Bücher sind keine Ochsenkarren

Der auf buchreport.de zusammengefasste Vortrag von Tim Renner zur Digitalisierung der Buchbranche hat nicht nur in der Kommentarspalte von buchreport.de, sondern auch im Feuilleton hohe Wellen geschlagen. Andreas Platthaus geht in der „FAZ“ sogar so weit, dem Musikmanager und neuen Kulturstaatsminister Berlins die Kulturkompetenz abzusprechen. 
Bei einer Veranstaltung des E-Book-Dienstleisters Readbox hat Renner der Buchbranche geraten, sich vom Wunsch einer „Kontrolle des Wandels“ zu verabschieden und dem Leser endlich „Angebote auf Augenhöhe“ zu machen. 
Die Reaktionen folgten prompt. „FAZ“-Feuilleton-Redakteur Andreas Platthaus (bei der Veranstaltung nicht vor Ort) stempelt diese Aussagen als „unpräzise“ und „nichtssagend“ ab. Insbesondere die von Renner hergestellte Analogie zwischen Buch und E-Book und Ochsenkarren und Auto stößt ihm bitter auf: Bücher seien schließlich keine Ochsenkarren. Doch auch der Vergleich zwischen Musikhören und Lesen hinke, weil das Bücherlesen – im Gegensatz zum Musikhören – eine eigene Kulturtechnik sei, die erst einmal erlernt werden müsse.
Cornelia Geissler verweist in der „Berliner Zeitung auf die von Renner gewünschten „Angebote auf Augenhöhe“ und fragt sich, in welcher Höhe dieser denn seine Augen habe: „Die Branche wäre dumm, würde sie in vorauseilendem Gehorsam ihr Engagement für das klassische Produkt vernachlässigen und sich allein auf das digitale konzentrieren. Sie würden sich von den Augen der Leser abwenden.“ 
Auch „SZ“-Feuilleton-Chef Andrian Kreye greift die Debatte im Blog der „Süddeutschen Zeitung“ auf und verteidigt Renner mit Blick auf seine Erfahrungen. Der Streit um seinen Auftritt sei aber durchaus exemplarisch: „Denn das wirklich Deprimierende an den ganzen digitalen Kulturdebatten ist ja, dass es in den letzten 15 Jahren selten um Kultur ging, sondern um: Logistik, Bürokratie, Rechtsfragen, Vertriebs- , Präsentations- und Geschäftsmodelle, diesen ganzen öden Betriebswirtschaftskanon eben.“ 

Kommentare

3 Kommentare zu "Bücher sind keine Ochsenkarren"

  1. VieleleserIN, ebook und analog | 16. April 2014 um 14:51 | Antworten

    Nein, Bücher sind keine Ochsenkarren aber E-Books auch keine Autos. Aber so funktioniert nun mal das Stilmittel Analogie, Herr Platthaus.
    Und die obige Aussage bezüglich des Lesens und Hörens ist mir nicht ganz klar. Nehmen wir doch mal die Phantasie zur Hand und denken statt an Musik einfach allgemein an Audios, konkret an Hörbücher, und es wird ein Schuh draus. Wichtig bleibt doch die Essenz: Lieber Buchmarkt, Handel, liebe Verlagswirtschaft, macht bitte nicht die gleichen Fehler, wie die Musikindustrie, denn der Kunde/die Kundin ist im Zweifel der/dieselbe.

  2. Tim Renner hat nah genug miterlebt, wie die dereinst hochlukrative Musikbranche auf kleinste Brötchen umgestellt wurde (Stichwörter: mp3, Napster etc.). 50% Umsatzverlust in zehn Jahren! Erst jetzt konsolidiert sie sich einigermaßen, durch Flatrates wie Spotify u. ä. und neue Vertragsgestaltungen (finanzielle Beteiligung an Konzerten) und weil das Personal fast nur noch aus Praktikanten besteht. Zu vermuten, dass der Buchbranche ein ähnliches Tal der Tränen bevorsteht, ist völlig legitim und plausibel. Warum wundert sich eine aktuelle GfK-Studie denn, dass auf einen verkauften Ebook-Reader nur ein halbes verkauftes Ebook kommt? Warum sollte denn künftig irgendjemand Ebooks kaufen, wenn das umfangreichste und qualitativ beste (DRM-freie) Angebot (gerade auch von deutschsprachigen Büchern) auf sehr bekannten russischen Seiten umsonst angeboten wird? Oder die merkwürdigerweise immer noch als legal geltende Seite scribd.com, das höchstpopuläre „Youtube für Dokumente“, das de facto schon eine Flatrate betreibt (böserweise aber Autoren und Verlagen meist nichts bezahlt)? – Wer nicht hören will, muss fühlen.

  3. Johannes Monse | 16. April 2014 um 13:22 | Antworten

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie Dinge von Menschen kommentiert werden, die diese nur aus zweiter oder dritter Hand kennen. Ich hatte das Glück, beim readbox-Kundentag den Vortrag von Tim Renner zu hören. Als Verleger habe ich sehr aufmerksam zugehört. Und ich fand die Bemerkungen von Herrn Renner sehr aufschlussreich und passend. Aber sich aus der Ferne zu mokieren, ohne den genauen Wortlaut und Kontext eines Vortrages zu kennen, das lässt mich nur den Kopf schütteln. So entstehen Scheindebatten, unabhängig davon, wie man zu Renners Sichtweise steht. Unnötig. Aber vielleicht ist die so etwas künstlich hochgezüchtete Debatte ja am Ende für sich konstruktiv – warten wir es einmal ab.

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