Belangloseste Verlagspolitik, die man sich vorstellen kann

Amazon Deutschland weitet die Verlagsaktivitäten aus. Und wenig überraschend melden die etablierten Akteure Sekpsis an. buchreport.de sammelt Stimmen und Einschätzungen.

Keiner hat die Verlagsaktivitäten so scharf attackiert wie Andrew Wylie – ausgerechnet jener Agent, der vor Jahren noch gemeinsame Sache mit Amazon machte, um im Konditionenpoker die Verlage auszustechen. Im Interview mit der „FAZ“ (vom 17. März 2014) versichert Wylie, dass deutsche Verleger nichts zu fürchten haben. „Wenn Amazon in Deutschland genauso vorgeht wie in den Vereinigten Staaten, werden sie fast alles nehmen, was nicht verlegt zu werden verdient – und das wird ihr Verlagsprogramm sein. Sie betreiben die belangloseste Verlagspolitik, die man sich vorstellen kann. Kein auch nur einigermaßen bekannter Autor wird sich darauf einlassen, von Amazon verlegt zu werden, denn Buchhandlungen werden diese Bücher nicht führen. Amazon interessiert sich nicht für Gedrucktes, nur für Digitales. Ein solches Verlagskonzept ist eine Sackgasse.“

Skeptisch beäugt auch Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis auf zeit.de die Aktivitäten von Amazon: „Es ist zu befürchten, dass lediglich der Abklatsch eines Verlages entsteht und nicht die Leistung geboten wird, für die Verlage eigentlich stehen“, zitiert zeit.de . Die bestehe vor allem in der intensiven Betreuung der Autoren mit gezieltem Marketing und kritischem Lektorat.
Droemer Knaur-Chef Hans-Peter Übleis hält Amazon angesichts der Marktmacht und Kundennähe zwar für einen ernsthaften Konkurrenten. Sorgen bereite ihm Amazon aber nicht, schreibt die „Zeit“. Übleis verweist in die USA, wo Amazon den Start „ähnlich vollmundig“ verkündet habe, bis heute aber keinen Erfolg feiere.
Für den New Yorker Verlag Melville House kommentiert die Lektorin Sal Robinson den Ausbau der Verlagsaktivitäten in Deutschland. Skeptisch auch sie: Einerseits sei Amazon nicht gut im Buchverlegen, das angekündigte Biografien-Programm „Atlas“ liege auf Eis, Ex-Amazon-Verleger Larry Kirshbaum habe in zweieinhalb Jahren hohe Vorschüsse gezahlt, aber wenige Titel publiziert. Zweites Argument: Deutsche Verlage seien gut in ihrem Metier. Deutschland sei das Ursprungsland und das Herz der weltweiten Verlagsindustrie, mit ausführlicher Buchberichterstattung, großen Literaturfestivals, prominenten Kritikern, gut ausgebildeten Buchhändlern und einer „Obsession für gedruckte Vorschauen und gedruckte Bücher“.
Johannes Haupt ärgert sich auf lesen.net darüber, dass Amazon kurzerhand Selfpublishing-Titel verteuert und ins eigene Programm aufgenommen habe. Neben dem Preis- ergebe sich so ein DRM-Nachteil: „Wer Amazon-Publishing-Titel kauft, wird diese nur auf der Kindle-Plattform lesen können, an die er sich mit jedem gekauften Buch mehr bindet.“ Immerhin sei der „ummauerte Garten schick begrünt: eBooks aus dem Amazon Verlag sind günstiger als die von konventionellen Publishern, regelmäßige Preisaktionen sind garantiert.“

Schon vor zwei Jahren hatte sich buchreport.de bei Verlagen angesichts der Verlagsaktivitäten von Amazon umgehört:

Vermarktungsexperte Klaus Fuereder erklärte, dass der Onliner die absolute Marktführerschaft und Dominanz weltweit anstrebe. Amazon habe denkbar gute Voraussetzungen. Die Verlage hätten dem nicht viel entgegenzusetzen.

Amazon werde nicht lange Freude am Verlagsgeschäft haben, meinte Matthias Ulmer, Geschäftsführer des Eugen Ulmer Verlags. Letztlich werde der Onliner seine verlegerischen Aktivitäten wieder auf Selfpublishing reduzieren. Und zusätzlich Bestseller unter eigenem Label vermarkten. Dafür sei Amazon wiederum auf die klassischen Verlage angewiesen.

Random House-Verleger Georg Reuchlein argumentierte ähnlich wie Skipis: Amazon sei eine zusätzliche Konkurrenz, aber keine Bedrohung für Verlage. „Denn auch wenn – oder gerade weil – sich der Buchmarkt derzeit mit großer Beschleunigung verändert, werden Verlage mit ihrer Erfahrung, Kompetenz und Innovationskraft darin weiterhin eine zentrale Funktion im Zusammenspiel mit Autoren, Medien und dem Handel haben – nämlich bei der Auswahl von Inhalten, der Entdeckung und Entwicklung von neuen Autoren und der Durchsetzung und dem Marketing von Titeln über alle Vertriebswege – elektronisch wie stationär.“ 

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