Neue und vielstimmige Autorengeneration

Vorzeigeverkaufsstelle: Livraria Cultura, die größte Buchhandlung Brasiliens in São Paulo.

Brasilien ist Gastland der Buchmesse 2013. Die Buchindustrie des Landes wächst von niedrigem Niveau dynamisch. Für den Gastlandauftritt hat der Staat kräftig in Übersetzungen investiert.

In der Gastlandtradition der Frankfurter Buchmesse konnte bislang nur Indien wiederholt Flagge zeigen: Sowohl 1986 als auch 2006 durfte der südostasiatische Staat einem internationalen Publikum seine literarische Produktion im Querschnitt präsentieren. Zum zweiten Mal am Zug ist jetzt auch Brasilien.
 „Brasilien hat seit dem Gastlandauftritt 1994 sowohl im Verlagsbereich als auch wirtschaftlich und politisch eine bemerkenswerte Entwicklung genommen und zählt heute zu den interessantesten Ländern und Märkten weltweit. In der Literatur hat sich eine neue und vielstimmige Generation von Schriftstellern entwickelt, die in Deutschland und im internationalen Rahmen bisher wenig bekannt ist und die es zu entdecken gilt“, begründet Simone Bühler vom Ehrengastteam der Buchmesse die erneute Einladung.
Der flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößte Staat der Welt ist dieser Tage vor allem wegen sozialer Unruhen in den Schlagzeilen. So weit trägt Fußballbegeisterung dann doch nicht, um über Misswirtschaft, Korruption und ein marodes Gesundheitssystem hinwegzutäuschen. Wirtschaftlich machte das Schwellenland noch bis vor einigen Jahren durch das „milagre brasileiro“ (brasilianisches Wunder) auf sich aufmerksam, das jedoch vorerst an seine Grenzen gestoßen ist. Die anstehenden sportlichen Großereignisse Fußball-WM (2014) und Olympische Spiele(2016) sollen neues Wachstum generieren. 
Bildung als Wachstumsmotor
Inmitten der wirtschaftlichen Stagnation sendet aber die brasilianische Buchindustrie ein Leuchtsignal: Von 7,4% Umsatzsteigerung im Jahr 2011 ist die Rede. Die größten Zuwachsraten im weltweit achtgrößten Buchmarkt erzielte dabei der Bildungs- und Wissensbereich: Das Wissenschaftssegment STM und das Lehrbuch. Die STM-Nachfrage erklärt sich mit einem besseren Zugang zur Hochschulbildung und der Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften. Das Wachstum der zweiten Sparte ist dem staatlichen Ankauf von Lehrmaterialien geschuldet. „Brasiliens Regierung ist der größte Buchkäufer“, berichtet Ricardo Costa, der bis vor Kurzem die brasilianische Buchmarkt-Website PublishNews geleitet hat und jetzt als Südamerika-Spezialist mit der Buchmesse kooperiert.
In Frankfurt liegt der Schwerpunkt üblicherweise auf der literarischen Produktion: Unter dem Motto „Brasilien – Ein Land voller Stimmen“ sollen 70 brasilianische Autoren ihre Werke vorstellen. Im Vorfeld kritisiert das hiesige Feuilleton allerdings, dass die Auswahl der Schriftstellerdelegation nicht gerade die Vielfalt der Ethnien widerspiegele: So reist nur ein afrobrasilianischer Autor nach Frankfurt, obwohl Afrobrasilianer die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung ausmachen; die indigene Kultur wird ebenfalls nur mit einem Autor repräsentiert. „Die Debatte um den Rassismus in Brasilien versteckt sich hinter einem Schleier aus Höflichkeiten und Klischees von multikultureller Lebensfreude. Das wird auch in Frankfurt so sein“, bedauert die „Süddeutsche Zeitung“.
Umfangreiche Übersetzungsförderung
Der erfolgreichste Export der brasilianischen Literatur, Paulo Coelho, wird entgegen der offiziellen Ankündigung nicht unter den Gästen in Frankfurt sein, wie dessen deutschsprachiger Hausverlag Diogenes mitteilt. Stattdessen wird es Ende September eine Geschenkbox mit sechs seiner erfolgreichsten Romane im Flexicover-Format zum Preis von 50 Euro geben. 
Um brasilianische Literatur jenseits eines Coelho zu vermarkten, dessen Werke sich in 74 Sprachen rund 145 Mio Mal verkauft haben, investiert der Staat verstärkt in Übersetzungen: Bis 2020 wird ein Volumen von rund 7,6 Mio US-Dollar zur Verfügung gestellt. Etwa ein Fünftel der bislang geförderten Werke ist ins Deutsche übertragen worden. 
Einen Überblick über die Neuerscheinungen Belletristik gibt die Tabelle (links), die Teil einer umfangreichen Literaturliste ist, die der Übersetzer Michael Kegler für die Frankfurter Buchmesse zusammengestellt hat. Kegler weist auf die Vielzahl von Anthologien hin, die „ein Beleg für die Neugierde“ an der brasilianischen Literatur seien. Da er jedoch noch das auf- und schnell wieder abflauende Interesse vom Gastlandauftritt 1994 in Erinnerung hat, weiß er, dass nur eine stetige Übersetzungsförderung und die staatliche Unterstützung von Autoren und Communitys die Verkaufszahlen im Ausland auf „ein besseres Niveau“ heben könne. 
Neuerscheinungen und Neuauflagen
Zu den besonderen Phänomen des Gastlandauftritts gehört die Gründung kleiner Verlage mit entsprechendem Schwerpunkt. So haben die Übersetzerinnen Wiebke Augustin und Carla Martins de Barros Köser im vergangenen Jahr den Arara Verlag ins Leben gerufen. Spitzentitel des insgesamt fünf Novitäten umfassenden Herbstprogramms mit hierzulande noch unbekannten Autoren ist „Das Diplomgeschäft“ von Felipe Pena, der den universitären Alltag in Brasiliens sowie die Verstrickung von Bildung, Wirtschaft und Drogenhandel schildert.
Klassiker und junge Literatur
Einen Brasilien-Schwerpunkt setzen in ihrem aktuellen Programm darüber hinaus folgende Verlage, die teilweise mit umfangreichen Prospekten für die Titel werben:
  • Suhrkamp präsentiert eine Mischung aus Neuerscheinungen und Neuauflagen sowie kulturgeschichtlichen Abhandlungen, darunter den bereits in 25 Länder verkauften Roman „Flut“ von Daniel Galera, ein hochgelobter Autor der jüngeren Literatur Brasiliens.
  • S. Fischer will zur Wiederentdeckung des nach Coelho wohl bekanntesten brasilianischen Autors einladen: Bereits im vergangenen Jahr haben die Frankfurter mit der Neuübersetzung der Werke Jorge Amados (1912–2001) begonnen. Nach „Die Werkstatt der Wunder“ erscheint im September der Sammelband „Zwei Geschichten von der See“.
  •  Zeitgenössische brasilianische Literatur ist bei Fischer u.a. mit Chico Buarque („Vergossene Milch“) zu entdecken, der für seinen zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman „Budapest“ mit dem Prêmio Jabuti, dem brasilianischen Man Booker Preis, ausgezeichnet wurde. 
  • Wagenbach zeigt mit insgesamt neun Titeln Flagge. Sechs Bücher, darunter Klassiker wie „Karges Leben“ von Graciliano Ramos oder „Sargento Getúlio“ von João Ubaldo Ribeiro, sind bereits im Mai im poppigen Reihendesign als Taschenbuch erschienen. Ein politisch streitbarer Autor der Gegenwart, der in seinem Roman „Unwirkliche Bewohner“ den Umgang mit dem indigenen Bevölkerungsanteil Brasiliens thematisiert, kommt mit Paulo Scott im August in die Buchhandlungen. 
  • Für seinen Großstadtroman „Es waren viele Pferde“ ist Luiz Ruffato vom hiesigen Feuilleton bereits hoch gelobt worden. Der Verlag Assoziation A bringt zur Buchmesse zwei weitere Titel des Autors, der offizieller literarischer Sprecher der brasilianischen Delegation auf der Buchmesse ist, sowie den mehrfach ausgezeichneten Roman „Antonio“ von Beatriz Bracher.
  • Der auf jüdische Kultur und Zeitgeschichte spezialisierte Hentrich & Hentrich Verlag stellt mit Moacyr Scliar und Clarice Lispector die bedeutendsten brasilianisch-jüdischen Autoren ins Rampenlicht sowie mit Luis S. Krausz’ „Verbannung“ ein entsprechendes literarisches Debüt.
  • Schöffling hat im August eine Werkausgabe der nur noch antiquarisch erhältlichen Titel von Clarice Lispector gestartet mit zunächst zwei Titeln. Darüber hinaus erscheint eine Biografie der 1977 verstorbenen und zu Lebzeiten international erfolgreichen Autorin. 
Nachfrage nach Originalausgaben steigt
Mit dem durch den Übersetzungsschub forcierten Interesse an brasilianischen Autoren steigt auch die Nachfrage nach Originalausgaben, weiß Teo Ferrer de Mesquita, der seit 1980 in Frankfurt das Centro do Livro e do Disco de Língua Portuguesa – eine ausschließlich auf portugiesischsprachige Literatur und Musik spezialisierte Buchhandlung – betreibt und sich einen Namen als Kulturbotschafter für Brasilien und Portugal gemacht hat. Auf einer Verkaufsfläche von 80 qm werden rund 10 000 Titel angeboten, das Angebot reicht von Belletristik über Lehrbücher bis zu internationalen Bestsellern. 
Neben Ladengeschäft und europaweitem Versand betreibt Mesquita unter seinen Initialen TFM auch einen kleinen Verlag, in dem zum Gastlandauftritt u.a. eine „Bibliografie der brasilianischen Literatur“ von Klaus Küpper erscheint. Diese gilt als Fundgrube für all jene, die sich v.a. mit der Rezeption im deutschsprachigen Raum beschäftigen und listet auf fast 500 Seiten brasilianische Literatur in deutscher Übersetzung vom 19. Jahrhundert bis 2012 auf. 
Mesquita ist sich sicher, dass „Brasilien als Land in der Diskussion bleiben wird“ und sich darüber mit „etwas Geschick“ auch das Interesse an brasilianischer Literatur über die Buchmesse hinaus verlängern lasse.
Text: Nicole Stöcker

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