Wenig Mut für Experimente

Fred Breinersdorfers Politthriller „Berlin.classified“ orientiert sich an der Dramaturgie amerikanischer TV-Serien. Im Interview erklärt der Autor und Rechtsanwalt, warum er die Roman-Serie beim Selfpublishing-Portal Epubli veröffentlicht – und was er bei klassischen Buchverlagen vermisst.
Warum eine Roman und keine Fernsehserie?
Weil das deutsche TV-Publikum die mir vorschwebende Erzählweise nicht gewohnt ist. Während in amerikanischen Produktionen die Handlung oft sehr komplex und episch entfaltet werden kann, funktioniert so etwas im deutschen Free-TV nicht, auch amerikanische Erfolgsserien wie z.B. „Homeland“ haben hierzulande relativ schlechte Quoten. Andererseits gehen die DVDs und Downloads sehr gut, auch deswegen bin ich ins elektronische Medium gegangen.
Sie versprechen sich mehr Erfolg von der Romanform?
Auf jeden Fall. Ich habe 600 Seiten gebraucht, um meinen Thriller prall, authentisch und emotional zu erzählen. Außerdem ist es für einen Drehbuchautor eine tolle Erfahrung, wenn einem – anders als beim Film – nicht ständig die Leute reinreden.
Warum aber per Selfpublishing und nicht bei einem Buchverlag?
Ich setze konsequent aufs digitale Format, es wird keine Printausgabe geben. Ich möchte nicht verhehlen, dass meine Agentur auch alle wichtigen Publikumsverlage angefragt hat, aber die hatten an einem solchen seriell orientierten Konzept kein Interesse.
Schlechte Erfahrungen mit Buchverlagen?
Ich publiziere seit 1980 und habe viele positive Erfahrungen gemacht, aber ich habe den Eindruck, dass momentan für solche Experimente im traditionellen Verlagsgewerbe wenig Verständnis und Mut vorhanden ist. Alle schauen danach, dass sie irgendwie einen Bestseller hinbekommen, der die Kosten einspielt, viel zu wenige experimentieren für ihre Autoren und ihr Publikum.
Bieten Digitalformate Möglichkeiten, die Print nicht leisten kann?
Ja klar, jeder kann das E-Book jederzeit runterladen. Die serielle Anlage ist auf Spannung getrimmt, die Leser wollen nicht warten, bis der nächste Teil in 14 Tagen in den Buchhandlungen erhältlich ist. Das ist zu weit hin, aber nur ein Klick und das Buch ist auf dem E-Reader.
Es gibt sehr viele Selfpublishing-Autoren, aber nur wenige sind erfolgreich.
Ich teile die Skepsis, dass Selfpublishing der allein selig machende Weg ist. Die Verlage leisten ja wertvolle Arbeit. Wenn diese Instanz fehlt, ist das natürlich auch ein Problem. Für mich haben zwei Argumente eine Rolle gespielt: Erstens habe ich ein sehr kompetentes Lektorat aufseiten meiner Agentur, zweitens ist die Möglichkeit attraktiv, etwas völlig selbstbestimmt umzusetzen. Es wird sich einiges ändern: Je mehr etablierte Autoren von der Verlagslandschaft frustriert sind oder abgelehnt werden, umso interessanter wird das Selfpublishing.

Sie waren viele Jahre Chef des Schriftstellerverbands, der bis dato keine Selfpublisher aufnimmt. Wie stehen Sie dazu?

Als Verband akzeptiert der VS nur Autoren, die schon durch das Nadelöhr eines Verlages gekommen sind. Dass er sich bei der Aufnahme neuer Mitglieder damit einem externen Qualitätsurteil unterwirft, habe ich schon immer kritisiert. Inzwischen schauen die Landesverbände auch bei Selfpublishing selber hin und nehmen auch Autoren auf, die ihre Texte selbst herausgeben. Jeder weiß, dass beispielsweise Lyrik kaum noch anders zu veröffentlichen ist. Ich wollte mich mit „Berlin.classified“ bewusst nicht von einem Verlag abhängig machen, weder inhaltlich noch im Marketing. Außerdem möchte ich alle Rechte behalten. Das macht für mich auch Sinn, weil ich gut vernetzt bin. Es gibt schon jetzt Anfragen nach den Filmrechten und nach einer Übersetzung ist Tschechische, obwohl die Interessenten nur den ersten Teil von sechs kennen. Ich plane konkret ein Hörbuch, das Ulrike C. Tscharre einlesen wird. Vielleicht finanziere ich selbst eine Übersetzung ins Englische, um – auch hier übers E-Book und Selfpublishing – einen ganz neuen Leserkreis zu erschließen.

Zur Person: Fred Breinersdorfer
ist Drehbuchautor und Rechtsanwalt, der mehrfach für sein filmisches Schaffen ausgezeichnet wurde, mit „Sophie Scholl – die letzten Tage“ war er für einen „Oscar“ nominiert. Breinersdorfer war von 1997 bis 2005 Vorsitzender des VS (Verband Deutscher Schriftsteller in Verdi). 

Am Montag ist bei Epubli die erste Episode seiner sechsteiligen E-Book-Serie „Berlin.classified“ über die Affäre Barschel erschienen (bis zum 21.12. hier kostenlos herunterladbar). Die Fortsetzungen der Serie erscheinen ab dem 21.12. im 2-Wochen-Takt.

In seinem Blog liefert Breinersdorfer Hintergründe zu seinen Büchern und zeigt dem Leser, dass die Handlung seiner „Berlin.classified“-Serie auch auf Fakten basiert.

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