Nicht mit Almosen abspeisen

Thomas Montasser wollte immer Autor sein; seinen ersten Roman schrieb er mit 16. Sein Jurastudium finanzierte er, jung verheiratet, mit dem Schreiben von etlichen Rechtsratgebern.

Die Honorare erlaubten es ihm, mit seiner Frau Mariam die Montasser Medienagentur zu gründen. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich als Agent. Heute ermöglicht es ihm umgekehrt die Agentur, Bücher zu schreiben.

Zuletzt erschien von ihm der Roman „Ein ganz besonderes Jahr“ (Thiele Verlag), in dem er seine Liebe zur kleinen Buchhandlung und zur großen Literatur bekennt.

Im Interview mit Michael Lemster in der buchreport-Reihe „Seitenwechsel“ äußert sich Montasser unter anderem kritisch zu den Abrechnungsmodellen der Streaming-Angebote.

Die klassischen Verlage stehen unter Druck, der inhabergeführte Handel hat zu kämpfen, und Millionen von Selfpublishing-Titeln verstopfen die Ebook-Plattformen – maue Zeiten für Agenten?

Im Gegenteil. Nie waren Agenten so wertvoll wie heute. Die Lektorate in den Verlagen sind unterbesetzt und der Markt wird geflutet von Texten jeder Art und Güte. Zugleich begeben sich immer mehr traditionelle Verlage ins digitale Geschäft. Für beide Seiten – Autoren und Verlage – sind Überblick, Erfahrung, Weitblick und eine feine Nase für die Möglichkeiten und Notwendigkeiten wichtiger denn je.

Was hat Sie am Anfang Ihrer Laufbahn bewegt, systematisch auf die Suche nach Autoren zu gehen und ihnen umgekehrt den passenden Verlag zu suchen?

Ich war Herausgeber einer Buchreihe und habe das irgendwann aufgegeben. Einige Autoren wollten weitermachen und baten mich, einen anderen Verlag für sie zu suchen. Durch Empfehlungen von Autor zu Autor ist ziemlich schnell ein ordentlicher Autorenstamm zusammengekommen. Aber natürlich sucht man gelegentlich auch den perfekten Autor für ein Thema, das man gern realisieren möchte. Das machen wir auch heute noch gelegentlich.

Was verändert sich in den letzten Jahren konkret im Markt der Agenturen?

Die meisten namhaften Autoren haben ihre Agenten, und Unbekannte aufzubauen, war zu jeder Zeit anspruchsvoll, ist es aber heute noch viel mehr, denn der Markt gibt Neulingen nur noch wenige Chancen. Wer zweimal mit einem Buch floppt, ist in der Regel raus. Schlechte Startvoraussetzungen für neue Agenturen. Ein anderer wichtiger Faktor ist der digitale Markt. Er stellt uns vor vielfältige Herausforderungen, sei es hinsichtlich der publizistischen Beratung der Autoren, sei es bei der Wahrung von Urheberrechten oder bei der Gestaltung von Verträgen. In diesem Zusammenhang sind die Diskussionen mit Verlagen und zum Teil auch mit Ebook-Plattformen heute schon fast zur Königsdisziplin unter den Aktivitäten der Agenturen geworden.

Wie viele Bieter haben Sie heute in einer großen Auktion?

Während wir dies besprechen, läuft gerade eine Auktion, in der elf Verlage gegeneinander bieten. Da sich das gebotene Honorar bereits in einer sehr ordentlichen Höhe bewegt, rechne ich damit, dass der größere Teil in den nächsten Stunden abspringen wird und vier bis fünf Verlage es unter sich ausmachen werden. Für große Auktionen gibt es naturgemäß nur eine begrenzte Anzahl an potenziellen Mitbietern. Trotzdem kann es sein, dass ein Haus, das nicht von vornherein zu den „üblichen Verdächtigen“ zählt, viel Geld in die Hand nimmt. Das hat meist programmliche Gründe und signalisiert, dass man bei dem angebotenen Manuskript erwartet, den Markt sehr gut überzeugen zu können. Ein sympathischer Faktor, der stets wichtig und bedenkenswert ist.

Experimentieren einige Ihrer Autoren mit dem Selfpublishing?

Bisher ist das bei unseren Autoren kein Thema. Wir haben einige Werke als Ebook-Originale am Markt, allerdings nur wenige. Es ist offensichtlich, dass erfolgreiche Selfpublisher oder Ebook-only-Autoren bei der erstbesten Gelegenheit darauf drängen, in einem echten Verlag ein echtes Buch zu machen. Wer ein Buch will, sucht sich eine Agentur, das ist immer noch die Regel.

Raten Sie ihnen zum Selfpublishing?

Dazu können wir niemandem raten. Es ist nichts dagegen zu sagen, man kann das machen und es kann im Einzelfall wunderbar sein. Aber einen Vorteil gegenüber einem traditonellen Verlag sehen wir darin nicht. Selfpublishing ist großartig für alle, die keinen Verlag finden.

Kann ein Selfpublishing-Titel qualitativ so gut sein wie ein klassisch produziertes Buch?

Selbstverständlich. Es gibt immer zwei Literaturgeschichten: Die offizielle, in der sich alle verlegten und bibliografierten Werke finden, und die unsichtbare, die aus den Werken besteht, die früher in Schubladen landeten. Das Selfpublishing zieht diese Schubladen auf und macht diese zweite Literaturgeschichte sichtbar. Natürlich kommt dadurch auch viel Mist ans Licht, der darunter ist. Aber da wir alle wissen, dass gelegentlich auch Mist verlegt wird und dass längst nicht jedes traditionell veröffentlichte Buch perfekt lektoriert und gestaltet ist, wäre es dünkelhaft und heuchlerisch, auf das so Veröffentlichte herabzublicken. Klar ist, in ein echtes Buch fließen Professionalität und Leidenschaft einer ganzen Reihe von Menschen ein: Lektoren, Korrektoren, Setzer, Grafiker. Es wird nicht vielen gelingen, alle diese Fähigkeiten in einer einzigen Person zu vereinen.

Macht nicht eher die Frage den Unterschied, wie professionell der Autor arbeitet? Freie Lektoren können ja auch von Autoren angeheuert werden.

Das ist richtig, setzt aber eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkritik voraus. Ich könnte es als Autor nicht. In der Zusammenarbeit zwischen Autor und Agent geht es außerdem natürlich immer um Fragen der Positionierung im Buchmarkt, der Strategie, der Suche nach Themen, die zu einem passen, nach möglichst idealen Partnern. Als Autor kennt man jeden Lektor erst, wenn man ihn einmal ausprobiert (und bezahlt) hat. Als Agent kennt man viele Menschen in vielen Verlagen und auch freie Lektoren, Übersetzer, Presseleute, da fällt es leichter, die richtige Wahl zu treffen. Apropos Positionierung: dass Selfpublishing- und Verlagstitel auf den Download-Plattformen nebeneinander angeboten werden, halte ich aus Sicht der Verlage für eine unglückliche Entwicklung. Der Käufer sieht den Preisunterschied und kauft Selfpublishing-Titel. Können wir sicher sein, dass er auf die Provenienz achten wird, sobald er damit ein paar Mal hereingefallen ist? Oder hört er vielleicht ganz auf zu lesen?

Es heißt, literarische Agenten liebten das Ebook nicht so sehr. Nun ist es ja nicht mehr wegzudiskutieren. Die Verlage haben ihren Frieden mit dieser Verwertungsform geschlossen. Sie auch?

Agenten haben nichts gegen das Ebook, sie haben nur etwas gegen Diebstahl, ob er nun durch illegale Downloads stattfindet oder durch Geschäftsmodelle, bei denen die Urheber am Ende mit Almosen abgespeist werden. Diese Gefahr sehen wir zurzeit sehr stark bei den Aboplattformen und im Streaming überhaupt. Anbieter verweigern den Autoren eine faire Beteiligung, ja sie verweigern sogar transparente Abrechnungsmodelle. Autoren sollen nicht nur möglichst nichts kriegen, sie sollen möglichst auch nicht wissen, warum sie nichts kriegen. An dieser Front müssen wir gegenwärtig besonders stark für die Rechte der Autoren kämpfen und tun es auch.

Das stationäre Sortiment beginnt sich um Ebooks zu kümmern und hartes Digital Rights Management ist in seine Schusslinie geraten. Was raten Sie in diesem Punkt Ihren Autoren?

Leser stoßen sich zu Recht an Problemen bei der Übertragung von Ebooks von Gerät zu Gerät. Plattformbetreiber und Hersteller sollten Geld für die Standardisierung in die Hand nehmen, statt dieses Problem auf Urheber und Verlage abzuwälzen.

Zur Serie: Ein Seitenwechsel ist immer spannend; er bringt Chancen und Risiken. Vor allem aber bringt er einen Wechsel der Perspektive mit sich und ein vollständigeres Bild der Dinge. Michael Lemster hat mehrfach die Seiten gewechselt: Vom Journalismus zum Verlag zum Versandhandel zum Ecommerce zum Consulting. Für buchreport befragt er Grenzgänger nach ihren Motiven und ihrem Standort – und nicht zuletzt danach, ob ihre Pläne aufgegangen sind.

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