Besorgte Blicke in die Zukunft

Wie sich im wachsenden Streaming-Markt zukünftig mit Hörbüchern noch Geld verdienen lässt, ist die offene Frage, die die rund 60 Teilnehmer der Hörbuchtagung in Leipzig mit nach Hause nehmen. Zwar hatte Audible seine Teilnahme an der Diskussion „Kostbarer Content oder flüchtiges Vergnügen? Das Hörbuch im Netz“ kurzfristig abgesagt und sich damit auch der Debatte um die umstrittene Hörbuch-Flatrate entzogen (buchreport berichtete). Dafür mussten sich die auf dem Podium verbleibenden Anbieter Tigerbooks, Deezer und MLX Musiclogistics den Sorgen der Verlage stellen, die ihren wertvollen Content sich in „einstelligen Beträgen vor dem Komma“ verflüchtigen sehen, wie es u.a. Theresia Singer vom Kölner Label Headroom Sound Production auf den Punkt brachte.

Gerade für kleine Verlage, die „nicht mit Bestsellern, sondern mit kleinen Schätzchen ihren Umsatz machen“, wird das Noch-Nebengeschäft Streaming zur Herausforderung, so Singers Einschätzung.

Zum Hintergrund:

  • Die Oetinger-Tochter Tigerbooks, deren Ziel es laut Geschäftsführer Daniel Kinat ist, „sämtliche digitale Kindermedien auf einer Plattform zu vereinen“, will ab Herbst zusätzlich zum Ebook- und Filmsortiment mit einem großen Hörbuchangebot an den Start gehen. Bezahlt werden kann hier im Einzeldownload sowie im Flatrate-Abo.
  • Der Musikstreaming-Dienst Deezer erweitert sein Hörbuch-Angebot ab Juni mit einer eigenen App, berichtet Geschäftsführer Michael Krause. Diese soll in das vorhandene Flatrate-Modell integriert werden, so dass Musik und Hörbücher sich den Gesamtbetrag von derzeit 9,99 Euro teilen.
  • Felix Crispino-Romahn (MLX Musiclogistics) setzt dagegen u.a. mit der 2013 gelaunchten Plattform höbu.de weiterhin zentral auf den Einzeldownload, wenngleich er wie die anderen beiden Anbieter davon überzeugt ist, dass Streaming sich innerhalb der nächsten fünf Jahre als führende Nutzungsform etabliert haben wird (Update: Siehe die ausführliche Erklärung im Kommentar).
  • Unklar ist unterdessen, ob und wie Apples neuer Streamingdienst „Apple Music“, der am 30. Juni startet, Hörbücher integrieren wird.

Für Hörbuchverlage scheint dabei eines der Hauptprobleme zu sein, dass die Abrechnung beim Streaming von der Musikindustrie vorgegeben wird und die Tracklänge im Hörbuch von durchschnittlich 15 Minuten den üblichen 3,5 Minuten langen Musik-Song um ein Vielfaches übersteigt. Einen interessanten Ansatz, mit Streaming auch Umsatz zu machen, brachte Hörbuch-Produzent Claus Vester (CC-Live Medienagentur) vor: Statt das Hörbuch in der ursprünglichen Formatierung in den Streaming-Pool einzuspeisen, empfiehlt er einen „kreativen Umgang mit Tracklängen“. Heißt: Ein Hörbuch mit 1,5 bis zwei Minuten Tracklängen spiele – vergleichbar zum Audible-Abo mit einem Hörbuch-Download im Monat – zwischen 1,50 Euro und zwei Euro ein. Diskutiert wurde, inwiefern dieser Betrag aufrecht erhalten werden kann, wenn der Flatrate-Kuchen zwischen immer mehr Anbietern aufgeteilt werden muss.
Hörbücher im Auto von morgen

Mit dem Hintergedanken neuer und möglicherweise exklusiver Kooperationen im mobilen Bereich hatte der Sprecher des Arbeitskreises Kilian Kissling (Argon) Kay Herget eingeladen. Der Marketingleiter von Bosch SoftTec, einer Tochter von Robert Bosch Car Multimedia, gab Einblicke in die Entwicklung von Hör-Systemen im „Connected Car“ der Zukunft, das immer und überall mit dem Internet verbunden ist. Apps – möglicherweise auch gemeinsam mit den Verlagen entwickelte Hörbuch-Anwendungen – werden über eine Smartphone-Integrationslösung mit der Software des Autos verbunden.

Gewichtigster Einwand: Wieso sollten Nutzer fürs Hörbuchhören eine eigene App benutzen und nicht einen der gängigen Streaming-Dienste? Auch die Verbreitung des Bosch-Systems gab zu denken: Bislang werden nur Jaguar Land Rover damit ausgestattet.

Foto: Die Sprecher des Arbeitskreises Hörbuchverlage (v.l.) Kilian Kissling (Argon), Heike Völker-Sieber (Hörverlag), Johannes Ackner (Buchfunk)

Foto: Nicole Stöcker

Kommentare

1 Kommentar zu "Besorgte Blicke in die Zukunft"

  1. Felix Crispino-Romahn | 16. Juni 2015 um 10:45 | Antworten

    Hallo,

    ich würde gerne das Zitat von mir etwas korrigieren und in einen unverkürzten Kontext stellen: Ich habe in der Diskussionsrunde gesagt, dass sich Streaming sicherlich innerhalb der nächsten fünf Jahre fest etablieren wird, allerdings gehe ich davon aus, dass der A-la-Carte Download die vorherrschende digitale Vertriebsform bleiben wird(!).

    Dies hat vor allem damit zu tun, dass neben dem generellen Wechsel weg von der CD hin zur digitalen Nutzung und neben vielen konkurrierenden Medienformen (Video, Games, Social), bei rund der Hälfte der Kunden eine breite Abneigung gegenüber der längerfristigen Bindung an einen Anbieter durch ein Abo gibt.

    Hierzu gibt es interessante und aktuelle Zahlen aus dem Zeitschriftenmarkt und von der IFPI (siehe Grafiken) und wenn man diese selbst interpretiert und nicht nur dem aktuellen medien- und marketing getriebenen Streaming-Hype folgt, gibt es gute Argumente zumindest skeptisch zu sein, ob Streaming wirklich die (alleinige) Zukunft ist.

    Aus meiner Sicht wird es wichtiger für den digitalen Markt der Zukunft sein, dass der Kunde hochwertige digitale Produkte – gut kuratiert und präsentiert – angeboten bekommt und legal und unkompliziert erwerben und nutzen kann. Dann wird er dies auch tun.

    Weltbeste Grüße

    Felix Crispino-Romahn

    HÖBU.DE
    (mlx musiclogistics GmbH)

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