Wie tickt der Leser?

Während HarperCollins in den vergangenen Monaten den Direktvertrieb massiv verstärkt hat, nähert sich Penguin Random House vergleichsweise vorsichtig dem Leser. In Großbritannien kombiniert der Verlag mit „My Independent Bookshop“ (hier mehr Infos) eine Bücher-Empfehlungs-Plattform mit einem Shop. Im Interview ziehen Projektmanagerin Harriet Foster und Digital Publisher Dan Franklin nach einem halben Jahr eine erste Bilanz.

Verlage wie HarperCollins forcieren ganz massiv ihren Direktvertrieb. Wie weit ist Ihr Verlag?
Dan Franklin: Unser Fokus liegt zunächst ganz klar darauf, den Konsumenten besser kennenzulernen: Wer sind unsere Leser? Wo sind unsere Leser? Was wollen unsere Leser? Und wir versuchen Kanäle aufzubauen, über die wir mit ihnen kommunizieren können. Unser Team arbeitet an mehrere Themen, darunter Digital Publishing, Kundenforschung, Kundenbindung, digitales Marketing und Produktentwicklung. Aber ganz initial müssen wir erst bestimmen, wie unser Selbstbild aussieht und auf welche Weise wir an die Kunden herantreten wollen – erst danach können wir uns daran machen, Bücher zu verkaufen.

Ihr Projekt „My Independent Bookshop“ verbindet Eigenvermarktung, Datensammeln und das traditionelle Bücherverkaufen…

Harriet Foster: Der ursprüngliche Gedanke hinter „My Independent Bookshop“ war der, die „Sichtbarkeit“ (discoverability) zu verbessern. Es geht um persönliche Empfehlungen, um Kritiken und Rezensionen von Gleichgesinnten, um Entdeckungen und auch um die Personen, die hinter den Empfehlungen stehen. Es geht also zunächst nicht so sehr darum, dass Penguin Random House zu der Community spricht, sondern darum, dass eine Community betreut wird, in der die Leser miteinander sprechen können. Durch das Projekt lernen wir natürlich eine ganze Menge über neue Trends, darüber, welche Titel die Leute wirklich fesseln und welche Bücher aufgrund von persönlichen Empfehlungen gekauft werden. Außerdem erfahren wir, was die wichtigsten Einflussfaktoren sind: Sind es Autoren, Prominente, Freunde oder die Familie? Wichtig ist außerdem die Zusammenarbeit mit Hive, die den E-Commerce-Teil übernommen haben – eine wichtige Kooperation, mit der wir die unabhängigen Buchhandlungen stärken.

Scheut Random House den offensiveren Direktvertrieb?

Franklin: Nein, wir haben immer schon Bücher und E-Books direkt über unsere Homepage verkauft, aber wir sehen uns nicht in erster Linie als Händler, dafür gibt es sehr viele gute Partner. Das etablierte System des Buchhandels funktioniert weiterhin.
Der Buchhandel regt sich auf über den Direktvertrieb der Verlage.

Foster: Ja, klar, aber ich glaube nicht, dass wir einen gravierenden negativen Einfluss auf ihre Verkäufe haben werden. Es gibt zahlreiche Wege zur Koexistenz. Wir wollen ja dezidiert mit „My Independent Bookshop“ die unabhängigen Buchhändler in diesem Branchen-Ökosystem stärken.

Wie lautet Ihr erstes Fazit nach sechs Monaten „My Independent Bookshop“?

Franklin: Wir sind zufrieden damit. Wir haben über 7000 Nutzer, etwa die Hälfte hat einen Bookshop eingerichtet. Jetzt wollen wir in Phase zwei einsteigen und einzelne Dinge verbessern. Wir wollen nicht zu einem Goodreads werden, wir versuchen, individuelle Leseerfahrung zu schaffen, und man wird sehen, was für Zahlen am Ende dabei herauskommen. Wir werden weiter investieren und das Ganze auf jeden Fall fortsetzen. Wir haben schließlich eine gewisse Führungsverantwortung auf dem Gebiet, denn viele andere Verlage haben nicht die Ressourcen, um so ein Projekt zu betreiben. 

Tom Weldon, Chef von Penguin Random House UK, sagte, dass das Hauptproblem für Verleger nicht in der Digitalisierung, sondern in der Sichtbarkeit bestehe. Warum funktioniert Discoverability online nicht so gut wie im Laden?
Franklin: „Sichtbarkeit“ in dem Sinne, dass Bücher vom Leser entdeckt werden, ist kein wirkliches Problem, vielleicht eher ein Verleger-Problem. Es geht darum, wie man die wirklich relevanten Bücher miteinander verbindet. Wir sehen ja am Erfolg von Selfpublishern in den Bestsellerlisten, dass die Leser grundsätzlich keine Probleme dabei haben, neue Bücher zu finden. Wir brauchen aber bessere Filter, damit Leser schneller die passenden, guten Bücher entdecken. Indem wir Lesern einen Raum geben, eine Konversation über Bücher zu führen, tragen wir dazu bei. 

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