Laternen in der Bücherlandschaft

Uli Coenen war oberster E-Plus-Innovator, bevor er in die Buchbranche wechselte. Als Mitgründer von Flipintu setzt Coenen beim Suchen und Finden von Büchern an. In der neuen Serie „Seitenwechsel“ (veröffentlicht im buchreport.magazin Juni/2014) interviewt Michael Lemster den Manager.


Uli Coenen gehört zu den Referenten der Konferenz buchreport.360° zum Thema „Wie Verlage den Leser entdecken – und was das für Programm, Marketing und Vertrieb bedeutet“. Weitere Informationen in diesem PDF.


Elf Jahre waren Sie als oberster Innovator bei E-Plus. Wie innovativ geht es in einem Telekommunikations-Unternehmen zu?
Die Telekommunikations-Branche ist ja noch eine relativ junge und daher gewohnt, sich systematisch neue Entwicklungen und Trends anzuschauen. Für mich eine tolle Chance, viele Geschäftsmodelle und Unternehmer in der digitalen Welt kennenzulernen und besser zu verstehen. Das mobile Internet hat zwar lange bis zu seinem Durchbruch gebraucht, aber kommt dafür jetzt mit ungeheurer Macht. So sehr Innovation Teil der Technologie- und Telekommunikations-Branche ist, liegt der Fokus doch vor allem auf der Maximierung von Erträgen aus dem Kerngeschäft. Das ist völlig legitim und nachvollziehbar, bringt aber das „innovator’s dilemma“ mit sich: Je mehr Potenzial in einer neuen Anwendung steckt, umso größer die Gefahr, dass sie dem Kerngeschäft kurzfristig schadet. Whats-App und andere Phänomene sind gute Beispiele.

Schon seit einigen Jahren lief Ihr eigenes Beratungs-Unternehmen nebenher. Vergangenes Jahr entschieden Sie sich, nur noch auf diese Karte zu setzen. Ist Ihnen dies gut bekommen?

Uneingeschränkt ja! Ich habe E-Plus und viele meiner Kollegen sehr geschätzt, aber für die persönliche Entwicklung gibt es nichts Produktiveres, als die Komfortzone zu verlassen und sich auch mal den Themen und Interessen zuzuwenden, die sich naturgemäß im Konzern nicht ausleben lassen. Dem Full-Service +Dienstwagen und dem Komfort einer persönlichen Assistenz abzuschwören ist hart, aber gesund.

Warum die Verlagsbranche?

Hier müsste ich jetzt wahrscheinlich einen spektakulären Gründungsmythos zum Besten geben, aber für den hatte ich noch keine Zeit (lacht). In Gesprächen mit unseren Mitgründern Ralph Möllers und Harald Henzler ist meinem Freund Michael Ladendorf und mir schon vor längerer Zeit klar geworden, dass der Verlagsbranche ein Sturm der Veränderung ins Haus steht wie kaum einer anderen Branche. Wenn man Veränderungsprozesse liebt, was liegt da näher, als die Windmühle nach dem stärksten Sturm auszurichten?
Ihre gemeinsame Erfindung Flipintu ist im Mai 2014 live gegangen: Eine Website, die Verlagsinhalte und Blogbeiträge zu einzelnen Büchern zusammenträgt und gleichzeitig ein eher schmalspuriger Shop ist. Warum ist das eine gute Idee?
Wenn man sich das Internet auf einer abstrakten Ebene ansieht, dann drehen sich viele der erfolgreichen Geschäftsmodelle um das Suchen und Finden von Inhalten. Und damit meine ich definitiv nicht nur Google. Wer im unsortierten digitalen Raum Laternen an den richtigen Straßenecken aufstellt und den Menschen damit passende Wege aufzeigt, der bietet einen großen Mehrwert. Was bisher fehlt, ist ein solches System von Straßenlaternen für die schiere Masse von Büchern und anderen digitalen Leseformaten. Das ist genau das, was Flipintu ausmacht: Hilfe bei der individuellen Entdeckung von Leseinhalten.

Gibt es nicht genug Buchshops im Internet?

Wir hätten eigentlich nichts dagegen, überhaupt keine Bücher selbst zu verkaufen – da sind andere im Zweifel erfahrener und besser. Unser Kern sind Entdeckung und Empfehlung. Bei allem Idealismus müssen wir aber auch Einnahmequellen entwickeln – da liegt das Verkaufen der empfohlenen Inhalte denkbar nah.

Steckt in Ihnen am Ende ein Entrepreneur statt eines Beraters?

Von beidem etwas und dann auch wieder beides nicht. Mich interessieren Transformationen und radikale Umbrüche mit all ihren Aspekten: Menschen, Technologien, Organisationen?… In meinen 20 Berufsjahren habe ich bemerkt, dass meistens zu fragmentarisch mit solch wesentlichen Veränderungen umgegangen wird. Mein großes Anliegen ist es, an vielen Orten dazu beizutragen, dass Transformationen besser gelingen. In dieser Hinsicht dürfen Sie mich einen „Missionar“ nennen.

Ist die Verlagswelt tatsächlich eine besondere Branche, als die sie sich selbst sieht, oder spielt da ein Quäntchen Selbstverliebtheit mit?

So ziemlich jede Branche sieht sich als etwas Besonderes. Solange ein solches Selbstverständnis dabei hilft, eine gute Balance zwischen Kommerz und tieferem Auftrag zu finden – was ich in vielen Verlagen wahrnehme –, ist das eine gute Sache. Wenn dieses Bild nur dazu dient, sich vor Veränderungen schützen zu wollen, ist es leider sehr gefährlich. Die digitale Transformation aller Medien ist in vollem Gange. Ob man es mag oder nicht: Der Versuch, sich dem zu widersetzen, ist in etwa so nützlich wie aus Verdrossenheit nicht zur Wahl zu gehen – am Ende erstarken diejenigen, die in puncto Schnelligkeit und Know-how näher am Nutzer, Leser oder Käufer dran sind. Selbstverliebtheit würde ich das deswegen aber nicht nennen – es ist ja oft genug auch Ratlosigkeit.

Glaubt diese Branche an sich?

Wenn man das Destillat des Selbstbewusstseins aller Medienmanager extrahieren könnte, dann wäre das wahrscheinlich ein starkes Tonikum. Allerdings nehme ich manche Äußerung zur Zukunft der Branche auch als Pfeifen im finsteren Wald wahr. Mit den meisten der Verantwortlichen würde ich definitiv nicht tauschen wollen, da noch viel traditionelles Geschäft verloren geht, bis sich vielleicht wieder mehr Optimismus breit macht. Viele wissen: Das Erzählen guter Geschichten und das Spinnen kluger Gedankenfäden ist zeitlos und geht im Digitalen nicht einfach weg. Nicht jede Geschichte braucht einen Verleger, aber Verlage haben einzigartige Fähigkeiten, die Geschichten in die Welt zu bringen. Eine Menge dieser Fähigkeiten bleiben auch im „Lande Digitalien“ ganz wichtig; das von der Kanzlerin erwähnte Neuland muss man allerdings erst mal betreten, bevor man dort siedeln kann.

Reden Sie gelegentlich auch mit Buchhändlern?

Das tun wir in der Tat regelmäßig. Da keiner von uns ein seelenloser Investor ist, sondern wir im Gegenteil leidenschaftliche Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Haptik und Erlebnis sind, empfinden wir persönlich das Wegsterben des traditionellen Buchhandels als traurig. Ich habe mich viel mit dem neuen Trend – oder Hype? – Cross-Channel-Commerce auseinandergesetzt und sehe eine Reihe von Chancen, die digitale Welt und den physischen Laden besser zu verknüpfen. Ideen haben wir mit Flipintu dazu eine Menge, müssen aber wiederum jetzt erst mal unsere Startphase erfolgreich absolvieren.

Wenn Sie mal einen Innovationsvergleich ziehen zwischen Telekommunikations- und Medienbranche: An welchen Punkten ist die Medienbranche innovativer, und wo hat sie echten Aufholbedarf?

Innovation darf nie Selbstzweck oder eine bloße Story sein, insofern scheue ich einen direkten Vergleich. Sicher ist aber, dass es eine Menge Branchen gibt, die deutlich größere Anteile ihres Umsatzes in neue Technologien und Geschäftsmodelle investieren als die meisten Verlage. Ich würde aber auch niemals einem Verleger empfehlen, sein Geld in mehr oder weniger beliebige digitale Geschäftsmodelle zu stecken, nur um „dabei zu sein“. Es ist viel mehr eine Haltung von Offenheit, Neugier und Flexibilität die mancherorts guttun würde.
Zur Serie: Ein Seitenwechsel ist immer spannend; er bringt Chancen und Risiken. Vor allem aber bringt er einen Perspektivwechsel mit sich. Michael Lemster hat mehrfach die Seiten gewechselt: Vom Journalismus zum Verlag, zum Versandhandel, zum E-Commerce, zum Consulting. Für buchreport befragt er Grenzgänger nach ihren Motiven und ihrem Standort – und nicht zuletzt danach, ob ihre Pläne aufgegangen sind. 
Uli Coenen kommt aus der Telekommunikations-Branche und kennt Vodafone von innen seit der Zeit, als es noch Mannesmann hieß. Über zehn Jahre diente er E-Plus, zuletzt als Chief Innovation Officer, bis er sich 2013 als Berater, Coach und Business Angel selbstständig machte. Coenen ist Wirtschaftswissenschaftler mit Diplom der Uni Duisburg.

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