Gesicherter Raum für Experimente

Mit Blick auf die Musikbranche liegt der Schluss nahe, dass der Abschied von DRM für E-Books nur eine Frage der Zeit ist. Doch der Vergleich hinkt, zumindest heute, erklären Michael Hofner und Ingo Eichel. Die buchreport.webinar-Referenten im Interview.


Am 20. Mai widmet sich buchreport mit einem Webinar den Perspektiven des harten Kopierschutzes in der Branche – mit Befürwortern und Gegnern unter den Referenten. Im Webinar wird Michael Hofner u.a. die unterschiedlichen DRM-Systeme (Apple, Amazon, Adobe) vergleichen. Ingo Eichel zeigt Funktionen und Perspektiven des neuen Adobe-Kopierschutzes.  Hier weitere Infos.


Kaum ein Thema ist so umstritten in der Buchbranche wie DRM. Was ist in den letzten Jahren schief gelaufen bzw. wo erkennen Sie die Schwachstellen?
Michael Hofner: Die Buchbranche hat von Anfang an vieles richtig gemacht. Wir haben – im Gegensatz zur Musikindustrie – „nur“ drei relevante Systeme für hartes DRM im Markt: Apple, Amazon und Adobe. Da waren gerade in der digitalen Anfangszeit der Musikindustrie wesentlich mehr Varianten im Umlauf und damit der Rückschluss naheliegend, dass die Verwirrung und letztendlich die Frustration für den Nutzer wesentlich größer war, als ich dies heute im Buchumfeld erlebe. Es ist eine gewöhnliche Entwicklung, dass in Märkte mit geringem digitalem Absatzanteil in der Anfangsphase DRM zum Einsatz kommt. Die Gründe liegen auf der Hand: Es gilt die rechtlichen Aspekte zwischen den Beteiligten der Verwertungskette zu klären (Autor <-> Verlag <-> Distributionsplattform), dies erfordert Zeit, aber auch einen „gesicherten Raum“ für Experimente bzw. zur Sammlung von Erfahrungswerten. Anschließenden erfolgt eine Lockerung der DRM-Maßnahmen. Diesen iterativen Prozess konnte man sehr gut in der Musikindustrie beobachten. Zunächst stellte der damalige Pionier Apple den iTunes-Store nur den Mac Nutzern zur Verfügung, auf die USA beschränkt und mit DRM versehen. Auf Basis der positiven Absatz-Erfahrungen gelang es dann den Vertrieb auf weitere Regionen und später auch auf die Windows-Nutzer auszuweiten. Es folgten weitere Distributionsplattformen von anderen Anbietern mit einer Vielzahl von DRM-Systemen und letztendlich dem Fall von DRM.
Was bedeutet das für den E-Book-Markt?
Michael Hofner: Wir haben heute im E-Book-Markt die Situation, dass die Leser je nach Ökosystem auf bestimmte Lesegeräte bzw. Betriebssysteme beschränkt sind. In der Praxis spielt dies aus meiner Sicht jedoch eine untergeordnete Rolle für die Akzeptanz von E-Books und deren Absatzentwicklung an sich. Mit den Einschränkungen wird der durchschnittliche E-Book-Leser – wenn man von solch einem sprechen darf – erst beim Wechseln der Hardware konfrontiert sehen und dies geschieht in der Regel erst nach dem Kauf einiger Titel, wenn den überhaupt. Bei Apple und Amazon ist der Bezahl- bzw. Auscheckprozess durch das DRM nicht unnötig kompliziert. Anders sieht es bei Distributionsplattformen mit Adobe DRM aus. Hier ist im Auscheckprozess des Warenkorbs in der Regel mindestens einmalig mit der zusätzlichen Eingabe einer Adobe-ID verbunden. Dass dies aber auch anders geht, hat die Tolino-Allianz bewiesen. Hier kommt zwar ebenfalls das Adobe DRM zum Einsatz, jedoch die Eingabe der Adobe ID ist lediglich erforderlich, wenn der Anwender am Computer lesen bzw. nicht die Tolino Endgeräte bzw. Lese-Apps nutzten möchte.
Ein Anwendungsszenario, das ohne DRM derzeit nicht realisierbar wäre, ist die zeitliche Begrenzung der Nutzung. Dies betrifft einerseits öffentliche Bibliotheken bzw. aggregierte Services und andererseits aber auch die stark im kommenden Geschäftsmodelle auf Abo-Basis, die gleichzeitig eine möglichst unabhängige Geräte- bzw.App-Nutzung ermöglichen sollen.
Wo steht die Buchbranche im Vergleich zur Musikbranche, die sich von DRM verabschiedet hat?
Michael Hofner: Die Märkte sind schlicht in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Vergleicht man den Anteil des Umsatzvolumens physischer zu digitalen Umsätzen im Musikumfeld – auf DRM wurde dort bei den größten Plattformen Amazon und Apple seit 2008 bzw. 2009 verzichtet –, so fallen dort zwei Dinge auf (S. Charts am Ende des Artikels): 
1. Der Anteil physischer zu digitalen Umsätzen lag dabei bei mindestens zwei Drittel zu einem Drittel – natürlich je später in der Betrachtung, desto höher der digitale Anteil.
2. Der digitale Absatz erlebte durch den Verzicht auf DRM keine signifikaten Absatzsteigerung. Das Wachstum blieb fast linear. Zugegeben, in einer Übergangszeit von fast drei Jahren bekam man zumindest bei Apple lediglich DRM-freie Musik (mit gleichzeitig höhere Qualität der Bitrate) nur gegen einen Aufschlag von ca. 30%.
Werfen wir einen Blick auf den deutschen Marktanteil des E-Book-Absatzes zum physischen Absatz: Wir liegen bei ca. 10% Digitalanteil.
Ingo Eichel: Ein Unterschied ist aus meiner Sicht aber auch, dass es schon immer einfacher war, an digitale Musik heranzukommen: Das Rippen von CDs dauert Minuten, und die Qualität ist hervorragend. Ein gedrucktes Buch zu kopieren und digital zur Verfügung zu stellen ist wesentlich aufwändiger, und meist leidet auch die Qualität. D.h. die Gefahr von Raubkopien und Zugriff auf fremde Dateien war im Musikgeschäft deutlich größer als im Buchmarkt, und so war man hier auch schneller gezwungen, einen unkomplizierten Zugriff legal herzustellen und die Stücke DRM-frei zu verkaufen.

Welche Ziele verfolgt Adobe mit dem Update des eigenen DRM-Systems?

Ingo Eichel: Im Wesentlichen reagieren wir hiermit auf Nachfragen aus dem Markt. Kunden wollten eine erhöhte Sicherheit für Ihren DRM-Schutz. Außerdem bereiten wir uns damit auch für neue Technologien im Epub-Umfeld vor. Im Übrigen werden wir auch die bisherige Technologie weiter anbieten – so dass damit Verlage oder Reseller die Wahl haben, welche Technologie sie einsetzen möchten bzw. wann für sie der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel ist.

In englischsprachigen Märkten haben sich einige auch größere Verlage (zumindest Imprints größerer Verlage) von hartem Kopierschutz verabschiedet. Wird dort die DRM-Front eher bröckeln als hierzulande?

Michael Hofner: Ich denke ja, da wir hier bereits ein anderes Verhältnis im Hinblick auf den Anteil des digitalen zum physischen Absatz haben. Andererseits sind dort die Marktgegebenheiten im Bezug auf DRM-Systeme, Reader-Landschaft und Verbreitung der einzelnen Geräte einerseits breiter und andererseits ausgeglichener, was letztendlich den Druck zum DRM-Verzicht auf Verlage nochmals zusätzlich erhöht.

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