Rip, mix, sell

Spätestens die Präsentation der neuen Apple-App „News“ zeigt: Der Trend zur Granulierung und zum Remix von Texten ist unaufhaltsam. Buchverlage müssen besonders auf die Konkurrenz der Presse-Verlage reagieren. Ein Kommentar von Daniel Lenz.

Für Freunde von Konzeptalben und Genießer großer musikalischer Werke war der Siegeszug von iTunes der Sündenfall der Musikbranche. Wie man auch immer dazu stehen mag – mit dem Erfolg des Apple-Shops ging eine Entkopplung der Alben einher, Musikstücke werden heute zu einem großen Teil einzeln statt in Alben verkauft, und mit Spotify hat die Granulierung bereits die nächste Stufe erreicht. Eine Entwicklung, von der die Buchbranche noch weit entfernt ist, auf die sich die Verlage aber vorbereiten müssen, gerade Sachbuchverlage.

In der Belletristik ist der Trend hin zu kürzeren Lesestücken im Digitalformat seit Jahren zu beobachten, wie in so vielen Fällen waren es Amazon-Strategen in den USA, die im Oktober 2010 mit den „Kindle Singles“ (Mini-E-Books zwischen 5000 und 30.000 Wörtern, 0,99 bis 4,99 Dollar) den entscheidenden Aufschlag machten. Seither haben viele Akteure aus der Branche nachgezogen, zuletzt Hanser mit dem Digital-Imprint „Hanser Box“. Teilweise allerdings mit mäßigem Erfolg: So ging dem auf (Mini-)Originalausgaben von hochkarätigen Autoren spezialisierten Start-up Byliner das Geld aus, und es wurde vom E-Book-Hersteller und Distributor Vook gekauft, der sich ebenfalls gerade umpositioniert; aus den Plänen von Tim Waterstone, mit „Read Petite“ ein Spotify für E-Books zu starten, ist zwei Jahre nach der Ankündigung gerade einmal nichts geworden.

Und doch wäre es fahrlässig, wenn Verlage den „Singles“-Trend abschreiben. Die Granulierung von Texten, der Remix von vorhandenen Inhalten wird sich so oder so durchsetzen, daran arbeiten besonders die Presseverlage. Der SPIEGEL zweitverwertet seine Artikel bereits seit zwei Jahren erfolgreich in Form einer E-Book-Edition. Das „Handelsblatt“ forciert wie kaum ein anderer Zeitungsverlag in seinem „Kaufhaus der Weltwirtschaft“ den Einzelartikel- und Dossier-Vertrieb. Und die „Süddeutsche Zeitungbündelt längere Artikel seit dem Frühjahr 2015 zur „Langstrecke“, der Leser kann entscheiden, ob er die Textkompilation lieber als E-Book, Taschenbuch oder Magazin lesen möchte. 

„Zeit“-Dossier oder Campus-Kapitel?

Die Angebote von Presse- und Buchverlagen überschneiden sich also immer stärker. Und der Wettbewerb wird künftig an Schärfe gewinnen, das zeigt aktuell der Blick auf das Angebot von Pocketstory. Das Start-up bietet seit Mitte Mai neben einzelnen Artikeln bekannter Presse-Verlage auch einzelne Buchkapitel von Verlagen wie Campus an – der Kunde hat dabei die Wahl, ob er zur Euro-Krise ein „Handelsblatt“-Dossier, Campus-Sachbuchkapitel oder das „J’accuse“-Essay eines Suhrkamp-Intellektuellen kauft.

Um in diesem relativ neuen Wettbewerb bestehen zu können, sollten die Buchverlage ihre weiterhin primär auf die Frühjahrs- und Herbstprogramme ausgerichteten Strukturen noch stärker umbauen: Die Produktion beschleunigen und ausweiten – um bei Suchmaschinen und in Shops eine bessere Discoverability zu erzielen, ist zunächst einmal Masse wichtig. Kleine Texte fungieren als Testballons, um neue Themen beim Kunden zu testen; Analytics-Funktionen in E-Books können das Leserverhalten künftig noch besser tracken. Vom gläsernen Leser profitieren am Ende alle, die Singles-Schöpfer wie Longplay-Experten.

aus: buchreport.magazin 6/2015  (hier zu bestellen)

Kommentare

1 Kommentar zu "Rip, mix, sell"

  1. Und wie steht das im Verhältnis zu dem Jahrzehnt der Trilogien und Reihen?

    Hier werden meiner Meinung nach zwei Dinge zusammengeworfen, die nicht zusammen gehören. Nämlich der Fach- und Nachrichten-Sektor und die Unterhaltungsliteratur.

    Die literarischen Kurzformen gab es schon immer und sie waren für Verlage immer irgendwie unhandlich und für Leser immer etwas unbefriedigend. Daher setzt sich dieses Konzept nur bedingt durch. Die Unterhaltungsliteratur geht mit der Granulierung um, indem sie die Gesamtumfänge erhöht. Romane werden immer länger, gerade in der umsatzstarken Publikumssparte. Sie erscheinen in Teilen, die digital noch mal geteilt werden. Bei klassischer Literatur ist da auch nichts mit remixen, den was will ich bei einem Roman mit Kapitel 17 wenn ich 1 bis 16 nicht kenne? Um hier neue Wege zu gehen müssen nicht die Verlage handeln, sondern Autoren, indem sie anfangen ihre Inhalte anders zu erzählen und da sind die Selfpublisher schon ganz gute Vorreiter.

    Im Fach- und Sachbuch Bereich kann ich es aber voll und ganz unterschreiben, da ist die Teilung von Inhalten ein wichtiger Faktor für das Überleben der Verlage, wobei auch hier gilt, dass für eine sinnvolle Teilung der Autor mit einem geeigneten Vermittlungskonzept den ersten Schritt machen muss.

    Das ist mal ausnahmsweise ein Thema bei dem der Vergleich zur Musik nicht wirklich gut passt, weil sinnhafter Text nicht wie empathische Musik geteilt werden kann.

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