Professionalisierung der Buchindustrie

Brasilien ist Gastland der Buchmesse 2013. Die Buchindustrie des Landes wächst von niedrigem Niveau dynamisch. Ricardo Costa, Südamerika-Experte der Frankfurter Buchmesse, über die Entwicklung des brasilianischen Buchmarkts.

Welche Faktoren haben die positive Entwicklung des brasilianischen Buchmarktes in den vergangenen Jahren beeinflusst?

Die Buchindustrie in Brasilien hat in den letzten 10 bis 15 Jahren eine Professionalisierung erlebt. Diverse Universitäten haben Publishingkurse ins Leben gerufen und es gibt sogenannte qualifizierte Kurzzeit-Trainings, die von der brasilianischen Buchkammer, der São Paulo State-University und anderen Institutionen unterstützt werden. Experten aus verschiedenen Gebieten wie Marketing, Administration, Verkauf, Literatur und Journalismus bringen ihre Fähigkeiten in die Buchindustrie ein. Ein weiterer Faktor ist das stringente Programm der Regierung, Bücher anzukaufen und in Schulen zu verteilen – Brasiliens Regierung ist der größte Buchkäufer und verantwortlich für mehr als ein Viertel der gesamten Buchumsätze. Außerdem hat die Qualität der Buchproduktion zugenommen. Und: Bücher sind seit mehr als zehn Jahren umsatzsteuerfrei. Das hat geholfen, die Buchpreise niedrig zu halten, obwohl sie immer noch relativ hoch sind.
Hat Brasilien überhaupt so etwas wie eine Buch- und Lesekultur?
Nicht wirklich. Es ist ein harter Job für die Regierung und nichtstaatliche Organisationen, diese Kultur zu entwickeln. Das jährliche Lesepensum in Brasilien ist sehr gering. Einschließlich Schulbücher liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei jährlich 4,2 Büchern, ohne Schule bei nur zwei Büchern.
Welche Bedeutung hat der stationäre Buchhandel?
Während in vielen Ländern die Buchläden schließen, ist in Brasilien erstaunlicherweise die gegenteilige Entwicklung zu beobachten: Der Buchhandel expandiert, und das betrifft nicht nur die kleinen, unabhängigen Geschäfte, sondern auch die großen Ketten, darunter sogenannte Megastores mit mehr als 2500 qm. Allerdings konzentriert sich diese Expansion auf die großen Städte und auf den Südosten und Süden des Landes, also die wirtschaftlich stärksten Regionen. Kleinstädte und arme Gegenden sind immer noch unterversorgt.

Ist die Digitalisierung ein Thema?

Bis Ende 2011 gab es weniger als 5000 E-Books. 2012 hat sich diese Anzahl verdreifacht und in den letzten sechs Monaten ist sie auf 20 000 Titel angewachsen. Das ist immer noch vergleichsweise wenig. Allerdings sind die großen Player auf dem digitalen Buchmarkt auch erst Ende 2012 in Brasilien gelandet. Die Prognose für 2013 ist, dass rund 1% der Verkäufe aus dem E-Book-Bereich kommen werden.

Wie gefragt ist brasilianische Literatur im Ausland?

Brasilien wurde für lange Zeit nur als Rechte-Käufer gesehen. Die Präsenz der Verleger auf internationalen Buchmessen in den letzten fünf, sechs Jahren hat dazu beigetragen, dass brasilianische Literatur auch zunehmend verkauft wird. Unterstützt wird dieser Prozess durch das Kooperationsprojekt „Brazilian Publishers“, ein Zusammenschluss von Verlegern sowie der Export- und Investment-Förderungsagentur Apex-Brasil.
Die Fragen stellte Nicole Stöcker

Kommentare

1 Kommentar zu "Professionalisierung der Buchindustrie"

  1. Diesen Beitrag über den Buchmarkt in Brasilien von Ricardo Costa finde ich sehr informativ.

    Das Buch als Kulturträger hat also in Brasilien noch eine Zukunft vor sich. Und da lässt sich auch noch eine gute Lesekultur vor allem bei der jungen Generation entwickeln. Besonders in Schulen und in der gesamten Bildung ist da noch ein Bedarf an Büchern vorhanden.

    Mit Deutschland kann man jetzt Brasilien nicht vergleichen, weil eben bei uns die Bedürfnisse und Strukturen ganz anders sind.
    Hervorzuheben ist auch, dass trotz einiger Großbuchhandlungen der Bedarf an mittleren und kleineren Sortimenten noch da ist.
    Herr Costa teilt in seinem Text mit, dass die Regierung in Brasilien der größte Buchkäufer ist und Bücher sind umsatzsteuerfrei.
    Da eben Brasilien ein Aufbauland ist, sind kulturelle Potenziale vorhanden, die nur richtig genutzt werden müssen. Eine richtige Buchkultur muss also erst so richtig wachsen, d. h. an den Schulen ist das Wissen den Schülern und Jugendlichen gut zu vermitteln und auch der Analphabetismus muss bekämpft werden. Auch die Armut schafft in Brasilien große Probleme.
    Trotzdem gibt es Zeichen der Hoffnung und Zuversicht was in Brasilien die Bildung betrifft.

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