Michael Stühr: Verlagsbranche auf Selbstmordkurs

Michael Stühr: Verlagsbranche auf Selbstmordkurs

Wenn man den Berichten der Medien folgt, ist die gedruckte Publikation, sei es Zeitschrift, Zeitung oder Buch, mausetot. Selbst Verbandsorgane twittern regelmäßig über die “Printkrise” und das “Zeitungssterben”. Die Zahlen dagegen sprechen eine andere Sprache: Die Anzahl der Zeitschriften ist seit Jahren steigend, der Umsatzanteil von E-Books in Deutschland ist immer noch geringer als 10 Prozent. Die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen ist seit Jahren stetig rückläufig, aber es gibt keinen “Smartphoneknick”, die Entwicklung ist also unabhängig von den “neuen Medien”. Wie kommt also eine ganze Branche, die immer noch im Wesentlichen von gedruckten Titeln lebt, dazu, auf ein derartiges Selbstmordkommando zu gehen? Ein Erklärungsversuch.

Die Situation ist inzwischen so schlimm, dass schon eine selbsternannte “Grafikpolizei” dem Selbstmordkurs Paroli bieten will: Print lebt! Sie sucht aber noch nach Fakten, die das belegen… Vielleicht ist die Faktensuche sinnlos, da das eigentliche Problem nicht in der rationalen Situation, sondern in der Psyche der Branche liegt.

Und wie sieht die derzeitige psychische Situation der Branche aus?

Angst lähmt und führt zu Hoffnungslosigkeit

Die allgemeine Stimmung der Branche ist “Krise” und Angst. Was heißt denn Krise? “Krise ist die Bezeichnung für einen Verlust des emotionalen Gleichgewichts. Oft geht dieser Verlust mit hohem gefühlsmäßigem Druck einher, der vom Betroffenen mit den erlernten Bewältigungsmöglichkeiten nicht oder nicht sofort behoben werden kann.” (Zitat PflegeWiki). Oder medizinisch: Zuspitzung des Krankheitsgeschehens.

Suizidgefährdet? Die Auflagenmillionäre von heute, könnten morgen schon ins Gras beißen. Foto: Artmann

Suizidgefährdet? Die Auflagenmillionäre von heute könnten morgen schon ins Gras beißen. Foto: Artmann

Der Patient ist also aus dem Gleichgewicht geraten und zeigt gefährliche Krankheitszeichen. Das mit dem Gleichgewicht stimmt auf jeden Fall, der zweite Teil ist branchengefühlt wahr. Aber statt an seiner Genesung zu arbeiten und die “Krise” zu überwinden, verfällt der Patient in eine tiefe Agonie und wähnt sich schon tot. Der zukunftsgerichtete Blickwinkel wäre: Wir sitzen nicht in einer “Krise” fest, sondern sind (stolzer) Teil eines aufregenden Wandels (klingt doch schon viel freundlicher).

Selbst die Großen der Medienbranche treibt die Angst um: Statt zu handeln fürchten sie sich vor Google und Amazon. Alle haben sie Angst vor den Internetriesen und deren Dominanz. Tatsache ist doch: Geht man vom verfügbaren Kapital und den vorhandenen Ressourcen aus, müssen wir uns alle vor diesen Firmen beugen. So schnell und effizient, wie sie reagieren und vermarkten können, das schaffen wir nicht. Schon gar nicht in Deutschland, wo wir das Verkaufsgen nicht im Blut haben. Die weit verbreitete Reaktion darauf in den Verlagen ist pure Angst um den Verlust des Umsatzes und der Bedeutung. Deshalb baut Herr Döpfner gerade den Axel Springer Verlag über Portale mit Bezahl- und Rubrikeninhalten zu einem Internetkonzern um. Er glaubt nur noch an Digital, verkauft einen Großteil seiner Printtitel und schmälert damit sogar seinen Gewinn. Auch ein Weg, aber angstgetrieben und nicht an Fakten ausgerichtet.

Aus der Psychologie erfahren wir, dass Angst lähmt. Jeder Depressive weiß das nur zu gut. Aber wie wird aus einem Depressiven ein Selbstmordkandidat? Durch Hoffnungslosigkeit. Die Branche hat sich insgeheim aufgegeben, kapituliert vor den Googles und Amazones dieser Welt, oder träumt wie Herr Döpfner davon, es diesen gleich zu tun. Sie glaubt nicht mehr an sich selbst und ihre Stärken – und das ist die eigentliche Katastrophe. Sie folgt blindlings den Gurus des Internet statt ihren Kunden zu folgen.

Nicht die Medieninhalte ändern sich, sondern Nutzungsvielfalt ist gefordert

Und wie behandelt man Depressionen? Mit Antidepressiva und Stimmungsaufhellern. Einer davon ist der Blick auf die gelebte Wirklichkeit: Eine Umfrage unter meinen Studenten (die allerdings nicht repräsentativ ist) ergab, dass einige neben digitalen Medien auch Zeitschriften lesen, wenn interessante Inhalte angeboten werden. Der überwiegende Teil aber liest nach wie vor Bücher – übrigens gedruckt, nicht digital. Der Mix macht es also – trotz Dauerdaddeln mit dem Handy.

Das Problem ist also nicht das vermeintliche Verschwinden von Print, sondern die hohe Diversifikation der Mediennutzung, die eine Einordnung schwierig macht. Wir müssen damit leben, dass unsere Kennzahlen in Zukunft eine deutliche Unschärfe aufweisen werden. Entweder müssen wir ganz genau analysieren, was schwierig werden dürfte, oder wir gehen per se von Schnittmengen aus. Jemand, der vorwiegend MP3 hört, kauft auch CD´s (ich); jemand, der überwiegend gedruckte Bücher liest, freut sich auf dem Weg zur Arbeit über sein E-Book; jemand, der Nachrichten überwiegend digital liest, kauft samstags auch die lokale Tageszeitung.

Jeder Verlag wird in Zukunft wird mit seinen spezifischen Problemen zu kämpfen haben und seinen eigenen Weg finden müssen. Das wirksamste Antidepressivum aber ist die Umsetzung von zwei banalen Weisheiten:

“Das Glas ist halbvoll” und “Jede Krise birgt eine Chance”

Die allererste Handlung sollte also sein, den Journalisten auf die Finger zu klopfen, dass sie den ganzen Quatsch mit “Print ist tot” und “Zeitungssterben” endlich mal lassen. Sonst wird das irgendwann eine selbsterfüllende Prophezeiung zu Ungunsten der jungen Generation und unserer gesamten Kultur. Im zweiten Schritt muss in den Verlagen das Vertrauen in die eigenen Stärken und der erfinderische Mut der frühen Tage zurückkehren. Dazu gehört zu allererst der Glaube an sich selbst. “Yes we can.” Nicht den Wandel ertragen, sondern mitbestimmen. Nicht kaputtsparen, sondern “investieren, wenn die Kanonen donnern“.

Anstelle der Konsultation von Beratern wäre vielleicht ein psychologisches Coaching angebracht – wie im Sport üblich (siehe Nationalmannschaft). Dieses könnte dann die Grundlage schaffen, die Realität so zu sehen, wie sie eigentlich ist – lebendig, diversifiziert und hungrig nach intelligentem Futter in allen Variationen.

Michael Stühr ist Geschäftsführer der MarkStein Software GmbH und Lehrbeauftragter an der Hochschule Darmstadt. Der Artikel ist zuerst auf der Seite von MarkStein erschienen. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Kommentare

1 Kommentar zu "Michael Stühr: Verlagsbranche auf Selbstmordkurs"

  1. Ein Text, der mir aus der Seele spricht. Der von eigentlich intelligenten Menschen hoch bejubelte Social-Media Quatsch, die Likes und Friends bei Facebook und Konsorten entlarven sich als das was es schon immer war, ein riesen Schwindel und eine gigantische Geldvernichtungsmaschine (ode Umverteilungsmaschine), von der eine ganze Zunft selbsternannter Besserwisser lebt. Ein Beispiel aus einer anderen Branche (Dienstleistung, Handwerk). Zigtausend Follower, Investitionen in alles was das Internet hergibt und der Erfolg, sprich generierte Umsätze ist nicht messbar (die Likes sind zählbar, aber das ist auch schon alles.) Ein gut platziertes Inserat mit Antwortgutschein (als Beispiel), ein Presseartikel bringt messbare Umsätze für einen Bruchteil der Kosten. Print ist nicht tot, aber das Internet fängt an zu stinken.

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