Buchhandel nimmt Selfpublisher in Beugehaft

Auch wenn längst kaum noch neue Argumente in der Amazon-Konditionendebatte (hier unser Dossier)  ausgetauscht werden – die Protestkultur der offenen Briefe findet weiterhin Zulauf. Auch internationale Medien berichten über die jüngste Kritik von nun über 1000 deutschen Autoren an Amazon.
Amazon manipuliere Empfehlungslisten und verzögere die Auslieferung von Büchern – dies sind die zentralen Vorwürfe des offenen Briefes, der am Freitag im Wortlaut veröffentlicht wurde und der bis dato von fast 1200 Autoren (Stand: 18. August 2014) unterschrieben wurde, darunter Doris Dörrie, Amelie Fried, Elfriede Jelinek, Sten Nadolny, Nele Neuhaus, Ingrid Noll, John von Düffel, Ferdinand von Schirach und Juli Zeh.
Bis in die „New York Times“ haben es die Initiatoren rund um Nina George mit ihrem Brief an Jeff Bezos und Ralf Kleber geschafft.
Im neuen „Focus“ wirft Bestsellerautor Daniel Kehlmann dem Onlineunternehmen vor: „Das Geschäftsmodell von Amazon nimmt langfristig in Kauf, ja beabsichtigt wahrscheinlich sogar, dass die Verlage ihre Tätigkeit nicht fortführen können. Dann kann Amazon billig alle Autorenrechte erwerben und alle neuen Bücher selbst verlegen – und dieses Ziel verfolgt der Konzern, indem er zur Etablierung seiner Marktmacht gigantische Verluste in Kauf nimmt. Es ist nicht zu begreifen, warum die Kartellbehörden nicht reagieren.“
Doch ähnlich wie in den USA, wo Hugh Howey, Sprachrohr der Selfpublishing-Szene, für Amazon in die Bresche sprang, widersprechen auch hierzulande Autoren dem Vorstoß von George & Co. Selfpublisher Ste­fan Holz­hauer nutzt die gleiche Argumentation der Verlagsautoren und wendet sie – freilich per offenem Brief – gegen den klassischen Buchhandel, der Selfpublisher boykottiere: „Wir Self­publis­her sind der Mei­nung, dass kein Buch­ver­käu­fer den Ver­kauf von Bü­chern be­hin­dern oder gar Kun­den vom Kauf von Bü­chern ab­hal­ten sollte. Der Buch­han­del hat kein Recht, eine Au­to­ren­gruppe, ,in Beu­ge­haft‘ zu neh­men.“ Holzhauers Fazit:  „Soll­ten nicht der sprich­wört­li­che kleine Buch­händ­ler und der kleine Self­publis­her zu­sam­men­ar­bei­ten? Wenn das ginge, sä­hen die Go­li­aths zu­min­dest im Be­reich Self­publis­hing ziem­lich dumm aus.“
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Kommentare

4 Kommentare zu "Buchhandel nimmt Selfpublisher in Beugehaft"

  1. @Holger Ehling ~ 37 Kommentare zum Thema (davon nicht alle negativ) von 4100 Mitgliedern ist keine großflächige Ablehnung. „Drastische Formulierungen“ sind mir aus der Gruppe wohlbekannt. Die halten Sie aber nicht ernsthaft für einen Qualitätsmaßstab?

  2. Stefanie Maucher | 20. August 2014 um 11:24 | Antworten

    Ich habe diesen offenen Selfpublisherbrief ebenfalls nicht unterzeichnet. Zum einen, weil ich ihn anders formuliert hätte, zum anderen, weil ich das ganze Rumgehacke aufeinander, das momentan stattfindet, reichlich sinnlos finde.
    Die Fragen drängen sich auf, ob es kein interessanteres Thema gibt, um das Sommerloch zu füllen und ob denn wirklich jeder, der irgendwie schreibt, nun einen Blogbeitrag oder ähnliches zum Thema veröffentlichen muss.
    Natürlich wäre es schön, wenn der Handel auch Selfpublishing-Titel vertreiben würde, doch glaube ich ernsthaft, ein offener Massen-Brief würde das bewirken? Eher nicht. Genausowenig glaube ich, dass Amazon sich von dem der Verlagsautoren beeindrucken lässt. Statt unseren Atem zu verschwenden, während zwei milliardenschwere Unternehmen ihren Konditionskampf ausfechten, sollten wir uns lieber auf unsere Kernkompetenz konzentrieren: Das Schreiben von Büchern.

  3. Ich bin Komponist, noch nie wurde ein Werk von mir von den Berliner Philharmonikern aufgeführt. Auch das ist eine empörende Wettbewerbsverzerrung! Die Berliner Philharmoniker sind voll die Knechte vom Kartell der klassischen Berufskomponisten und so! Aber auf YouTube kann man mein Zeug finden. Philharmoniker, geht mit der Zukunft und sperrt zu! Wer braucht Euch? Es lebe YouTube!

  4. Zum Brief von Stefan Holzhauer: Dieser findet bei den Selpublishern ein sehr geteiltes Echo. In der Facebook-Gruppe Self Publishing, wo er veröffentlicht wurde, werden Inhalt und Stil des Schreibens mit zum Teil drastischen Formulierungen abgelehnt, von den mehr als 4100 Mitgliedern dieser Gruppe hat nur ein Bruchteil unterschrieben.
    Allgemein zum Thema Buchhandel und Selfpublisher: Der Buchhandel täte gut daran, vor allem die lokalen Autoren ernst zu nehmen – es handelt sich ja schon lange nicht mehr um die endzeitverwirrten Geschreibsler früherer Zeiten. Sehr oft sind es hoch professionelle Autoren, die mit guter Schreibe und gutem Marketing gutes Geld verdienen. Viele von ihnen sind „local heroes“ mit einer ordentlichen Fangemeinde. Veranstaltungen im Laden mit solchen Autoren können eine außerordentliche (lokale) Öffentlichkeitswirksamkeit entfalten, die dem Sortiment nur nützlich sein kann. Natürlich sollte der Buchhandel den jeweiligen Titel prüfen – aber wenn diese Prüfung negativ ausfällt, dann kann man ja auch ABstand nehmen von einer Zusammenarbeit. Der Buchhandel hat jedenfalls bei einer Annäherung an die Selfpublisher nichts zu verlieren.

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