Wie zerstörerisch ist Amazon, Dennis Johnson?

Kaum jemand geht in den USA so hart mit Amazon ins Gericht wie Dennis Johnson (Foto: Nils Kahlefendt). Der Verleger bei Melville House glaubt, dass der Rückbau des Buchhandels auch den Onliner treffen wird.

Sie haben vor Monaten vor den Preiskämpfen auf dem englischsprachigen E-Book-Markt gewarnt. Hat sich die Lage beruhigt?
Sowohl in den USA als auch in Großbritannien liefert sich Amazon immer wieder mit anderen Händlern massive Preiskämpfe, und das wird auch künftig sicher weiter passieren. Meine britischen Kollegen wollten Sony unterstützen, eine Art iTunes aufzubauen, in der Hoffnung, dass dies Amazon ruinieren würde. Amazon zahlt auch bei den Rabattaktionen die vollen Provisionen an die Verlage, was bedeutet, dass diese Firma Unmengen von Geld vernichten. Aber leider muss Amazon kein Geld verdienen, um im Geschäft zu bleiben und den Buchmarkt zu dominieren. Die anderen Händler kapitulieren am Ende also alle. 

Warum geben die Aktionäre Amazon Rückendeckung?

Das ist die entscheidende Frage. Sobald Amazons Umsatzwachstum gestoppt wird, werden die Aktionäre aufbegehren. Amazon ist sicherlich die am meisten überbewertete Firma an der US-Börse. Aber es könnte noch Jahrzehnte dauern, bis Amazon dadurch zu Fall kommt.
Vor der Frankfurter Buchmesse gab es Kritik von Jonathan Franzen und dann auch von dem Agenten Andrew Wylie an Amazon. Sind dies einzelne Stimmen oder Teil eines Kritikerchores in den USA?
Es gibt keine Welle der Kritik, aber ein verstärktes Bewusstsein der Gefahren, die von Amazon ausgehen. Viele regen sich in den USA darüber auf, dass Amazon keine Steuern an die Bundesstaaten zahlt, und das, obwohl die USA weiterhin in einer schlimmen Rezession stecken. Ich glaube, dass nur noch ein Eingriff der Regierung Amazon aufhalten könnte, doch dafür gibt es keine Anzeichen. Im Gegenteil: Das Vorgehen des US-Justizministeriums gegen fünf große Verlagsgruppen und Apple im Agency-Prozess hat verhindert, dass Amazon davon abgehalten werden konnte, die Preise für E-Books weiter herabzusetzen – eine katastrophale Entscheidung für die US-Verlage.  Wenige Tage nach dem Urteil ist Präsident Obama in einem Amazon-Zentrallager in Tennessee aufgetreten und hat gesagt, Amazon sei ein Vorbild für die US-Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Auch das war schockierend.
Warum geht es den unabhängigen Buchhandlungen trotz der Amazon-Stärke so gut?
Sie profitieren davon, dass die USA in den vergangenen zwei bis drei Jahren schätzungsweise über 2000 Buchhandlungen verloren haben, allen voran Borders. Hinzu kommt, dass Barnes & Noble im rasanten Tempo schrumpft. Der Kollaps von Barnes & Noble setzte mit dem Agency-Urteil ein – vorher hatte das Agency-Modell dazu geführt, dass B&N schnell Marktanteile von Amazon auf dem E-Book-Markt erobern konnte. Der Aufwind der Indies ist also trügerisch und teilweise auch durch Sondereffekte bedingt. Grundsätzlich sind Buchhandlungen seltsamerweise sehr wichtig für den Online-Handel: Die Kunden stöbern im Laden und kaufen im Internet, vorwiegend bei Amazon.
Der Showrooming-Effekt.
Die Sortimente sind also auch ein entscheidender Faktor für den Erfolg Amazons. Das gilt auch für E-Books: Die Kunden schauen sich oft erst die gedruckte Ausgabe an, bevor sie eine digitale kaufen. Es gibt also viele Wechselwirkungen in diesem Bücher-Ökosystem und die Schwächung eines Teilnehmers hat unweigerlich Folgen für alle anderen: Wenn Buchhandlungen weiterhin von der Bildfläche verschwinden und die Indies immer größere Schwierigkeiten haben, den Preisdruck von Amazon auszuhalten, dann wird dies auf lange Sicht auch Amazon selbst treffen. Aber Amazon ist wie ein Hai, der heute immer weiter fressen muss und sich nicht um morgen kümmert. 
Nicht nur die Buchhandlungen, sondern auch die Verlage haben die Konkurrenz von Amazon zu spüren bekommen. Besorgt Sie das Wachstum von Amazon Publishing?
Noch sind die Erfolge von Amazon Publishing überschaubar, aber ich zweifle nicht daran, dass sie auch im Verlagsbereich erfolgreich sein werden. Amazon kritisiert zwar die traditionellen Strukturen der Verlage, hat selbst aber viele Mitarbeiter bei New Yorker Verlagen abgeworben … 
… und macht Ihrem Verlag insbesondere mit Amazon Crossing Konkurrenz, dem Imprint, das ebenfalls deutsche Titel ins Englische übersetzt.
Durchaus. Dennoch ist Amazon Crossing für literarische Übersetzungen kein guter Ort, weil Amazon die digitalen Rechte an sich zieht und die Printrechte zurücklässt. Wenn sich nicht mein Verlag, sondern Amazon die Rechte an Hans Fallada gesichert und die Titel digital herausgebracht hätte, dann wäre der Name heute in den USA immer noch unbekannt. Ich hätte niemals nur die Printrechte gekauft, weil ich nicht mit einem anderen Verlag bei meinem eigenen Buch in Wettbewerb treten möchte.
Amazon Crossing ist inzwischen der zweitstärkste Einkäufer deutscher Lizenzen in den USA, für die sich die meisten US-Verlage nicht interessieren. Ist Amazon nicht ein Geschenk für deutsche Verlage?
Wenn es ein Geschenk ist, dass der eigene Titel verdampft, dann mag das so sein. Die Verlage, die sich auf diesen Deal einlassen, verhindern so, dass die eigenen Titel im Ausland auch nur eine Chance auf Erfolg haben. 
Sind die unabhängigen Verlage in den USA derzeit weniger gut gelaunt als die Buchhandlungen?
Ja, sie haben eine schwere Zeit, sie kämpfen auf einem Marktplatz, der von internationalen Verlagsgruppen dominiert wird. Penguin Random House ist ein Gigant, der alle Handelskanäle kontrollieren wird, in die wir mit unseren Büchern hineinkommen wollen. 
Ihre Titel werden doch von den Penguin Random House-Vertretern mit angeboten.
Ja, aber die haben so viele Bücher in der Tasche, dass meine Bücher die Letzten sind, auf die es ankommt. Penguin und Random House steuern zusammengenommen mehr als 50% der literarischen Übersetzungen in den USA bei. Was aber noch viel schlimmer ist als die Marktmacht: Diese Firmen haben keine Seele, es geht bei ihnen nicht um literarische Qualität, sondern nur ums Geld. Und wenn das eben durch „Fifty Shades of Grey“ reinkommt, dann werden eben mehr solcher Titel produziert. Wir machen Bücher, die für Wirbel sorgen sollen, sei es Avantgarde-Literatur oder Wirtschaftsbücher von Anarchisten. Das werden keine Bestseller, aber die Kultur braucht solche Titel. 
Verlage fangen gerade an, selbst ihre Titel für ausländische Märkte zu übersetzen. Erwarten Sie das Ende der territorialen Rechtestrukturen?
Ich bin da sehr skeptisch. Ich gehe zwar davon aus, dass die großen Verlage ihre Titel selbst im Ausland herausbringen können. Für kleinere Verlage kann dies nicht gut gelingen. Für einen britischen Verlag ist es schwierig, sich in den USA für sein Buch einzusetzen. Ich bin der Champion meines eigenen Buchs, und wenn ich das im Ausland sein will, muss ich dort jemanden einbinden oder selbst vor Ort sein; Melville House hat deshalb ein Büro in Großbritannien eröffnet. Jede Struktur, bei der die lokalen Champions herausgelöst werden, kann nicht gut funktionieren. Diese Entwicklung ist weder für die Autoren gut noch für deren Verlage.
Die Fragen stellte Daniel Lenz

Zur Person: Dennis Johnson

Hat zusammen mit seiner Frau, der Bildhauerin Valerie Merians, 2001 in New York den Verlag Melville House gegründet. Vorher hat Johnson als Schriftsteller und Journalist gearbeitet. Seine damalige Zeitungskolumne „MobyLives“ ist heute der Name des verlagseigenen Blogs, in dem Johnson und seine Mitarbeiter Entwicklungen in der Branche kritisch begleiten.

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