Martina Bergmann: Wir müssen reden

Martina Bergmann: Wir müssen reden

Selfpublisher sind für Buchhändler keine neuen Handelspartner. Kleinverlag, Eigenverlag, Grauer Markt – schon immer waren auch Personen am Werk, deren Hauptbeschäftigung keine verlegerische ist. Es ging um Reisereportagen, eine bestimmte Art von Sport oder Ernährung, die Begeisterung für Heimatliteratur oder Naturfotografie. Ein sympathisches, aber randständiges Phänomen. Meine Aufmerksamkeit war dadurch nie sehr beansprucht. Das ist nun anders.

Soziale Netzwerke bringen mich nahezu stündlich in Kontakt mit schreibenden und sich selbst verlegenden Menschen. Selfpublisher senden quantitativ ungefähr genauso viel wie Publikumsverlage. Wie soll ich mit dieser Flut umgehen? Es gibt hier Standardwarengruppen namens Krimi, Unterhaltung, Kinderbuch, und es hat seine Richtigkeit, dass in den Regalen Bücher aus Publikumsverlagen stehen. Ich möchte das nicht immer neu diskutieren und rechtfertigen.

Selfpublisher sind uns willkommen, und wir verkaufen auch ausgewählte Titel. Justin Moore, The Lotus and the Artichoke haben wir da, um ein Beispiel zu nennen. Ein veganes Weltkochbuch. Kunden kannten Justin Moore, wie ich, von seinem Blog und fanden ihn gut. Da war dann Aufmerksamkeit, und die war nicht aus Geschrei, sondern durch Kontinuität entstanden. Außerdem ist das Buch professionell gestaltet, es ist beim Barsortiment zu finden, es ist als Produkt komplett.

Sortimentsbuchhändler leben davon, dass Kunden sich auf ihre Kompetenz verlassen. Deswegen kann ich nicht ungefiltert alles prima finden, was mir die digitale Flut in den Laden spült. Kriterien, ein neues Buch, einen Selfpublisher oder Kleinverlag einzukaufen: Erstens, ich muss es interessant finden. Dazu kann ich nicht genötigt werden. Zweitens, auch Kunden müssen es interessant finden. Drittens, siehe oben, ich brauche ein komplettes Produkt. Ein Paar Socken hat ja auch zwei Strümpfe.

Das Produkt Buch, ganz gleich ob digital oder physisch, muss begrifflich fassbar sein. Ist das Fiktion, sind es Berichte, handelt es sich um eine Gebrauchsanweisung? Zwitter funktionieren selten, und Genres vermehren sich nicht wie Schnecken im Garten. Das Buch sollte aussehen wie das, was es sein will. Lyrik im Ledereinband droht zu scheitern, und 45 Zeilen auf einer Buchseite bleiben eine Bleiwüste – selbst, wenn das ästhetische Bewandtnis hat. Und dann die Aufmerksamkeit: Viele gar nicht schlechte Buchprodukte scheitern am Marketing. Man findet sie gar nicht, oder überall.

Selfpublisher haben, würde ich sagen, Beratungsbedarf. Wir sollten uns besprechen und festlegen, was fehlt, an welchen Stellen man Expertise einholen, als Dienstleistung einkaufen muss. Anders als Amazon, wo man alles unkommentiert hoch- und runterladen kann, sprechen wir ja mit unseren Geschäftspartnern. Bücher beim Buchhändler – das gilt auch für Selfpublisher. Sprechen Sie uns an, aber bitte überfluten Sie uns nicht. Dann wird das was mit uns.

Martina Bergmann ist Buchhändlerin in Borgholzhausen

Kommentare

8 Kommentare zu "Martina Bergmann: Wir müssen reden"

  1. Erst mal vorweg: Ihr Beitrag ist wie immer ein Lesevergnügen! Inhaltlich kann ich nur bedingt zustimmen. Selbst wenn man als SP alle Kriterien der Professionalität erfüllt, hilft einem das, wenn überhaupt, im stationären Buchhandel nur bedingt. Anbindung ans VLB? Barsortiment? Kein Endkundenverkauf? Ja, aber trotzdem … Zu umständlich, diese (Klein-)Verlage. Was bleibt einem schließlich übrig, als mit denjenigen Partnern zu kooperieren, die diesbezüglich kundenfreundlicher sind?
    Dass es, völlig unabhängig davon, dringend Filter geben muss, um den Lesern (auch) bei SP-Büchern eine Orientierung zu geben, steht außer Frage. Eine Initiative in diese Richtung ist übrigens die Vereinigung „Qindie“ (www.qindie.de). Es ist zu hoffen, dass sich weitere entwickeln werden.
    Ich persönlich sähe darin auch eine Chance für das Sortiment, so es denn gelänge, die für die jeweilige Buchhandlung (und deren Kunden) passenden Titel herauszufiltern. Offenbar eine Möglichkeit, die Sie ja – bedingt – schon praktizieren.

  2. Vielen Dank für ihr differenziertes Statement! Mit dem Paar Socken, das aus zwei Strümpfen besteht, haben Sie das Prinzip sehr schön auf den Punkt gebracht. Menschen, die etwas schaffen und dafür Geld verlangen, haben die Pflicht, ein ordentliches Produkt abzuliefern. Alles andere ist schlichtweg unanständig.

  3. sperber wer sonst | 1. November 2013 um 14:24 | Antworten

    Na gut & was ist mit dem hauseigenen Kochbuch ?

  4. Liebe Frau Bergmann, ich muss Ihnen einmal (jetzt wo ich sie im Netz entdeckt habe) ein Kompliment machen. Ich war auf Ihrem Vortrag auf der Frankfurter Buchmesse. Eigentlich mehr aus Zufall, weil ich meine Kollegin Nika Lubitsch sehen wollte. Ich fand es toll, wie ehrlich sie waren und auch wenn sie die meisten Bücher, die von SPlern erscheinen, grausam finden, so haben sie das immerhin ziemlich lustig verpackt – und das fand ich toll. Ohne sie wäre die Runde wirklich langweilig gewesen. Also bitte bleiben sie weiterhin so ehrlich mit Ihren Tipps und lustig :-). Lg Marah Woolf PS: Wenn ich in meiner Nähe eine Buchhändlerin wie sie kennen würde, würde ich sicher nur noch halb soviel bei amazon bestellen. Aber leider ist es mit Buchhändlern wie mit Schriftstellern und Handwerkern – Gute gibt es selten.

  5. Ich halte das für eine gute Idee (Buchhändler ansprechen). Allerdings gibt es auch Autoren, die Erotik schreiben. Meine Versuche, Buchhändler von dieser Art Literatur zu begeistern, endeten meist in einer freundlichen Ablehnung. Im schlimmsten Fall konnte die Buchhändlerin nicht mehr sprechen, da ihr Kiefergelenk auf den Brustkorb hing 😉 Gruß Pat McCraw

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