E-Books eröffnen neue Lizenzmodelle

Mit den E-Books verschwimmen die nationalen Grenzen; immer mehr Verlage vertreiben ihre Titel auf eigene Faust im Ausland, prominentestes Beispiel hierzulande ist Bastei Lübbe. Eine Entwicklung, die auch Edward J. Van Lanen (Foto) von Frisch & Co. beobachtet. Der in Berlin ansässige Verleger übersetzt die Titel von großen Verlagen weltweit – u.a. von Suhrkamp – und vertreibt sie als E-Book. Im Interview mit buchreport.de erläutert er, wie sich das internationale Lizenzgeschäft durch die Digitalisierung verändert und welche neuen Lizenzmodelle entstehen.


In einem Webinar widmet sich buchreport am Mittwoch, 30. Oktober 2013, 14 Uhr, der Internationalisierung des E-Book-Vertriebs und zeigt Chancen und Fallstricke auf. Hier mehr Infos.


Werden die Verlage ihre Titel künftig verstärkt jenseits der Sprachgrenzen vertreiben? 
Davon gehe ich aus, doch noch befinden wir uns in einer frühen Phase einer solchen Entwicklung. Im April haben sich mehrere große europäische Unternehmen mit Open Road in New York zusammengeschlossen, um ihre E-Books in englischer Sprache zu vertreiben. Der Originalverlag kümmert sich um die Übersetzung, Open Road um den Vertrieb und die Vermarktung.
Mein Verlag, Frisch & Co., geht einen etwas traditionelleren Weg mit Verlagen in Italien, Spanien, Brasilien, Finnland und mit Suhrkamp hier in Deutschland, doch unser Ansatz geht in dieselbe Richtung. Und ich weiß, dass andere Verlage in Norwegen, Deutschland und in den Niederlanden ähnliche Modelle testen.

Wie erklären Sie das?

Es macht für die Verlage einfach Sinn. In den meisten Fällen ist der englischsprachige Markt größer als der Heimatmarkt des jeweiligen Verlags. Über E-Books kann man einen fremden Markt relativ leicht erreichen: Man braucht keine teure Vertriebsmannschaft, keine enge Beziehung zu ortsansässigen Buchhandlungen, usw. Zwar ist die Vermarktung nicht ganz einfach, doch Unerfahrenheit im E-Book-Marketing ist zurzeit noch kein Nachteil, weil der Markt jung und unerforscht ist.

Sie haben bisher nur den englischsprachigen Markt erwähnt…

Ja, bisher beschränkt sich das Phänomen noch auf den englischsprachigen Markt, weil dieser im E-Book-Bereich am weitesten entwickelt ist. Aber wenn der digitale Markt in Europa weiter wächst, werden sicher viele Verlage ihre Titel auch in anderen europäischen Ländern vertreiben.

Was ist erfolgsentscheidend? Brauchen die Verlage lokale PR-Partner zur Vermarktung?

Eine lokale PR-Partnerschaft ist wahrscheinlich eine gute Möglichkeit für jene Verlage, die ihre Optionen erst einmal austesten möchten. Aber, abhängig davon, wie viele E-Books ein Verlag international vertreiben möchte und in welchem Markt, könnte es klüger sein, die Arbeit intern abzuwickeln und ein bis zwei Personen mit entsprechender Erfahrung einzustellen. Wenn das Wissen im Verlag bleibt, kann sich das später als Vorteil erweisen – sowohl auf dem internationalen als auch auf dem nationalen E-Book-Markt. Entwickelt man die Marketing-Expertise im eigenen Haus, kann dieses Wissen so genutzt werden, wie es dem Verlag am besten gerecht wird – und das, so vermute ich, für einen Bruchteil der Kosten.

Wie verändern E-Books den Lizenzmarkt?

Traditionell wird die Lizenzierung von Buch zu Buch vergeben. Dafür gibt es viele Gründe, der entscheidende aber ist, dass der Lizenznehmer die Risiken übernimmt – Vorschuss, Übersetzungskosten, Druckkosten usw. Deshalb bevorzugen die Lizenznehmer ein Modell, das möglichst günstig ist und das es ihnen erlaubt, die Titel auszuwählen, von denen sie glauben, dass sie das größte Publikum gewinnen. Der Lizenzgeber will die Freiheit, seine Rechte an den Verlag zu vergeben, der den höchsten Vorschuss zahlt oder von dem er glaubt, das er den Titel am erfolgreichsten platzieren kann.

Bei E-Books ändert sich die Kalkulation; andere Lizenzmodelle werden möglich. Die Vorleistungen sind geringer. Man muss nicht zwingend einen Vorschuss zahlen, und man kann sich die Gewinne teilen – dieses Modell testen wir auch bei Frisch & Co. Natürlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten – abhängig vom jeweiligen Titel und dem Ziel des Verlags. Insgesamt zeigt dies, dass E-Books die Pforte zu neuen Lizenzmodellen zwischen Verlagen öffnen.

Ich gehe davon aus, dass die größte Veränderung erst dann stattfindet, wenn die Verlage beginnen, ihre Bücher auf eigene Faust in anderen Märkten zu veröffentlichen. Für die englische Sprache werden relativ wenige Lizenzen gekauft, so dass viele Verlage vor dem Problem stehen, ihre Bücher einem englischsprachigen Publikum nicht öffnen zu können.

Wenn diese Verlage sich dazu entscheiden, ihre Titel selbst zu veröffentlichen – statt darauf zu warten, dass ein englischsprachiger Verlag oder Partner auf sie zukommt – könnte das den Lizenzmarkt massiv verändern. Vielleicht vergeben die Verlage ihre Lizenzen dann nur noch für ganz wenige, bewusst ausgewählte Titel. Oder sie schließen sich zusammen, um gemeinsam das Beste aus den Lizenzen zu schöpfen.

Müssen auch die Verleger und Übersetzer ihre Beziehung überdenken?

Diese Frage ist schwer in Kürze zu beantworten, ausführlich habe ich sie in einem Blogbeitrag beantwortet. Zusammengefasst: Die Verlage haben bisher versucht, ihre Übersetzungskosten durch fixe Übersetzerhonorare gering zu halten. So haben die Übersetzer ihr Gehalt sicher – wenn auch meist ein minimales. Gleichzeitig verhindert das Modell, dass die Übersetzer am Erfolg des Buches teilhaben können. Die Verlage zahlen die Honorare in der Hoffnung, dass sie auf lange Sicht davon profitieren – mit jedem verkauften Buch werden die Übersetzungskosten proportional kleiner.

Ist das Buch nicht erfolgreich, kann diese Art der Vorschusszahlung unerschwinglich für Verlage werden. Deshalb sind zumindest die englischsprachigen Verlage kaum noch bereit, auf übersetzte Bücher zu setzen. Die Übersetzer haben immer weniger Arbeit und die wenigen Verlage, die Lizenzen kaufen, sind extrem abhängig von einer schrumpfenden Masse an Übersetzern. Nichts von alledem ist ein gutes Omen für die Zukunft der Übersetzungen.

Finden aber die Verleger und Übersetzer einen Weg, die Risiken und Erfolge zu teilen, können wir vielleicht einen nachhaltigeren Weg finden, Übersetzungen zu veröffentlichen.

Warum ist der Markt für englische Übersetzungen so klein geworden?

Darüber wird in der Branche viel diskutiert. Die allgemein akzeptierte Antwort lautet, dass sich die großen Verlage – samt ihrer Marketing- und Werbeetats – aus dem Markt zurückgezogen haben, seit sie Aktionären verpflichtet sind, und ihre Energien stattdessen auf ihr Kern- und Bestsellergeschäft konzentriert haben. Die Folge: Weniger veröffentlichte Übersetzungen, weniger öffentliche Aufmerksamkeit, weniger Leser.

Doch das kümmert mich weniger. Wir sind an der Schwelle zu etwas Neuem: Mich interessiert mehr, neue, spannende Bücher zu veröffentlichen – woher auch immer sie stammen mögen.

Fragen und Übersetzung aus dem Englischen: Lucy Mindnich

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