Ein Cent ist nicht wenig genug

Andreas SprockIn theoretischer Informatik promoviert und trotzdem eloquent? Das ist möglich: Andreas Sprock, einer der drei Geschäftsführer der milliPay Systems AG in Zürich, beweist es, wenn er sein Geschäftsmodell erklärt. Der gebürtige Düsseldorfer hat in Aachen studiert und seinen Doktor an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich abgelegt. Wenn er seine derzeitige Aufgabe beschreibt, ist er um Worte mit Aussagekraft nicht verlegen: Die von seiner Firma vertriebene Micropayment-Lösung sei „ mit nichts zu vergleichen, was es bislang gibt.“ Von seinem Zahlungssystem konnte er bereits das Schwäbische Tagblatt überzeugen, das damit seit einem halben Jahr Artikel für 15 Cent verkauft. Im Herbst will die Ippen-Gruppe folgen.

Bislang, erläutert Sprock, sei Micropayment immer an eine Schranke gestoßen, da sich die Abrechnung kleinster Beträge – gemeint ist damit mehr oder weniger alles unter 30 Cent – nicht lohnte. An diesem Knackpunkt habe milliPay-Mitgesellschafter Tomas Hruz zehn Jahre lang geforscht – mit Erfolg. Die Gründer meldeten das Ergebnis zum Patent an. Mit dieser Technologie sei es möglich, bis hinunter zu einem tausendstel Cent abzurechnen. Die Obergrenze liegt bei drei Euro. Vor allem arbeite die Technik sehr schnell und ermögliche die Zahlung, ohne  dass der Kunde die Website mit dem gefragten Artikel verlassen müsse.  Die Bezahlung ist direkt in den Content eingebunden. „Wenn ich einen Pullover oder Bücher kaufe, ist es kein Problem oder vom Kunden sogar gewünscht, wenn der Bezahlvorgang über eine externe Seite läuft – aber bei Micropayment muss es schnell gehen.“

Die Geschwindigkeit vermag offensichtlich auch alte Hasen zu beeindrucken, wie Sprock berichtet: So habe ein IT-Techniker, der beim Aufbau der elektronischen Schweizer Börse beteiligt war und an der eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation KTI die Vergabe eines Startup-Labels prüft, bei der technischen Analyse spontan gerufen: „Das ist schnell!“

Ansatzpunkt Kryptografie

Ursprünglicher Impuls für das Start-up-Projekt sei die einfache Feststellung gewesen: „Es gibt zur Zeit kein Micropayment“. Zumindest kein echtes. Die Opportunitätskosten seien für Kunden wie Anbieter bei minimalen Beträgen viel zu hoch gewesen. Die milliPay-Forscher haben an einer zentralen Stelle angesetzt: der Kryptografie, die sich auf die Kommunikation zwischen Bank und Kunde bezieht. Die Verschlüsselungstechnik wurde beschleunigt und so umgebaut, dass die Transaktionen auf kleinste Beträge herunterzubrechen sind.  Die Verschlankung sei  so weit gelungen, „dass wir mit einem Server ganz Europa bedienen könnten,“ sagt Sprock. 

Der Verlag könne die benötigten Softwaremodule, deren Preis bei 1.200 Euro liege, selbst einrichten. Die Anpassung des Content Management Systems beim Schwäbischen Tagblatt etwa habe einen halben Tag gedauert, berichtet Sprock, ein weiterer Tag kam für die Installation der Software hinzu, der Rest der zwei Monate Einrichtungszeit war dem Testen und Optimieren des Systems gewidmet.

Sprock weist darauf hin, dass nicht nur einzelne Artikel verrechnet werden können, sondern sich ganz neue Möglichkeiten eröffneten – von der Zusammenstellung von Dossiers über die fehlende Zahl für das Wochenend-Sudoku für zwei Cent bis zur Spendenaktion im Kleingeldbereich.

Auf den ersten Blick als Nachteil des milliPay-Systems erscheint die vergleichsweise hohe Provision pro Bezahlvorgang. Sie liegt deutlich höher als beim Einsatz von Kreditkarten, die eine Gebühr im unteren einstelligen Prozentbereich berechnen. Den Einwand entkräftet Sprock mit dem Hinweis auf die nicht unerhebliche Grundgebühr, die bei Kreditkarten pro Bezahlvorgang anfallen und deren Einsatz für „echtes“ Micropayment daher ausschließe.

Micropayment – „in erster Linie ein Marketinginstrument“

Ganz entscheidend bei der Einführung von Micropayment sei das Marketing. So habe der Schweizer Anbieter swiss-sport.tv ein entsprechendes Paid-Content-Angebot im Zusammenhang mit den landesweiten Judomeisterschaften eingeführt, Neukunden ein Startguthaben von zwei Franken gutgeschrieben und die Übertragung für 2,50 Franken verkauft. In wenigen Tagen hätten einhundert neue Kunden  Accounts angelegt – nicht unbeträchtlich bei einem Nischenangebot dieser Art, wie Sprock findet. Auch die Zahl der Accounts beim Schwäbischen Tagblatt steige täglich – und das „schneller, als die digitalen Abonnentenzahlen der Neuen Zürcher Zeitung wachsen.“ Zu beobachten sei auch, dass die Kunden mehr aufladen als verbrauchen – woraus der milliPay-Geschäftsführer auf ein längerfristiges Interesse und eine gewisse Bereitschaft zur Bindung schließt. Das Tool sei sowieso in erster Linie ein Marketinginstrument, um – zahlende – „Laufkunden“ zu gewinnen, die später zu Abokunden werden können. Und Verlagsverantwortliche könnten genau nachverfolgen, wofür Kunden bezahlen und wie viel – was es so noch nie gegeben habe.

Sprock sieht das milliPay-System als Alternative zu Kiosken oder Aggregatoren, wobei sein Produkt den Vorteil biete, dass Content und Kundendaten, anders als beispielsweise bei Apple oder Google, beim Verlag bleibe, der die Inhalte anbietet. Außerdem sei Micropayment auch als Gegenstück zur Metered Paywall zu sehen, da bei Ersterem bereits vor der Bezahlschranke Umsätze gemacht würden – und zwar in einem Kostenrahmen, den der Kunde akzeptiere.
Ein gewichtiger Opens external link in new windowEinwand gegen Micropayment lautet, dass ein grundsätzliches Problem der Preisfindung bislang nicht gelöst sei: Bestimmte Beiträge sind begehrt und müssten eigentlich den weniger attraktiven Rest finanzieren – was aber wieder hieße, dass Micropayment gar nicht so micro sein dürfte.

Dem hält Sprock entgegen, dass etwa zehn einzeln gekaufte Digital-Beiträge des Schwäbischen Tagblatts immerhin schon den Einzelverkaufspreis der Papierausgabe erreichen. Und beschließt seine Ausführungen mit einem Blick in die Zukunft: So gebe es beispielsweise noch viel Spielraum bei der Entwicklung semantischer Verfahren, die es erlaubten, in immer weiter verfeinertem Maße kontextsensitive, zum bezahlten Einzelartikel passende Werbung auszuspielen und die zugeschalteten Ads so zu „veredeln“. Auch im Hinblick auf das sogenannte Native Advertising – redaktionell gestaltete, aber als solche gekennzeichnete Werbung – würden sich künftig sicherlich neue Spielräume eröffnen.

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