Frank O. Rudkoffsky: E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (1/2)

Frank O. Rudkoffsky: E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (1/2)

Vor einem halben Jahr habe ich in einem Artikel über den Zustand der Verlagswelt bereits angerissen, dass ich E-Book-Singles derzeit für die interessanteste und innovativste Idee des Buchmarkts halte: kleine Texte mit großem Spielraum, die nur wenig kosten und wie gemacht fürs digitale Lesen sind. Anscheinend habe ich ein Faible für Underdogs, ein typischer deutscher Leser scheine ich jedenfalls nicht zu sein. Denn der interessiere sich nicht für das neue Textformat, stellte Die Welt jüngst in ihrem Feuilleton fest. Hiesige Käufer von E-Books „unterscheiden sich in ihren Vorlieben nicht wesentlich von den Käufern gedruckter Bücher. Sie wollen dicke Romane, Genreliteratur, Krimis, Thriller, Romantik, Sex. Und sie möchten auch auf dem Lesegerät keine unbekannten Autoren entdecken, sondern bleiben bei dem, was sie kennen“, schreibt Konstantin Richter. Auch Johannes Haupt, Betreiber von lesen.net, kommt aufgrund ihrer niedrigen Verkaufszahlen zu einem harschen Urteil über E-Book-Singles und bezeichnet sie gegenüber Deutschlandradio Kultur als Flop. Bei den Hanser Literaturverlagen, wo mit Hanser Box eine der prominentesten Single-Reihen publiziert wird, sieht man das anders. Als Reaktion auf den Welt-Artikel twitterte Verlagslektor Florian Kessler: „Falsche Messlatte, die neuen E-Books gleich nur auf Verkäufe abzuklopfen. Sie sine eine Erweiterung, das zählt.“ Meines Erachtens vertritt Kessler hier genau den richtigen Ansatz: Momentan sollten die kurzen E-Books nicht an den Maßstäben von Bestsellern, sondern nur an ihrem eigenen Potenzial gemessen werden. Ein neues Format braucht Zeit, um sich zu entwickeln und zu finden. Zunächst einmal müssen Grenzen ausgelotet, Möglichkeiten erkundet werden – und zwar sowohl seitens der Autoren als auch seitens der Leser. Das Format bietet Texten eine Chance, die andernfalls womöglich nie veröffentlicht würden: Manche literarischen Texte sind zu kurz oder speziell, um kostendeckend gedruckt zu werden, manche Essays oder Reportagen zu lang, um in Magazinen oder Zeitungen zu erscheinen. Nicht zuletzt entstehen inzwischen immer öfter Texte, die digitale Literatur als eigene Gattung begreifen und in Printform zwar möglich, aber unsinnig wären. Im Frohmann Verlag werden mitunter Tweets zu einem Buch zusammengefasst oder regelrechte MAXI-Singles wie das Mammutprojekt 1000 Tode schreiben veröffentlicht, bei Mikrotext können gesammelte Statusmeldungen aus Facebook den syrischen Bürgerkrieg reflektieren oder Chatprotokolle eine dramatische Flucht ins politische Asyl illustrieren.

Alles geht, nichts muss

Manche Texte funktionieren für das Format vielleicht besser als andere, aber ohne den wirtschaftlichen Zwang zum Erfolg sind die kostengünstig zu produzierenden E-Books eine erfrischende Abwechslung zu den oft ermüdend gleichförmigen, durchkalkulierten Programmen der Publikumsverlage. Ohne größeres Risiko können Autoren aus dem engen Markenkorsett, in das Agenten und Verlage sie zuweilen zwängen, ausbrechen und herumexperimentieren, sich ausprobieren. Kurzgeschichten, für die es in Deutschland noch nie einen nennenswerten Markt gegeben hat, finden eine Plattform außerhalb unverkäuflicher Erzählbände. Reportagen und Essays, denen es auf Seite drei der Süddeutschen zu eng ist, dürfen sich nun auch auf dreißig ausbreiten. Leser, die sich ihre Neugierde bewahrt haben, können sich von Texten wieder öfter überraschen lassen und neue Autoren entdecken. Das alles ist, was Florian Kessler meinte, als er davon sprach, dass E-Book-Singles vor allem eine Erweiterung seien.

Soviel zur schönen Theorie.

Bei den etablierten Verlagshäusern ist eine Reihe wie Hanser Box jedoch die Ausnahme, und diese sehen sich durch die schlechten Verkaufszahlen der Singles in ihrer Strategie vermutlich bestätigt. Stattdessen werden Texte, die wie gemacht für dieses Format wären – zum Beispiel David Foster Wallaces Erzählung Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache, sein Essay „Am Beispiel des Hummers“ oder die Rede „Das hier ist Wasser“ – zu überteuerten Printtiteln mit ABC-Schützen-Schriftbild aufgeblasen. Oder eben, sollte kein zugkräftiger Name dahinter stehen, gar nicht erst veröffentlicht. Und während die Singles bei Hanser als bloße „Erweiterung“ bislang (!) nicht zwingend zum Erfolg verdammt sind, können genuine Digitalverlage wie Mikrotext nur mit entsprechenden Leserzahlen überleben. Die Herausforderung, mit digitalen Inhalten Geld zu verdienen, stellt sich schließlich nicht bloß der Buchbranche: Im Online-Journalismus hat sich bislang nirgends eine Paywall bewährt; auch das Crowdfunding-Projekt Krautreporter steht vor einem schwierigen zweiten Jahr, in dem es ohne den Buzz des Neustarts und ein Zugpferd wie Stefan Niggemeier auskommen muss. Mit dem Einstieg von Apple ins Musik-Streaming wird der von Spotify losgetretene Trend praktisch unumkehrbar, dass kleine Labels und vor allem Künstler nur noch an einem Bruchteil der Einnahmen beteiligt werden: Die weltweit bekannte Triphop-Band Portishead etwa verdiente mit 34 Millionen Streams ihrer Songs gerade einmal 2.300 €. Beim Gedanken an E-Book-Flatrates kann einem angesichts solcher Zahlen durchaus angst und bange werden.

Digitale Literatur braucht Öffentlichkeit

Einen Grund für Kulturpessimismus sehe ich allerdings nicht: Das E-Book ist ein noch junges Medium, das sein Potenzial gerade erst zu entfalten beginnt und weitaus mehr sein kann als eine überteuerte E-Ink-Version des neuesten Bestsellers oder Genreramsch von Selfpublishern; um neue, innovative Formate beim Leser zu etablieren, braucht es aber nicht nur Zeit, sondern auch Öffentlichkeit. Bislang spielt digitale Literatur in den klassischen Feuilletons nur eine Nebenrolle – umso mehr sollten Literaturblogs über den Tellerrand blicken und ihr eine entsprechende Bühne bieten. Auch ich möchte ich in Zukunft häufiger literarische Singles besprechen – bislang habe ich lediglich Aboud Saeeds Lebensgroßer Newsticker rezensiert – und stelle deshalb im zweiten Teil dieses Beitrags bereits einige aktuelle Titel beispielhaft vor. Einen guten Überblick über die neuen Digitalverlage und interessante Gedanken zu ihren Texten findet ihr bis dahin übrigens bei Sophie Weigands Literaturen und Tilmann Winterlings 54books. Und am besten macht ihr euch sowieso gleich selbst ein Bild und stöbert ein bisschen bei Hanser Box und der E-Book-Boutique Minimore!

P.S.: Bei Culturbooks, die bereits seit 2013 E-Books veröffentlichen und in diesem Artikel sträflicherweise unerwähnt blieben, bringt man es ebenfalls sehr gut auf den Punkt: “Das eBook bietet die besten Möglichkeiten für alles, was im von Formeln dominierten Massenmarkt untergeht: ungewöhnliche Formate, Texte zwischen und außerhalb der Genres  […].” Der etwas zu kurz greifende Begriff “Single” wird bei Culturbooks darüber hinaus um die Formate Maxi, Longplayer und Album ergänzt – eine, wie ich finde, sehr sinnvolle Kategorisierung, um der Unterschiedlichkeit der digitalen Texte gerecht zu werden.

Frank O. Rudkoffsky lebt derzeit in Stuttgart als Autor und Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[pool. Neben diversen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien – zuletzt in Die Novelle 41000 Tode schreiben sowie auf der Literaturplattform 54stories – stand er 2011 mit einem frühen Auszug aus seinem Roman Dezemberfieber im Finale des Prosanova-Literaturwettbewerbs. Im Sommer 2015 erscheint sein Roman beim Verlag duotincta. Dieser Text erschien zuerst in seinem Blog.

Kommentare

2 Kommentare zu "Frank O. Rudkoffsky: E-Book-Singles: Kleine Texte mit großem Spielraum (1/2)"

  1. Meinungsfreiheit | 27. Juni 2015 um 11:30 | Antworten

    3.000-5.000 Seiten-Buch auf einem Tablet mit Retina-Display lesen – überhaupt kein Problem, dreimal schneller und angenehmer als im gedruckten Buch (Textart völlig egal/persönliche Vorlieben…);

    5.000-10.000 Seiten auf Smartphone mit Retina-Display lesen ist absolut großartig, denn man liest bei jeder Gelegenheit und zwischendurch. Die Texte sind ruckzuck verschlungen (wenn sie gut geschrieben sind);

    Mein Budget für Bücher und Zeitschriften im Jahr 500-750 Euro (weit über dem deutschen Durchschnitt) – wie viel von diesem Budget würde ich für einen Micro-Text bis Essay ausgeben? Nichts, weil meistens die besten Essays in Zeitschriften und Wochenzeitungen veröffentlicht werden (print und digital) oder der Aufwand des Kaufens dafür zu hoch ist (selbst wenn nur 1-Click mit Passworteingabe) – ggf. 2-3 testen für max. 0,99 Cent… mehr ist einfach nicht drin.

    Ihr Artikel oben? 10x zu lang und kein sinnvoller zusammenfassender Satz – keine Fachkraft liest sich so einen Text wie ihren komplett durch! Man überfliegt und bleibt ggf. kurz an wichtig erscheinenden Stellen hängen (in der Regel der letzte Satz).

    Einfach traurig.

  2. Es sei ergänzt, dass mit dem Erfolg eines digitalen Formats typischerweise auch dessen Piraterie steigt. Aber vielleicht haben die Singles Glück – beim Pricing geht’s ja nur um Peanuts.

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