Warum lohnt der Blick nach Georgien, Herr Voss?

Zwischen Orient und Okzident: In vier Jahren stellt die Frankfurter Buchmesse Georgien in den Mittelpunkt. Für den Lizenzhandel spielt der kleine Markt bisher kaum eine Rolle, doch er wächst stetig und professionalisiert sich zunehmend. Was Georgien ausmacht, erläutert Tobias Voss, Leiter des Bereichs Internationale Märkte bei der Frankfurter Buchmesse, im Interview mit buchreport.de.

Georgien ist derzeit ein blinder Fleck der wichtigsten Buchmärkte. Warum lohnt der Blick nach Georgien?

Seit dem ich mich aus beruflichen Gründen näher mit Georgien beschäftige – ich bin bei der Frankfurter Buchmesse unter anderem für die Länder der Region zuständig – fällt mir immer wieder auf, wie groß gleich das Interesse bei Kollegen oder auch Bekannten ist, wenn Georgien erwähnt wird: Im Detail sind dann oft keine große Kenntnisse vorhanden, aber das Land umgibt etwas faszinierendes, das sofort Interesse weckt. Da ist Kolchis mit seinen Goldschätzen, das in die griechische Mythologie eingegangen ist. Da sind die alten Kirchen und Klöster, von denen Viele schon gehört haben, oder der polyphone Gesang, der einzigartig auf der Welt ist… Durch das Land führte einst die Seidenstraße und damit wurde Georgien zu einer Kreuzung zwischen Ost und West. Und dennoch hat sich Georgien mit einer großen kulturellen Eigenständigkeit behauptet: So haben die knapp 4,5 Mio Einwohner des Landes ihr eigenes Alphabet. 

Der Buchmarkt in Georgien ist noch recht jung, entwickelt sich aber schnell. Welche Fragen und Probleme beschäftigt die Branche vor Ort derzeit?

In der Tat: Noch Anfang der 90er Jahre lag der Sektor des Verlagswesens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den darauffolgenden Kriegswirren in Georgien weitgehend am Boden. In dieser Zeit erschienen kaum Bücher, das Land war mit anderen Problemen beschäftigt. Die Gründung des Verleger- und Buchhändlerverbands (Georgian Publishers and Booksellers Association, GPBA) stellt 1994 einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg des Wiederaufbaus des georgischen Buchhandels dar. Heute hat der Verband über vierzig Mitglieder und engagiert sich stark in der weiteren Professionalisierung der Branche. Es erscheinen jährlich knapp 8.000 Neuerscheinungen mit einer durchschnittlichen Auflage von 800 Exemplaren. Der Verband richtet außerdem die Tbilisi International Book Fair aus, auf der jährlich im Mai etwa 80 Aussteller vertreten sind. Die Messe wird vom Kulturministerium mit unterstützt, das auch das messebegleitende Literary Forum durchführt, zu dem Verleger und Lektoren internationaler Verlage eingeladen werden. Ziel ist es, die internationale Sichtbarkeit der georgischen Literatur zu erhöhen. 

Und damit sind wir auch bei den Herausforderungen, die sich dem Markt derzeit stellen. Dies sind zum einen die üblichen Schwierigkeiten von kleinen Märkten, also kleine Auflagen und Organisation der vertrieblichen Aktivitäten. Im letzten Jahr fand in Tbilisi ein Workshop zum Thema Preisbindung statt, auf dem heftig darüber diskutiert wurde, welche Möglichkeiten die Einführung dieser Maßnahme für Georgien bieten würde. Für nicht wenige Verlage spielt der Schulbuchbereich eine wichtige Rolle: Hier kam es im letzten Jahr durch neue staatlich Vorgaben zu Irritationen unter den betroffenen Verlagen… All das im Blick zu haben und so zu organisieren, dass der Buchverkauf auch noch rentabel bleibt, ist schon für sich oft genug eine Herausforderung.

Da bleibt oft zu wenig Zeit, um sich auch noch um die internationalen Kontakte, also den Verkauf von Übersetzungslizenzen zu kümmern. Aber auch hier ist in den letzten Jahren Einiges passiert: Georgien nutzt seit vielen Jahren die Frankfurter Buchmesse mit einem repräsentativen Gemeinschaftsstand um genau diese internationalen Geschäftskontakte auszubauen. Im Kulturministerium gibt es eine sehr rührige Kontaktstelle, die Übersetzungsförderungen bereitstellt. Derzeit ist hierfür ein eigenständiges Institut in Planung, dem eine größere Unabhängigkeit vom Ministerium eingeräumt wird. Auch bei vielen Verlagen bleibt noch einiges zur Förderung der internationalen Wahrnehmung zu tun: Oft sind die Websites ausschließlich auf Georgisch und damit nur für den Eingeweihte zugänglich… 

Welche Autoren aus Georgien sind für den deutschen Markt besonders interessant?

Bislang war das Interesse an georgischen Autoren eher sporadisch oder auf bestimmte kleinere Verlage mit speziellem Fokus ausgerichtet. Der Wiesbadner Reichert Verlag hat sich sehr um die Verbreitung georgischer Literatur verdient gemacht. Dort gibt es ebenso wie jüngst bei der Frankfurter Verlagsanstalt Anthologien, die Einblicke in die aktuelle Literaturszene erlauben. Beim Berliner Verbrecher Verlag erscheint das umfangreiche Werk von Giwi Margwelaschwili. 

Eine weitere Übersicht ist 2012 beim amerikanischen Verlag Dalkey Archiv Press veröffentlicht worden. Dort erscheinen auch Werke der Autoren Zurab Karumidze, Aka Morchiladze und Lasha Bugadze. Auch die Romane von Zaza Burchuladze sind bereits in einige Sprachen übersetzt worden, allerdings – soweit ich sehe – noch nicht ins Deutsche. 

Während des vorletzten Literary Forum in Tbilisi war das Buch Dato Turaschwili „Der Flug aus der UdSSR“ in aller Munde, es hat zunächst seinen Weg nach in die Niederlande gemacht und ich höre, das es demnächst auch in Deutschland erscheinen wird…  


Die wichtigsten Fakten zum Buchmarkt Georgien im Überblick

  • Der georgische Buchmarkt ist mit rund 70 Verlagen, 100 Buchhandlungen und zehn Großhändlern eher klein, wächst aber stetig und professionalisiert sich zunehmend. Alleine die Anzahl der verfügbaren Exemplare hat sich von 2008 auf 2011 fast vervierfacht (Gesamtauflagen 2011: 7,7 Mio). 
  • Der Jahresumsatz auf dem Buchmarkt lag in 2011 bei etwa 20 Millionen Euro. Derzeit erscheinen jährlich circa 3.500 neue Titel. Das Kinderbuch (28 Prozent) und Belletristik (26 Prozent) machen den Großteil des Umsatzes aus. 
  • Ein Wachstumsmarkt für die Verlage sind Schulbücher. Knapp 600 Titel werden jährlich aus verschiedenen Sprachen ins Georgische übersetzt (2012). 
  • Deutsche Verlage verkaufen derzeit etwa 20 bis 30 Lizenzen pro Jahr nach Georgien. In Deutschland sind die georgischen Schriftstellerinnen Nino Haratischwili (Hotlist – Buchpreis der unabhängigen Verlage für „Mein sanfter Zwilling“) und Tamta Melaschwili (Deutscher Jugendliteraturpreis 2013 für „Abzählen“) bereits bekannt.

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