Der Gegenentwurf zum Städter

SPIEGEL Online nimmt sich jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor – im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal „Altes Land“ von Dörte Hansen, gestiegen auf Platz neun.
Hammelehle: Ich habe den Eindruck, auf dieses Buch hast du dich richtig gefreut.
Keller: „Altes Land“ erzählt ja auch die Geschichte eines dieser ehrwürdigen, knarzenden, moosigen Reetdachhäuser im Alten Land, an denen man während Ausflügen aus Hamburg raus vorbeiradelt und sich ausmalt, wer dort über Generationen hinweg gelebt haben mag. Muss man in Zukunft nicht mehr machen. Weil man lieber dieses Buch lesen sollte, über eine Zahnärztin mit wilden Pferden, eine betrogene Tischlerin mit Löchern in den Strümpfen, ein Kaninchen namens Willy und einen Kriegsheimkehrer, der nur mit Groschenromanen einschlafen kann. Wer würde sich auf so eine Geschichte nicht freuen?
Hammelehle: Auf diese rhetorische Frage gehe ich lieber nicht ein, sonst werde ich von unseren Lesern doch nur der Herzlosigkeit geziehen. Aber ich hätte auch noch ein paar Fragen. Die erste: Wenn ich es richtig verstanden habe, erschöpft „Altes Land“ sich nicht in der Beschreibung der Gegenwart, sondern erzählt auch eine Nachkriegsgeschichte – was passiert da?
Keller: In gewisser Weise das gleiche wie in der Gegenwart: Das alte Haus wird widerwillig zur Heimat von Geflüchteten. Nach dem Krieg kommt Vera an der Hand ihrer Mutter aus Ostpreußen dort an. Sie schlafen erst in der Gesindekammer, essen dann am Küchentisch, und irgendwann beansprucht Veras Mutter den Platz an der Seite des Hoferben Karl. In der Gegenwart steht dann Veras Nichte mit ihrem kleinen Sohn an der Hand auf dem Hof, die aus dem Hamburger Stadtteil Ottensen jenseits der Elbe geflohen ist. Als Klappentextschreiber könnte man sagen: Es geht um zwei unangepasste Frauen, die nach ihrem Platz in der Welt suchen. Das Buch ist aber bei Weitem nicht so platt, wie sich dieser Satz anhört.
Hammelehle: Und die Darstellung der Nachkriegszeit? Verfällt „Altes Land“ auch in jene leutselige Verharmlosung der deutschen Geschichte, die wir aus den ZDF-Eventmovies kennen?
Keller: Na ja, während in den Eventmovies malerisch weiße Kleider an der Wäscheleine in der Bergluft trocknen, hängt Vera dort auch Jahrzehnte nach dem Krieg nach jeder Nacht Karls Bettwäsche zum Trocknen auf. „Kiek man nich hen“, sagt sie zu ihrem Nachbarn. Es hat etwas sehr Bewegendes, so wortkarg und norddeutsch von einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erzählen. Genauso wenig wird übrigens das Landleben verharmlost. Man hat fast den Eindruck, dass extra zu diesem Zweck die Figur eines gefeuerten Journalisten in dem Buch auftaucht, der von seiner Abfindung eine Kate gekauft hat und plötzlich nur noch Liegerad fährt und Reportagen über Rehwurst für Slow-Food-Magazine schreibt. Stellvertretend für alle Landromantiker muss der einige Seitenhiebe einstecken.
Hammelehle: Womit wir endlich bei Ottensen wären. Ich als Ottenser frage mich: Ist dessen Darstellung als typische Hochburg der Öko-Nazis nicht arg klischeehaft? Oh, jetzt ist mir das „Nazi“ doch noch rausgerutscht. Nicht, dass ich nicht versucht hätte, schon vorhin durch die Blume darauf zu sprechen zu kommen.
Keller: Gerade du als Ottenser würdest dich wahrscheinlich über Beobachtungen freuen wie diese Beschreibung all der perfekten Mütter am Spielplatz, die, „wie gutmütige Familienhunde, die Schnuller und Trinkflaschen apportierten, die ihre Kleinkinder aus den Buggys warfen“. Ich jedenfalls fühle mich ertappt, wenn sich Dörte Hansen die alteingesessenen Bauern über die Vorliebe der Städter für Gelee aus alten Apfelsorten wundern lässt.
Hammelehle: Gerade das finde ich verdächtig: Der alteingesessene Bauer als positiver Gegenentwurf zum Gelee-Städter und die Dorfbewohnerin als die bessere Mutter. Das ist doch die „Landlust“-taugliche Variation des klassischen Exotismus-Denkmusters vom edlen Wilden. Bevor ich mich richtig aufrege und dem Buch auch noch „Blut und Boden“-Stereotype vorwerfe, kommen wir lieber zur entscheidenden Frage: Und das soll ich lesen?
Keller: Unbedingt. Mit „Landlust“ jedenfalls kann man dieses Buch überhaupt nicht vergleichen. Das wäre wie Birnen mit Holsteiner Cox zu vergleichen.
Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSpiegel. Sie mag nicht nur Land – sondern auch Großstadtromane, beispielsweise Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“.
Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. „Berlin Alexanderplatz“ findet er fürchterlich. Aber er hat sich sehr gefreut, wenn er im Ottenser Edeka dem Dichter Peter Rühmkorf begegnet ist.

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