Kritiker bringen es auf den Punkt

In diesem Jahr sind erstmals gleich zwei Sortimenter in der Jury. Warum ist es wichtig, dass auch Buchhändler vertreten sind?
Wir Buchhändler sind die Vermittler zwischen Autor, Verlag, Vertreter und der lesenden Bevölkerung. Ohne Buchhandlungen vor Ort kann die Literatur eigentlich nicht vertrieben werden, auch wenn Amazon kräftig dagegenarbeitet. Wir hören oft von unseren Kunden, dass ihnen die Beratung und der persönliche Kontakt wichtig seien. Das alles schafft nur der stationäre Sortimentsbuchhandel.
Welche Erfahrungen hat Ihnen die Juryarbeit gebracht? 
Offen für Texte zu sein. Texte ohne Vorurteile zu lesen, nur Worte zu werten und einen tollen Einblick in die gegenwärtige deutschsprachige Literatur zu bekommen.
Wie bewältigt man 167 Titel?
Die Einsendungen werden unter den Jurymitgliedern aufgeteilt, jeder muss ungefähr 20 bis 30 Bücher besprechen. Wichtig ist, über dieses Pensum hinaus so viel wie möglich zu lesen. Untereinander teilen wir uns unsere Leseeindrücke per E-Mail mit. Dann zeigt sich, wo Diskussionspunkte sein könnten.
Wie schaffen Sie dieses Pensum neben der täglichen Arbeit?
Da ich in Vollzeit arbeite, habe ich viele Abende, Wochenenden und einen Teil meines Urlaubs investiert. Ich habe gelernt, quer zu lesen. Der Zeitdruck ist groß und lässt einem keine andere Wahl, als ökonomisch zu lesen.
Und wie war der Austausch mit den Jurykollegen?
Sehr gut, aber ich bin keine professionelle Kritikerin. Kritiker können auf den Punkt formulieren, das bewundere ich. Als Buchhändlerin bin ich eher an der Praxis geschult. Ich kann erkennen, was gute Literatur ist und sie entsprechend verkaufen.
Kommt es öfter vor, dass Sie als Buchhändlerin abraten von einem Buch, obwohl es sich gut verkauft?
Wir sind in der schönen Situation, dass das Publikum in unserer Buchhandlung schon etwas verwöhnt ist und eher literarisch liest. Natürlich verkaufen wir auch Bestseller, aber diese Bücher brauchen unsere Hilfe nicht.
Hat die Longlist in der Vergangenheit für Nachfrage in der Buchhandlung gesorgt?
Die Longlist haben wir natürlich immer wahrgenommen, aber die meisten Kunden fragen eher nach der Shortlist. Dann zeichnet sich auch ab, welche Titel sich zu Verkaufserfolgen entwickeln.
Susanne Link,
1970 in Koblenz geboren, studierte Anglistik, Politikwissenschaften und Kanadistik, bevor sie die Ausbildung zur Sortimentsbuchhändlerin bei Stephanus Bücher in Trier absolvierte. Seit 2005 leitet sie dort die Universitätsbuchhandlung Stephanus.

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