Angela Merkel der Literatur

SPIEGEL ONLINE nimmt sich jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor – im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal „Tod zwischen den Zeilen“ von Donna Leon, aufgestiegen auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Keller: Was ist die verlässlichere Konstante im Universum der Kriminalkultur – der „Tatort“ oder Donna Leon?

Hammelehle: Was den „Tatort“ angeht, solltest Du unseren Kollegen Christian Buß fragen. Donna Leon erinnert mich eher an die ZDF-Krimis der Achtziger.

Keller: Willst Du damit sagen, dass „Derrick“ sie inspiriert haben könnte? Der erste Fall von Kommissar Brunetti ist erst 1993 erschienen – seine Dienstzeit deckt sich also eher mit der von „Wilsberg“ und „Rosa Roth“. Soweit ich weiß, hat sich Donna Leon in keinem Interview zu einer ZDF-Serie geäußert. Sehr oft aber dazu, dass sie sich von aktuellen Ereignissen, Schlagzeilen und dem venezianischen Stadtgeschehen inspirieren lässt.

Hammelehle: Dann wären die Schlagzeilen, die diesen 23. Fall inspiriert hätten, der Diebstahl wertvoller antiquarischer Bücher. Keine brennend aktuelle Thematik. Aber wozu es führt, wenn man einen Feel-good-Krimi politisch auflädt, haben wir bei Martin Walker gesehen. Insofern ist mir Donna Leons nervenschonender Upper-Class-Krimi lieber.

Keller: Nervenschonend trifft es sehr gut, auch wenn das ein ungewöhnliches Kompliment an einen Krimi ist. Aber es hat in der Tat etwas sehr Beruhigendes, sich vorzustellen, dass es irgendwo Leser gibt, die sich seit 23 Jahren jedes Frühjahr auf ein Wiedersehen mit Brunetti und Fou und Paola und den ganzen Lagunen freuen. Und nur damit es nicht zu harmlos klingt: Zu den geklauten Büchern kommt immerhin noch ein Mord!

Hammelehle: Ja. Aber damit es nicht unnötig spannend wird, biegt schon ein paar Absätze weiter der Bruder des Mordopfers um die Ecke und verrät dem Kommissar und allen Lesern, dass der Getötete, anders als es den Anschein hatte, ein Schuft war. Dieses Buch ist so harmlos, man könnte es der „Apotheken Umschau“ beilegen.

Keller: Beides dürften ähnlich viele Leute lesen. Sind wir damit offiziell bei dem Teil des wöchentlichen Gesprächs angekommen, an dem Du die fehlenden Abgründe monierst?

Hammelehle: Nein. Warum fehlende Abgründe dort monieren, wo sie nie vorgesehen waren? Donna Leon ist die Angela Merkel der Literatur. Sie hat Erfolg, weil sie Ruhe und Sicherheit bietet.

Keller: Leon liest also niemand wegen der Spannung, sondern wegen der Entspannung? Leuchtet mir ein, allemal besser als geschmacklose Thermalbäder. Um das zu begreifen, reicht es aber eigentlich den ersten und den letzten Satz zu lesen. Es beginnt mit Brunettis Klagen über seinen stressigen Montag und endet damit, dass er einen Kaffee trinkt. Maximaler Durchschnittsalltag. Was ist mit allen Sätzen dazwischen: Soll ich die lesen?

Hammelehle: Stilistisch erinnert mich das alles ein wenig an Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ – was ja kein ganz schlechtes Buch ist. Auf die Frage „Und das soll ich lesen?“ würde ich trotzdem nur dann mit ja antworten, wenn du in der Seniorenresidenz am liebsten den koffeinfreien Cappuccino mit Sahne nimmst – der ist in etwa so typisch italienisch wie Brunetti.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Im Dante-Jahr 2015 gibt es für ihn nur einen Klassiker, der einer venezianischen Bibliothek würdig wäre: Dantes „Inferno“, für deutsche Leser in der Übersetzung von Hartmut Köhler.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Trotz der vielen schlechten Kritiken mochte sie die ZDF-Krimiserie „The Team“

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