Rüdiger Wischenbart: Selbstbewusstes Augenmaß statt kopflose Zensur

Rüdiger Wischenbart: Selbstbewusstes Augenmaß statt kopflose Zensur

In den Online-Katalogen der britischen Buchhändler sind neben Kinderbüchern pornografische Selfpublishing-Titel aufgetaucht. Vom dem Skandalgeschrei der Medien in die Enge getrieben, nahm WH Smith tagelang seine Internetseite vom Netz. In Zeiten der Krise ein fataler Fehler.

Inzwischen ist der Online-Buchladen von WH Smith wieder am Netz und ein paar kurze Stichproben zeigen: Tatsächlich wurde der Shop um sexuell anstößige Titel gesäubert. Beim britischen Konkurrenten Waterstones ist der beanstandete – überaus schmierige – Schweinkram indessen noch gelistet. Und über die Plattform für Drittanbieter, Marketplace, gibt es dort auch noch jene deutschsprachigen Titel der erfolgreich unter Pseudonym schreibenden Helen Carter, die vor ziemlich genau zwei Jahren die Krise über Erotikliteratur beim deutschen Unternehmen Weltbild ausgelöst hatten.

Überhaupt ist das Angebot auf deutschsprachigen Online-Plattformen vom kurzen – ist es übertrieben zu sagen: hysterischen – Aufschrei um WH Smith völlig unberührt geblieben, wohl genau so lange, bis auch hierzulande wieder ein Boulevardmedium sich lautstark einschaltet und „Skandal!“ ruft. Selbst auf Apples iTunes, ungeachtet aller moralischen Ansprüche des kalifornischen Unternehmens, sind die anstößigen – englischen wie deutschen – Titel weiterhin vorrätig. Und recherchiert man ausführlicher, lässt sich auch nur sehr unscharf der Generalverdacht untermauern, bei allen unappetitlichen Pornos würde es sich allein um selbstverlegte – also unkontrolliert durch Verlage – ans Publikum herangetragene Literatur handeln.

Der wirklich bittere Nachgeschmack aber bleibt: Die zweitgrößte britische Buchkette machte online mehrere Tage hindurch dicht. Ein international rasch expandierender E-Book Spezialist, Kobo, auf dessen Titel-Katalog WH Smith als Handelspartner zurückgreift, hat unzählige seiner selbstverlegten Titel zumindest vorübergehend aus dem Verkehr gezogen, sich jedoch zumindest deutlich deklariert, was den naheliegenden Vorwurf der Zensur anlangt: „Our goal at Kobo is not to censor material; we support freedom of expression.“ Und die einzig wirklich verbindliche Richtschnur, ob die angefeindeten Titel gegen geltendes Recht verstoßen, blieb in all der Aufregung außen vor. Mir ist nicht einmal zu Ohren gekommen, dass jemand ein zuständiges Gericht etwa in Bezug auf Schutz von Minderjährigen oder dergleichen angerufen hätte. Eine rechtliche Klärung, so scheint es, ist nicht Gegenstand der Debatte.

Das ist doppelt prekär. Denn ähnlich wie schon bei Weltbild 2011, als kath.net und die „Welt“ und daraufhin weitere Medien die Erotik-Titel bei Weltbild zum Skandalon machte, setzte bei WH Smith eine Webseite namens „The Kernel“ den Empörungshebel an. Die Seite, die ursprünglich den Technologie-Journalismus in England zu erneuern versprach, hat sich auf derlei Enthüllungen spezialisiert. Noch im Juni hatte der seriöse „Independent“ über das „infamuous online magazine” berichtet, es habe wegen nicht bezahlter Gehälter vorübergehend schließen müssen. Als „Executive & Operations“ firmiert beim Kernel ein Aydogan Ali Schosswald, der sich anderswo als Business Angel und Investor für Startups sowie Mitbegründer einer Firma namens Berlin42 vorstellt, deren Internetseite jedoch offline ist (Selbstdarstellung bei LinkedIn: „We build, accelerate and connect global technology startups“).

Was die aktuelle Geschichte wirklich deutlich macht, ist, wie rasch der fest gefügte Handel mit Büchern durcheinander gerät, und sich dann auch von seltsamsten Nischenplayern durch die Prärie der Aufgeregtheiten treiben lässt. Das Segment selbstverlegter Titel geriet auch nicht zuletzt deshalb so rasch in den Generalverdacht der Schmuddelei, weil die vermeintlich gut geordnete alte Buchwelt wohl mit einiger Nostalgie verklärt. Zwischen E-Book und Selfpublishing, Abo-Systemen und digitalen Leihbibliotheken, einsetzenden Preiskämpfen trotz Ladenpreisbindung (ein Blick auf die E-Book-Bestsellerlisten bei Amazon genügt und schreckt mit Billigtiteln zwischen 0,99 und 2,99!) gerät nun die gesamte Architektur rund ums Buch rasch ins Wanken. Da brauchte es dann nur noch den Aufschrei, dass eine Buch-Suche nach dem Stichwort „Daddy“ auch ganz mieses Zeug auf den Bildschirm spült.

Ich meine allerdings, die schlimmste Reaktion ist, gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten, statt mit Augenmaß und Selbstbewusstsein zu reagieren. So wie zu hinterfragen ist, weshalb mit dem anfänglichen Verkaufsbeschluss zu Weltbild ein viel komplizierteres Krisensignal vom Eigentümer quer durch die Buchbranche gesendet worden war, so war nun in England der Reflex aus Schließung und Ruf nach Titelsäuberung völlig unangemessen – und viel schädlicher als das ursprüngliche Problem der Suchliste aus Kinderbüchern und Pornographie.

In turbulenten Zeiten des Umbruchs und der Entgrenzung sollte die Buchbranche vielmehr mit Umsicht reagieren und mit dem Selbstbewusstsein, dass der Reichtum an Büchern auch abseitige Literatur notwendigerweise zu umfassen hat. Dabei dann auch eine klare Grenze zu ziehen, ist gewiss wichtig. Doch statt dem Ruf nach Zensur oder einem Abschaltreflex als diffuse wie pauschale Selbstzensur, wäre ein Code of Conduct oder eine Form der freiwilligen Selbstkontrolle wie im Kino angemessen. Den geeigneten Handlungsrahmen dazu liefern allemal besser Gesetze und rechtliche Normen als, wie hier geschehen, reflexartige Gesten der Empörung.

Übrigens, „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James, anfänglich auch im Selbstverlag erschienen, gibt es aktuell mit 28 Prozent Rabatt, online zu beziehen auf www.whsmith.co.uk .

Der Text ist in seiner ursprünglichen Fassung zuerst bei perlentaucher.de erschienen.

Rüdiger Wischenbart, Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse (1998 bis 2001), seit 2002 Berater (Rüdiger Wischenbart Content and Consulting) mit Schwerpunkt Kommunikation, Kommunikationsstrategie, kulturelle Märkte, außerdem Österreich-Korrespondent von buchreport. Hier sein Blog.

Kommentare

1 Kommentar zu "Rüdiger Wischenbart: Selbstbewusstes Augenmaß statt kopflose Zensur"

  1. Ich bin überhaupt nicht der Ansicht, daß eine Buchhandlung in ihrem Online-Katalog alles anbieten muß, was eine ISBN hat und sich irgendwie Buch nennt.
    Gerade der Einsatz solcher geheimnisvoller Tools wie „Filter“ oder „Sortierung“ könnte ein Schlüssel für die Profilierung und Differenzierung von Online-Shops sein.
    Dabei sind Maßnahmen wie „Alle Selfpublisher raus“ etwa so elegant wie Brot schneiden mit der Kettensäge – und lediglich hilfloser Ausdruck für die Versäumnisse der letzten 15 Jahre, bessere, feinere, individuellere Filter- Empfehlungs- und Sortierwerkzeuge herzustellen:
    http://www.kohlibri-blog.de/2013/10/whsmith_und_die_daddy_literatur_die_filterlose_buchhandlung/

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