Hallo E-Book-Leser, alles klar? Nein, eigentlich nicht

Wie tickt die Generation Smartphone? – Kai Wels, Digitalmanager bei Egmont Ehapa, erklärt’s.

(Bar)Camp-Formate haben auch in der Medienlandschaft inzwischen eine langjährige Tradition, und allen Variationen ist immer Eines gemein: der Versuch, den offenen Dialog auf Augenhöhe zu führen, auch ungeachtet von Wissens- und Hierarchiestufen. Oft gehört auch eine gewisse lockere bis anarchische Arbeitsumgebung dazu, die aber in der Regel die Kreativität nur fördert. Und manche fokussieren sich auf bestimmte Themen, etwa aus dem Kulturbereich, Social Media, oder – wie in Form des E-Book-Camps in Hamburg, das inzwischen auch in München eine bayrische Schwester bekommen hat – auf eine Produktform, die die Verlagsbranche beschäftigt wie schon lange keine mehr. 

Und das offene Format funktioniert auch im 4. Jahr noch sehr gut, so Andrea Schlotfeldt vom E-Book-Camp-Team (außer ihr noch Carsten Raimann, Janina Hein, Ute Nöth und Felix Wolf): „Wir alle organisieren das E-Book-Camp schon seit fünf Jahren ehrenamtlich – und halten die Veranstaltung bewusst in einem kleineren, intimen Rahmen und frei von wirtschaftlichen Interessen. Wir laden ein – und werden belohnt mit einer offenen, vertrauensvollen Atmosphäre, in der sich die gut 100 Teilnehmer auf Augenhöhe austauschen. Das gibt dem E-Book-Camp seine unverwechselbare Note.“
Vor dem eigentlichen E-Book-Camp am Samstag gab es Freitag Abend, sozusagen zu Halloween, noch eine „Lange Nacht des eBooks“ mit einem äußerst opulenten Programm, insgesamt 14 Veranstaltungen an der Zahl, die von Lesungen über Projektvorstellungen verschiedener Verlage (inklusive Führungen), Onleihe-Themen oder E-Books in der Buchhandlung bis hin zur Frage, was ein typografisch schön gestaltetes E-Book ausmacht, gingen. Und zum gemeinsamen Abschluss wurde im „Betahaus“ noch dem Mairisch Verlag zum 15-jährigen Bestehen gratuliert.
Mit der „Langen Nacht“ sollten vor allem einmal nicht die „üblichen Verdächtigen“ der Branche angesprochen werden, sondern jemand, der leider oft aus dem Fokus der Verlage gerät, nämlich „der Leser“. Unter diesem Motto stand denn auch das am darauffolgenden Samstag stattfindende E-Book-Camp, nämlich „Hallo E-Book-Leser, alles klar?“. Angesichts dessen, auf welche Herausforderungen der arglose, nicht-technische Nutzer mitunter stößt, eine durchaus berechtigte Frage.

Die Organisatoren des Hamburger E-Book-Camps: (v.l.): Janina Hein, Felix Wolf, Carsten Raimann, Andrea Schlotfeldt und Ute Nöth.

Mit diesem unbekannten „Digital-Leser“ setzte sich folgerichtig auch ein Gutteil der Sessions auseinander, etwa Berichte aus (digitalem) Buchhandel und Verlagen von der „Nutzer-Front“ mit Luise Schitteck (Readbox) und Johanna Schaumann (Hanser), oder einem Blick in die Innereien von Wattpad, der Lese-, Schreib- und Sharing-Plattform. Wie sehr die Verlags- und Buchhandelssicht auf den digitalen Nutzer von der Realität entfernt sein kann, zeigte Kai Wels, Digital Product Manager bei Egmont Ehapa Media und Berater für Digitale Transformation bei kaipiranha.de, der die „Generation Smartphone“ vorstellte und auch gleich den Finger in die Wunde Change Management seitens der Verlage legte: „Um sich den nachfolgenden Generationen von Digital Natives stellen zu können, müssen wir unsere Strukturen und Prozesse grundlegend verändern, um Produkte aus der Sicht der Leser zu entwickeln. Die Digitalisierung erfordert ein Umdenken und Transformation des gesamten Unternehmens.“

Umdenken war auch Thema vieler anderer Sessions, etwa wenn es um digitales Marketing, neue Produktformen wie „Deathbooks“ von Rowohlt bis BoD, Leuchtturm-Projekte aus dem diesjährigen „E-Book-Award“ oder den Zugriff auf Content-APIs ging. Viel Input, meinte auch Janina Hein vom E-Book-Camp-Team: „Es ist jedes Jahr wieder irritierend. Eigentlich erwartet man als Organisator am Ende eines eBookCamps ein Gefühl von ,Puh – geschafft!’. Vielmehr beginnt man aber umgehend, die unglaublich energiegeladene Atmosphäre zu vermissen und schon Pläne fürs nächste Jahr zu hegen.“

Solche Veranstaltungen werden aber auch immer geprägt durch Diskussionsströmungen abseits der einzelnen Session-Themen, und diese drehten sich hauptsächlich um zwei Punkte: 
  • Wie geht es mit der Produktform E-Book weiter? Der Epub3-Standard, der Vieles außerhalb des Fließtextes erlaubt, ist da, vor allem in Amerika werden immer mehr E-Books der nächsten Generation auch als Output-Format der digitalen Produktionsprozesse erstellt. Damit löst sich vielleicht auch das Henne-Ei-Problem, da viele Hardware-Anbieter und Plattformen noch auf einen größeren Output der Verlage an Epub3-Produkten warten. Werden wir also in den nächsten zwei bis drei Jahren neue Geräte auf dem Markt erleben, die neue Inhalte transportieren respektive darstellen können – allen voran die größte Plattform, nämlich Amazon? Wird das dem Markt neuen Schub geben?
  • Und überhaupt – der Markt. Kann das digitale Produkt endlich das unselige „Buch/Kodex“-Anhängsel loswerden und eine eigenständige Mediengattung werden mit rentablen Marktanteilen? Und gibt es überhaupt digitale Märkte, die groß genug für Autoren und Verlage sind, oder sehen wir doch bald eine Sättigung, wie in Hamburg öfters gemutmaßt?
Das vierte Jahr des E-Book-Camps Hamburg ist ein Spiegel der Branche – alles sehr spannend, viel gelernt, aber setzt der Tiger E-Book bald zum richtigen Sprung an, oder landet er doch als verlegerischer Bettvorleger, als banaler Taschenbuch-Ersatz? Oder sind wir schon im „Business as usual“ angekommen? Zumindest Letzteres darf angezweifelt werden.
Steffen Meier leitet Produktinnovation und -Marketing beim Dortmunder Digitaldienstleister Readbox.

Fotos: Steffen Meier, Andrea Schlotfeldt

Kommentare

1 Kommentar zu "Hallo E-Book-Leser, alles klar? Nein, eigentlich nicht"

  1. Ralf Biesemeier | 8. November 2014 um 17:04 | Antworten

    „Um sich den nachfolgenden Generationen von Digital Natives stellen zu können, müssen wir unsere Strukturen und Prozesse grundlegend verändern, um Produkte aus der Sicht der Leser zu entwickeln. Die Digitalisierung erfordert ein Umdenken und Transformation des gesamten Unternehmens.“ – Produkte aus der Sicht der Leser entwickeln … dem ist relativ wenig hinzuzufügen, finde ich …

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