Der Tag des Rotstifts

Erst sanieren, dann verkaufen – bei einer Betriebsversammlung hat Arndt Geiwitz (Fotomontage: buchreport.de) seine Pläne zur Restrukturierung von Weltbild offengelegt. Der Insolvenzverwalter kündigte tiefe Personalschnitte bei der Belegschaft an und zeigte sich vorsichtig optimistisch, anschließend einen Investor präsentieren zu können. Die Kirche schießt weitere Millionen nach, um die sozialen Härten abzufedern. 

„Der Weg bis zum Gelingen einer gesamtheitlichen Sanierung der Verlagsgruppe ist noch hart und der Ausgang des Verfahrens noch nicht gewiss, ich bin jedoch vorsichtig optimistisch“, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter. Angesichts eines Verlusts von rund 100 Mio Euro im vergangenen Jahr sei es nicht mit „ein wenig Kosmetik“ getan, vielmehr gehe es ums Überleben, es sei ein schnelles und zielgerichtetes Handeln nötig, um weitere hohe Verluste zu vermeiden, die in einer Insolvenz nicht entstehen dürften. Ein reines Gesundsparen könne jedoch nicht auf Dauer die Profitabilität sichern. „Grundsätzlich muss für eine Sanierung zunächst ein gesunder Kern heraus gearbeitet werden, auf dem wir dann aufbauen können“, erklärte Geiwitz.

Auch die Gewerkschaft Verdi und der Betriebsrat sagten, es gebe einen erheblichen Restrukturierungsbedarf. Derzeit verzeichne Weltbild wegen der „hohen Strukturdichte“ Verluste (auch wenn bei den 100 Mio Euro Verlust im Jahr 2013 Sonderfaktoren wie Abschreibungen zu berücksichtigen gewesen seien), die Umsatzentwicklung sei jedoch im Plan. Ab 2015 sei wieder mit schwarzen Zahlen zu rechnen. 

Die Einschnitte: 

  • Vor den versammelten Mitarbeitern erklärte Geiwitz, dass zum 1. April 582 Mitarbeiter aus den Bereichen Verwaltung und Logistik aus dem Unternehmen ausscheiden sollen.
  • Im Spätherbst werden voraussichtlich bis zu 74 weitere Mitarbeiter Weltbild verlassen. Unter dem Strich sind dies 656 von zuletzt 1680 Mitarbeitern, die abgebaut werden.
  • Rund 240 Mitarbeiter haben das Unternehmen seit Insolvenzantrag bereits durch Eigenkündigung verlassen.
  • Laut Verdi wird auch im Führungsbereich deutlich Personal abgebaut, die Führungsmannschaft sei „größtenteils ausgetauscht“, sagte Timm Boßmann, Verdi-Sprecher bei Weltbild.
  • Wer das Unternehmen verlassen soll, das wurde nicht im Rahmen der Betriebsversammlung, sondern soll am Freitag (20.3.2014)  bekanntgegeben werden.
  • Entgegegen der ursprünglichen Pläne soll das Callcenter – mit weniger Mitarbeitern – fortgeführt werden, auch der Logistikbereich gehört, anders als von Geiwitz zunächst beabsichtigt, zum Verkaufspaket. Um die Logistik „leistungsfähiger aufzustellen“, will Geiwitz neben der personellen Verkleinerung für eine stärkere Auslastung durch Drittgeschäft sorgen.

Die soziale Abfederung:

  • Verdi zeigt sich sehr zufrieden damit, dass man einen guten – im Rahmen eines Insolvenzverfahrens sogar „einzigartigen“ –  Tarifvertrag habe aushandeln können:
  • Die entlassenen Mitarbeiter dürften vergleichsweise lange (12 Monate) in einer Transfergesellschaft fortgebildet werden, um sich für neue Jobs schulen zu lassen.   
  • Die Mitarbeiter erhalten bis zu einem Jahr unter Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld eine Aufstockung auf 85% und in unteren Lohngruppen sogar 90% ihrer bisherigen Nettoeinkommen. 
  • Jeder entlassene Mitarbeiter erhält eine Abfindung.
  • Die Kirche zahlt einen zweistelligen Mio-Betrag (unter 40 Mio Euro) auf ein Treuhandkonto, mit dem Abfindungen für entlassene Mitarbeiter und die Transfergesellschaft finanziert werden.

Die Investorensuche:

  • Geiwitz gab laut Verdi bekannt, dass es fünf potenzielle Investoren gebe (ohne Namen zu nennen; diese seien nur dem Gläubigerausschuss und Geiwitz bekannt), die hinsichtlich Art und Umfang sehr unterschiedlich seien. 
  • Es gebe die Frist, bis 24. März verbindliche Angebote abzugeben; die Verhandlungen könnten aber noch bis Mitte Mai andauern – in dieser Phase finanziert Weltbild die Personalkosten nicht mehr über die Arbeitsagentur, sondern aus eigenen Kräften. 
  • „Ich bin nach der Sichtung der unverbindlichen Angebote zwar vorsichtig optimistisch, das Ergebnis eines Investorenprozesses ist bis zum endgültigen Abschluss aber immer völlig offen“, so Geiwitz. 

Die Filialsanierung:

Unabhängig von der Restrukturierung der Zentrale soll das Filialnetz verkleinert werden, und zwar, wie bekannt, innerhalb des eigenen Schutzschirmverfahrens. Mit Entscheidungen zu den Filial-Standorten werde frühestens Ende April 2014 gerechnet, so Geiwitz; buchreport hatte kürzlich vermeldet, dass bis zu 100 Standorte zur Disposition stehen. Die genaue Zahl der Schließungen steht noch nicht fest, weil die Verhandlungen mit Vermietern, insbesondere den ECE-Einkaufszentren, in denen Weltbild sitzt, noch laufen.

Die neue Marktpositionierung:

Der Multichannelansatz von Weltbild soll beibehalten bleiben, dabei spiele das Filialnetz weiterhin eine wichtige Rolle, so Geiwitz, doch die Multichannel-Struktur soll „professionalisiert“ werden. Konkret sollen die Marketingkosten reduziert und besser verteilt werden. Geiwitz arbeite gemeinsam mit Weltbild-Mitarbeitern und mehreren externen Beratern an einer deutlichen Positionierung von Weltbild.

 

Die ehemalige Retouren-Halle von Weltbild war bei der Betriebsversammlung bis auf den letzten Platz gefüllt (Foto: Verdi).

„Wir haben zehn harte Wochen hinter uns“, sagte Peter Fitz, Betriebsratschef bei Weltbild; man habe durch mehrere Aktionen erreichen können, dass es weitere finanzielle Zusagen der Kirchengesellschafter gegeben habe. Der Druck der Mitarbeitervertreter habe auch dazu geführt, dass ein Konzept der Unternehmensberatung Roland Berger dahingehend verändert wurde, dass es keine Zerschlagung der Servicebereiche gebe und Weltbild als Ganzes veräußert werden könne. Fitz erinnerte noch einmal daran, dass der Betriebsrat schon 2013 auf eine Restrukturierung des Unternehmens gedrängt, die Geschäftsführung aber seinerzeit nicht reagiert habe.

Hubert Thiermeyer, Verdi-Bayern-Landesleiter Handel, über den Stellenabbau bei Weltbild. 

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