Besser als Bier schmeckt nur die Liebe

Haruki Murakamis Debüts erscheinen endlich auf deutsch. In der SPIEGEL-Bestsellerliste steht „Wenn der Wind singt/Pinball 1973“ auf Platz neun. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen? Von Maren Keller und Sebastian Hammelehle.


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor – im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller (KULTUR SPIEGEL) und Sebastian Hammelehle (SPIEGEL ONLINE).


Keller: Was hast du eigentlich 1979 gemacht?

Hammelehle: Jedenfalls hatte ich, anders als Haruki Murakami, nicht zwei Romane geschrieben. Wobei mir die im Vorwort erwähnte Geschichte von seinem Erweckungserlebnis im Baseballstadion, bei dem er die Eingebung hatte, Schriftsteller zu sein, fast so gut gefällt wie die, er habe „Wenn der Wind singt“ zuerst auf Englisch verfasst, weil er eine Schreibmaschine mit lateinischen Buchstaben hatte und sowieso kein Verhältnis zur japanischen Literatur.

Keller: Dafür hatte er eine Jazzbar. Auch nicht schlecht. Und eines Abends soll er genau den Geldbetrag auf der Straße gefunden haben, den er brauchte, um die Miete zu bezahlen. Ich wünsche mir übrigens sehr, dass diese Vorwort-Anekdote wirklich stimmt, weil sie beweist, das man dem Glück eine Chance geben sollte. Das Vorwort ist also schon einmal gut. Drängt sich die Frage auf: Wie ist der Rest?

Hammelehle: Ziemlich gut. Jahrzehntelang hat Murakami verhindert, dass seine Frühwerke übersetzt werden. Vor allem „Wenn der Wind singt“ zeigt, dass es dafür keinen Grund gab. Ein wunderbares Buch, das schon sehr viel von dem hat, was heute als typisch für Murakami gilt: die Beschreibung von Äußerlichkeiten, die trockene Feinfühligkeit bei der Schilderung von Mann-Frau-Beziehungen. Auch ein klassisches Murakami-Mädchen tritt auf: Es hat nur vier Finger an der linken Hand.

Keller: Wenn die Figuren schon so schön seltsam sind und die Beschreibungen so gut – ist die Handlung so schlecht, dass verständlich wäre, warum sich Murakami so lange gegen eine Übersetzung gewehrt hat? Oder haben wir es mit einer sehr sympathischen aber unbegründeten Mischung aus übertriebener Bescheidenheit und Perfektionismus zu tun?

Hammelehle: Wohl eher das. 1979 war die Popkultur literarisch noch nicht annähernd durchgesetzt. In den beiden Frühwerken Murakamis aber spielt sie eine entscheidende Rolle: Plattenladen, Flipper, eine Single der Beach Boys. Barbesuche, Biertrinken, Rauchen. Die Handlung beider Romane ist schnell erzählt: Es geht um Selbstfindung, um Flirts. Denn noch besser als Bier schmeckt bekanntlich nur die Liebe. Murakami reduziert seine Geschichte ebenso aufs Wesentliche, wie seine Sprache. Ich mag das.

Keller: Tatsächlich bilden diese beiden ersten Bücher zusammen mit Murakamis Roman „Wilde Schafsjagd“ eine Trilogie, die „Trilogie der Ratte“ heißt. Wer ist eigentlich diese Ratte? Und liest sich „Wilde Schafsjagd“ in diesem neuen Kontext anders?

Hammelehle: Ratte ist der Freund des Erzählers. Und Wilde Schafsjagd“ ein mitreißender Detektivroman mit fantastischen Elementen, zudem Vorbote der dicken, überschwänglich fantasievollen Romane, die Murakami später geschrieben hat. „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ verweisen eher auf Liebesgeschichten wie „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ oder seinen jüngsten Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“.

Keller: Aus aktuellem Anlass diesmal eine kleine Variation der entscheidenden Frage: Sollte der Baseballspieler Dave Hilton dieses Buch lesen, das es ohne ihn nie gegeben hätte? Und falls ja – glaubst du, er wird es auch tun?

Hammelehle: Ohne von Baseball auch nur die leiseste Ahnung zu haben, würde ich nicht nur Hilton, sondern allen, die Geschichten über die Zweifel und die gelegentliche Schwerelosigkeit des Jungseins, über den Charme des Nichtstuns in Kombination mit ein wenig Bier und viel Liebe, „ja!“ antworten, wenn man mich denn fragen sollte: Und das soll ich lesen?

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Sein liebster französischer Krimi ist „Maigret und die junge Tote“ von Georges Simenon.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Sie mag Kommissar Georges Dupin, der mehr Kaffee als Wein trinkt .

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Foto Murakami: Wakarimasita, Flickr, CC BY-SA 3.0 

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