Online wird der wichtigste Kanal

Nach den USA wird der deutsche Buchmarkt von Disruption erfasst, glaubt der Verlagsberater Mike Shatzkin. Die traditionellen Fundamente der Branche würden durch Selfpublishing und Amazon unterspült, erklärt der New Yorker im Video-Interview mit buchreport.de.
Shatzkin ist Gründer und Geschäftsführer von The Idea Logical Company und veranstaltet die Konferenz Publishers Launch.
Wo sehen Sie Zeichen für Disruption in Deutschland?
Ich sehe einige Belege: Der Anteil der Online-Verkäufe von Büchern liegt über 20%, und ich gehe davon aus, dass mehr als 50% der Belletristik über Online-Kanäle verkauft werden – allein das ist schon disruptiv. Der E-Book-Anteil am Gesamtumsatz mag vielleicht gering erscheinen, andererseits liegt der Anteil bei der Verlagsgruppe Random House über alle Titel schon bei 10%, und in der Belletristik dürfte er bei einigen Titeln schon bei 20% liegen. Hinzu kommt, dass die beiden größten deutschen Filialisten in der Krise sind. Schließlich ist der Aufstieg von Selfpublishing ein weiterer Hinweis auf Disruption, und das Tempo in diesem Bereich wird zunehmen, weil sich ein immer größerer Teil des Marktes in Richtung Online verlagert.
Wohin führt dieser Trend?
Ich gehe davon aus, dass einige bekannte Autoren in den kommenden ein bis zwei Jahren ihre Backlist mit Hilfe von Selfpublishing-Angeboten wieder im Print herausbringen. Der Selfpublishing-Markt wird von seiner Größe bald das Umsatz-Volumen vieler Verlage übertreffen. Daneben wird der Rückbau des Buchhandels fortgesetzt, was die Verlage dazu zwingen wird, die Verteilung ihrer Vertriebs- und Marketing-Etats zu überdenken. Die Disruption, die man heute schon sehen kann, wird möglicherweise zur Buchmesse 2014 oder spätestens im Folgejahr nicht mehr von der Hand weisen zu sein. 
Auf der Messe wurde Amazon viel kritisiert. Schimpfen Sie mit?
Ich kann die Angst der Branche vor Amazon nachvollziehen. Im vergangenen Jahr haben sich zwei Fragen herausgebildet, über die aber keiner so richtig nachdenken wollte: Wann wird Amazons Wachstum von Marktanteilen stoppen? Und wer wird bis dahin überleben? Wir haben noch keine Antworten. Bücher spielen für Amazon keine große Rolle, Amazon kann es sich erlauben, dort so viel zu investieren, wie es sich Verlage gar nicht leisten könnten. Amazon hat außerdem viel mehr Möglichkeiten, an den Interaktionen rund ums Buch zu verdienen. 
Was wird aus dem Buchhandel?
Buchläden haben keine große Zukunft, sie stehen unter ähnlich starkem Druck wie Video- oder Musik-Geschäfte, auch wenn das Buch Eigenschaften hat, die eine höhere Halbwertsszeit haben als andere Medien. Gleichwohl wird es künftig viel weniger Buchhandlungen geben. Ich rechne damit, dass Buchhandlungen in den USA in zwei oder drei Jahren und in anderen Ländern wenig später zwar noch wichtig sein werden, aber kein Fundament, auf das man sein Geschäft aufbauen möchte – ein Kanal von vielen.
In den USA flachen die Wachstumsraten der E-Books ab. Gibt es Hinweise auf neues Wachstum?
Bislang greift die digitale Revolution nur bei Büchern, die man von vorne bis hinten durchliest – bei Belletristik besser als bei Sachbüchern. Ich persönlich interessiere mich besonders für diese Buch-Typen – ich habe seit fünf Jahren kein gedrucktes Buch mehr gelesen, ich lese nur auf dem Handy. Nachschlagewerke und Bildbände sind von diesem Wandel bislang nicht so stark betroffen. Das Buchgeschäft wird sich ausdifferenzieren, und die Frage ist, ob die Genres, die digital schwächeln, weiter zum Buchgeschäft gehören oder woanders hinwachsen. 

Kommentare

5 Kommentare zu "Online wird der wichtigste Kanal"

  1. Seit 5 Jahren nur auf dem Handy gelesen? Wer tut sich denn sowas an? Und warum? Kindle & Co kosten doch heutzutage nichts mehr. Aber ansonsten hat er recht.

  2. Es stimmt, das Haupthindernis für E-Books ist, dass sie meist kaum billiger sind als die Printversionen, obwohl die Druckkosten wegfallen.

    Das sieht ganz anders aus, wenn diese Differenz an die Leser weitergegeben wird. Man vergleiche zum Beispiel hier mal das Ranking von E-Book und Printausgabe:

    http://amzn.to/16Ljr1N

  3. Das Gedöns um die „Disruption“ des Buchmarktes ist langsam etwas peinlich. Zur Erhlärung: so sieht ein Disruptor aus http://goodcomics.comicbookres… und benutzt wird er meist von Klingonen. Die „Ebook-Disruption“ ist noch nicht einmal ein Sturm in einer lauwarmen Tee-Tasse. Ich habe gerade ein paar Zahlen von Autoren bekommen, wo man die Verkäufe von Print und Ebook vergleichen kann. Das Bild ist immer das gleiche: 5-10.000 Print Bücher in 1-2 Jahren, im gleichen Zeitraum ca. 100 Ebooks verkauft. Die Zahlen sind auch vom 1 HJ 2013 und betreffen keine Bestseller, sondern Bücher aus dem guten Mittelfeld. Ich bestreite ja nicht, dass es in den USA sehr gut mit Ebooks läuft, vielleicht auch hier bei Fachbüchern (als Verlags Flatrates für Unis ….), aber den individuellen Verkauf von Ebooks im Bereich Belletristik kann man vergessen. Da sehe ich auch keine Entwicklung von 2012 auf 2013, und ich habe Zahlen von mehr als einem Buch gesehen! Es mag ja eine „Disruption“ geben, aber wohl kaum im Verkauf. Liest man auch bei BR diverse Artikel, so erhärtet sich der Verdacht, dass sich die Ebook-Leser mehrheitlich „woanders“ eindecken, man ahnt wo. Kurz gesagt: Interesse ja, kaufen nein. Die Tatsache, dass das Thema von diversen Ebook-Spezialisten und Service Anbietern gehyped wird, heisst ja noch nicht, dass es wirtschaftlich funktioniert. Wir haben 2013! Da hätte man doch wirtschaftlich schon irgendeinen 10%-Effekt bemerken sollen – Fehlanzeige! Ich glaube, die Ebook-Szene redet sich die Welt einfach nur schön! 2% bei den Verkäufen sind keine Disruption, sondern eher als homöopatisch einzustufen.

    • Der E-Book-Markt in Deutschland ist deshalb noch so klein (aber stetig am Wachsen), da die meisten E-Books preislich kaum günstiger sind als ein Taschenbuch oder Hardcover. Natürlich sind die Zahlen noch nicht so gewaltig, aber hat das Internet nicht einmal genauso angefangen? Von vielen als Trend belächelt?

      • Danke für den Kommentar. Natürlich hat das Internet (weltweit) Jahre gebraucht um überhaupt erst einmal im privaten Bereich anzukommen. Das ist mir bewusst. Beim Verkauf von Ebooks ist es nur so, dass einerseits in den USA/UK die Verkaufszahlen schon auf Augenhöhe mit Print Büchern sind. Das liegt am „bösen“ Amazon. Deutschland kann man nun kaum als technikfeindlich bezeichnen. Reader/Tablets/… verkaufen sich sehr gut. Wie Sie bemerkten: der unglaublich hohe Preis für Ebooks ist eine Hemmung – DRM eine andere. Weiterhin ist es noch so, dass ich auf Piratenseiten meine Lieblingsautoren sehe, die offensichtlich selbst (per Scan) hergestellt wurden.
        Anders als beim Internet allgemein, gibt es bei Ebooks Alternativen. Man kann das Buch als Print erwerben, es als Ebook kaufen (so es existiert, man DRM ignoriert und den Preis zahlen will) oder es gratis und ohne DRM bei Spiegelbest und Co. laden. Durch seine Politik (Preise, DRM, Verfügbarkeit) zerstört/hemmt die Branche den legalen Markt. Ich glaube nicht, dass es einen grossen Trend zum Ebook Kauf gibt. Dazu sind die Bedingungen nicht gegeben. Jeder Tag arbeitet gegen den legalen Markt. Was Trends im Internet betrifft, so erinnere ich an die Marktblase 2000, aktueller an die gehypeten Unternehmen (deren Ideen ja nicht schlecht waren), wie myspace oder secondlive … Es gibt kein Gesetz, dass aus selbst aus guten Ideen ein Markt wird. Wenn, dann machen ihn andere (Facebook, oder hier die Piraten). Wie lange soll man denn warten, bis die Branche mitbekommt, welche Bedingungen für ein Marktwachstum notwendig sind?

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