Annie Stone: Ein Genre erwacht

Annie Stone: Ein Genre erwacht

Sex sells. Was in den visuellen Künsten bereits seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, war in der Welt der Bücher lange Zeit verpönt. Dann kam E.L. James’ „Fifty Shades of Grey“ und ein ganzes Genre ist aus dem Stiefkinddasein erwachsen.

Raus aus der Schmuddelecke

Früher hat niemand zugegeben, erotische Romane zu lesen, mittlerweile sind viele beinahe stolz drauf. Erst in den letzten paar Jahren hat dieser Bereich der Literatur sein Schattendasein verlassen, steckt also noch in den Kinderschuhen und hat sein Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft. Autoren probieren sich aus, testen, was die Leser mögen und was nicht. Es entwickeln sich verschiedene Subgenres: Erotik mit Fantasy und Dystopien gemischt, Erotik-Thriller oder eben die erotischen Liebesromane, mit denen ich mich beschäftige. Im Bereich der kommerziell erfolgreichen erotischen Literatur gibt es durchaus Grenzen des „guten Geschmacks“. So werden Geschichten über erwachsene, konsensuale Beziehungen geschrieben, die vielleicht Grenzen dehnen, sie aber nicht überschreiten. Auch bei Dark Erotica geht es im Grunde um Liebesbeziehungen, wobei hier die erotischen Momente als schlimme Erlebnisse geschildert werden.

„Das Wichtigste ist, dass die Typen funktionieren“

Das Erotikgenre funktioniert nach demselben Prinzip wie Liebesromane: Mann trifft Frau, es gibt ein paar Hindernisse und am Ende ein Happy End. Der einzige Unterschied ist, dass sich das Kennenlernen und Zusammensein der Paare auch auf körperlicher Ebene abspielt. Wo in Liebesromanen eine Zeitblende zum nächsten Morgen eingebaut wird, fängt die Arbeit von Erotikautoren erst an.

Viele Erotica erwecken den Eindruck, als sei die erotische Welt von gutaussehenden Selfmade-Billionären bevölkert, die nur darauf gewartet haben, junge unschuldige Frauen zu verführen. Ich versuche, in meinen Geschichten andere Wege zu gehen. Meine Protagonistinnen sind stark, stehen ihre Frau, leben ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie sind Ärztinnen und Anwältinnen, Schriftstellerinnen und Malerinnen. Sie sind nicht dünn, blond und schlank und ganz sicher nicht perfekt. In zwei meiner Geschichten haben die Frauen den größeren finanziellen Erfolg, in einer anderen ist die Protagonistin acht Jahre älter als der Mann. Auch meine Männerfiguren entsprechen eher dem Typ moderner Mann: starke Persönlichkeiten, die aber auch mal Schwäche zeigen und definitiv keine Machos sind. Klar sehen sie gut aus, damit sie die Fantasie anregen, aber das Wichtigste ist, dass sie als Typen funktionieren und bei den Leserinnen sympathisch rüberkommen.

Kuscheln mit den Fans

Meine Leserschaft ist überwiegend weiblich. Die meisten sind zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt, doch auch ältere Frauen lesen meine Bücher, wie ich aus den vielen E-Mails und Facebook-Nachrichten weiß, die ich täglich bekomme. Manche Fans sind mittlerweile Freundinnen geworden, weil sie regelmäßig schreiben und mich auch an ihrem Leben teilhaben lassen. Die Betreiberinnen meiner Fanpage habe ich auch schon einmal persönlich getroffen.

Meine Bücher verkaufen sich am besten über Amazon und Tolino. Interessanterweise laufen sie besser, wenn sie nicht in der Erotik-, sondern in der Liebesromane-Kategorie gelistet sind. Ich biete die Romane zwar auch als Taschenbücher an, aber bisher mache ich mindestens 95% meiner Umsätze mit den eBooks.

Liken, teilen, plaudern

Ich kommuniziere mit meinen Lesern via Facebook, meinem Blog und E-Mail. Ich nehme jede Freundschaftsanfrage an, weil ich hier nichts poste, was nicht auch jeder sehen darf.

Die Interaktion mit meiner Leserschaft ist immens wichtig. Ich beantworte jeden Morgen E-Mails und Kommentare. Ich versuche höchstens eine Stunde pro Tag auf Facebook zu sein, aber oft verbringe ich doch mehr Zeit in der schönen bunten Social Media Welt. Einfach nur etwas posten, um Interaktion zu bekommen, funktioniert nicht. Leser merken, wann man ehrlich ist und wann nicht. Fragen funktionieren meiner Erfahrung nach am besten; zum Beispiel habe ich einmal gefragt, was der beste Heiratsantrag ist und die Antwort mit den meisten Likes in einer Geschichte verwendet.

Außerdem schalte ich bei jeder Neuveröffentlichung eine Facebook Ad, aber ich kann schlecht beurteilen, wieviel das bringt, weil ich zwar sehe, wie oft sie geklickt wurde, aber  nicht, wer das Buch auch gekauft hat. Trotzdem gehören die Ads mittlerweile zum Standard bei Neuveröffentlichungen.

Unter Freindinnen

Ich habe zu etwa einer Handvoll anderer Erotik-Autorinnen Kontakt. Wir unterstützen uns gegenseitig und tauschen uns über unsere Arbeit aus. Ich sehe sie als Kolleginnen, nicht als Konkurrentinnen. Grundsätzlich besteht aber ein Wettbewerb, weil das Schreiben inzwischen bei vielen zum Beruf geworden ist, und man davon ja auch leben können muss. Ich bin bei Facebook mit vielen Autorinnen befreundet, um zu sehen, was sie veröffentlichen, was für sie funktioniert und was nicht. Ich schaue mir auch das Amazon-Ranking an, um einen Überblick zu haben, wer sich in den Top 100 tummelt. Aber grundsätzlich versuche ich, mein eigenes Ding zu machen und mich nicht zu sehr mit anderen zu beschäftigen. Ich lese selbst viel erotische Literatur, orientiere mich aber eher am englischsprachigen Markt.

Alles, was funktioniert, wird kopiert. So gibt es zahllose BDSM-Romane und andere Bücher im Stil von Fifty Shades. Doch reine Kopien verzeihen die Leser nicht; die Geschichten müssen alle einen eigenen Dreh haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in absehbarer Zeit der Markt übersättigt ist, weil es viele Themen gibt, die bisher in Deutschland noch nicht Fuß gefasst haben, z.B. der Bereich der Dark Erotica, der im englischsprachigen Raum bereits einen eigenen, sehr erfolgreichen Markt bedient. Auch der erotische Thriller ist in Deutschland noch sehr unterrepräsentiert. Das wird sich aber sicherlich bald ändern!

Wer selbst Ambitionen hat, im Erotica-Genre tätig zu werden, dem rate ich, so viel zu schreiben wie irgend geht. Man sollte sich so viel professionelles Feedback wie möglich holen, den Text so lange überarbeitem, bis er zu hundert Prozent stimmt und ihn erst dann veröffentlichen. Der erste Eindruck zählt und nicht immer bekommt man eine zweite Chance! Und man sollte sich über eines im Klaren sein: Die Sprache im Erotikgenre ist sehr direkt. Wer die Dinge nicht beim Namen nennen kann, ist hier falsch.

Annie Stone veröffentlichte innerhalb eines Jahres acht erotische Romane. Ihr neuestes Buch, erschienen im Februar 2015 bei epubli, heißt  „There have always been Fairytales“. Die Autorin schreibt unter Pseudonym, auf der Leipziger Buchmesse zeigt sie das erste Mal der Öffentlichkeit ihr Gesicht. Am 12.3. spricht sie um 14:30 auf der Autoren@Leipzig-Bühne über ihre Erfahrungen als Self-Publisherin und Erotik-Autorin.

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