  1. Aktuell (6. August 2015) hat LesensArt geschlossen: Bad Hersfeld, Offenburg, Bad Kissingen, Lippstadt, Friedberg und Neuburg a. d. Donau. Damit sind es unter dem „Wenk-Dach“ nur noch 48 Läden (von großspurig 67 übernommenen)

  2. Aktuell

  3. Was sich hier innerhalb der Buchbranche abspielt, ist doch ein großer Skandal ersten Ranges.
    H. Kraft

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