Jeanette Hoffmann: Verlagsautoren mit Freiheitsdrang – Über Self-Publishing in Frankreich

Jeanette Hoffmann: Verlagsautoren mit Freiheitsdrang – Über Self-Publishing in Frankreich

„L’auto-édition“ – so lautet die französische Übersetzung für „Self-Publishing“. Zu lesen ist der Begriff in der dortigen Presse allerdings recht selten. Noch blicken die Medien – ebenso wie viele französische Verlage und Buchhändler – mit Skepsis auf das junge, aber auch in Frankreich stetig wachsende Segment des Buchmarktes. Charlie Bregman, Autor und Gründer einer Onlineplattform für unabhängige Autoren, präsentierte pünktlich zum Pariser „Salon du Livre“ (20.-23.3.) die Ergebnisse einer Self-Publishing-Studie, die er in den vergangenen Monaten durchführte. In welchen Genres veröffentlichen Self-Publisher vor allem? Wie erfolgreich sind sie und welches Marketing betreiben sie für ihre Bücher? Auf diese und weitere Fragen gibt die Studie Auskunft. Die Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung von 130 französischsprachigen Self-Publishing-Autorinnen und -Autoren.

Vielfach, so erläutert Charlie Bregman, besteht in Frankreich noch das Vorurteil, dass ein Self-Publishing-Autor diese Veröffentlichungsform wählt, da er bei traditionellen Verlagen nicht landen konnte. Aber: Immerhin ein Viertel (24%) der befragten Autoren sind nicht nur Self-Publisher, sondern veröffentlichen auch bei einem Verlag. Aufschluss gibt in diesem Zusammenhang auch die Frage, weshalb sich die Befragten überhaupt für Self-Publishing entschieden haben. Hauptargument ist es, als Self-Publisher sämtliche Freiheiten zu behalten (74%). Während nur ein Viertel der Befragten keinen Verlag gefunden hat, sehen die meisten Autoren Self-Publishing als gute Ausgangsposition, um sich zunächst eine Leserschaft aufzubauen und Sichtbarkeit für das eigene Buch zu erzielen, bevor sie an einen Verlag herantreten.
Demgegenüber waren 33 % der Befragten in der Vergangenheit schon einmal Verlagsautoren. Als Gründe für den „Schwenk“ zum Self-Publishing geben die Autoren beispielsweise mangelndes werbliches Engagement seitens der Verlage, ungenügende Transparenz über die Verkaufszahlen oder Unstimmigkeiten über rechtliche Fragen an. Im Self-Publishing schätzen diese Autoren die größere Lesernähe und die Tatsache, sämtliche Aktivitäten rund um die Buchveröffentlichung eigenverantwortlich planen und durchführen zu können.

Welche Vorteile sehen Autoren im Self-Publishing in Frankreich?

Die häufigsten Genres, in denen die befragten Autoren veröffentlichen, sind Romane und Gegenwartsliteratur (44%), gefolgt von Science Fiction und Fantasy (39%), Spannung (23%), Poesie (15%) und Jugend (14%). Auf Fachbücher entfällt gemäß der Befragung erst ein Anteil von unter zehn Prozent (Mehrfachnennungen waren bei dieser Frage möglich).
Die Befragung verdeutlicht auch, dass Self-Publishing in Frankreich ein noch junger Markt ist: 89% der befragten Self-Publisher haben ihr erstes Buch im Laufe der vergangenen fünf Jahre veröffentlicht, 50% sogar erst innerhalb der letzten zwei Jahre. Über die Hälfte der Befragten haben bereits zwischen zwei und fünf Büchern publiziert.
Die Self-Publisher widmen dem Schreiben zudem beachtlich viel Zeit:
• 32% von ihnen widmen ihrer Tätigkeit als Autor mehr als zehn Tage im Monat.
• 18% zwischen vier und zehn Tage im Monat
• 16% zwischen zwei und vier Tage im Monat
Was sind für die Befragten die wichtigsten Vorteile von Self-Publishing? „Freiheit und Unabhängigkeit“ ist bei weitem – für 95% der Befragten – das wichtigste Entscheidungskriterium für Self-Publishing. Flexibilität (54%), attraktive Provisionen (46%) und rechtliche Unabhängigkeit (39%) sind weitere wichtige Beweggründe der französischen Autoren, ihr Buch „in Eigenregie“ zu veröffentlichen. Und immerhin 31% der Befragten sehen Self-Publishing als Chance, sich zunächst einen Namen zu machen, um auf dieser Basis bei einem Verlag vorstellig zu werden.

Vorteile von SP_Frankreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Datenbasis: Studie L’AUTO-ÉDITION POURQUOI COMMENT POUR QUI, 2015, Charlie Bregman

Die Herausforderungen: Vermarktung und Buchhandel
Größte Herausforderung aus Sicht der Self-Publisher (83%) ist das Marketing für ihr Buch. „In Frankreich wird im Schnitt alle sieben Minuten ein neues Buch veröffentlicht“, erklärt Studien-Initiator Charlie Bregman und verdeutlicht damit, wie wichtig aktive Werbung ist, um das Leserinteresse zu wecken. „Autoren haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie eignen sich die nötigen Kompetenzen auf diesem Gebiet an oder sie suchen sich professionelle Unterstützung.“ Am meisten werde über soziale Netzwerke sowie den Familien- und Freundeskreis geworben, fasst Charlie Bregman zusammen. 49% der Self-Publishing-Autoren haben einen eigenen Blog, über den sie ihr Buch bewerben.
Während die Befragten beim Marketing eher intuitiv und auf eigene Faust vorgehen, wird beim Lektorat stärker auf die Hilfe von Experten zurückgegriffen. Über 65% der Autoren gaben an, Lektoratsservices für ihr Buch in Anspruch genommen zu haben und weitere 24% zumindest punktuell. Eine zunehmende Professionalisierung verbunden mit steigender Bereitschaft, dafür Geld zu investieren, zeigt sich also in Frankreich ebenso wie in Deutschland.
Ein Blick auf die Verkaufszahlen
Die Studie gibt auch Auskunft über die Absatzstruktur im Self-Publishing (siehe Grafik). Zum Vergleich: Ein Erstlingsroman aus einem traditionellen Verlag verkauft sich in Frankreich im Schnitt etwa 700 Mal. „Insofern kann ein Self-Publisher von fünf mit seinen Verkaufsergebnissen zufrieden sein“, kommentiert Charlie Bregman.

Absatzstruktur_SP_Frankreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Datenbasis: Studie L’AUTO-ÉDITION POURQUOI COMMENT POUR QUI, 2015, Charlie Bregman

Anders als im angloamerikanischen Sprachraum ist in Frankreich eine deutliche Affinität der französischen Autoren zu Print festzustellen. 85% der Befragten haben ihr Buch im gedruckten Format veröffentlicht. „Self-Publishing ist nicht mit der Veröffentlichung von Ebooks gleichzusetzen“, kommentiert Charlie Bregman.
Abgesehen vom Buchmarketing besteht für die französischen Self-Publisher die größte Hürde darin, mit ihrem Titel im Buchhandel vertreten zu sein. 58% der Befragten geben an, dass ihr Werk in keiner Datenbank gelistet ist, auf die Buchhändler für die Titelrecherche und -bestellung zurückgreifen. „Die Self-Publishing-Autoren zeigen große Bereitschaft für Kooperationen mit Buchhändlern. Und in der Tat wären doch Lesungen, Signierstunden und Schreibwerkstätten geeignet, um Kunden für neue Bücher zu begeistern“, betont Bregman. Buchhändler ebenso wie Verlage sollten Self-Publishing seiner Meinung nach als Chance nutzen, Autorentalente zu entdecken.

Über den Buchmarkt in Frankreich

Gemäß jüngster Erhebungen des französischen Verlegerverbandes ist das Buch in Frankreich mit einem Anteil von 51,8% zwar nach wie vor das meistgekaufte Kulturgut, noch vor digitalen Medien, Videos und Musik (Basis: GfK-Konsumdaten). 2013 verzeichnete der Buchmarkt allerdings insgesamt einen Umsatzrückgang von drei Prozent. Die Lesefreude der Franzosen ist zwar über die vergangenen Jahre konstant – immerhin 45 % von ihnen lesen laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstitutes Ipsos jeden Tag. Zugleich ergab die Studie aber auch, dass jeder Zweite gerne mehr lesen würde, jedoch entweder Zeitmangel oder die Beschäftigung mit anderen Medien dem im Wege steht. Ein weiteres Ergebnis: Neun von zehn Ebook-Nutzern lesen auch gedruckte Bücher. Ein Zeichen dafür, dass Print und das elektronische Format sich gegenseitig ergänzen.

Jeanette Hoffmann ist Leiterin der Unternehmenskommunikation tredition GmbH, Hamburg
Die Studie von Charlie Bregman „L’AUTO-ÉDITION POURQUOI COMMENT POUR QUI: Grande enquête auprès de 130 auteurs francophones“ liegt als als Ebook vor.

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