Aufmerksamkeit ist viel wertvoller als Geld

Mit der Digitalisierung der Inhalte rücken Buch- und Presseverlage näher zusammen. Große Zeitungshäuser wie zuletzt Dumont Schauberg (hier mehr) zweitverwerten ihre Artikel im E-Book-Format, während Buchverlage immer stärker auf kurze und aktuelle Inhalte setzen. Der Journalist Dirk von Gehlen (Foto: Gerald von Foris) geht davon aus, dass in diesem neuen Wettbewerb der Dialog mit dem Leser entscheidend sein wird.

Das folgende Interview ist ein Auszug aus einem längeren Gespräch, das im kommenden buchreport.magazin Oktober 2013 veröffentlicht wird. 

Wie die Inhalte des kulturellen Schaffens und ihre Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung verändert werden, beschreibt der Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ in seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar – Update. Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert.“ Das via Crowdfunding finanzierte und unter Creative-Commons-Lizenz erschienene Buch ist am Wochenende in gedruckter Form vom Metrolit Verlag auf den Markt gebracht worden (hier mehr Infos). 
Immer mehr Zeitungsverlage steigen ins E-Book-Geschäft ein, Buchverlage bringen ihre Sachbücher immer schneller heraus. Wie verändert dies den Markt?
Statt Medienformate abzugrenzen, sollten wir fragen, was die Aufgabe eines Verlags ist. Aus Lesersicht ist es die Aufgabe eines Verlages, interessante Inhalte so aufzubereiten, wie ich sie gerne hätte. Ob diese Inhalte klassischerweise als Buch oder als Zeitung bezeichnet werden, ist dem Leser viel weniger wichtig als den Machern selbst. 
Wie verändert sich die Rolle von Autoren und Journalisten durch die Digitalisierung? 
Digitale Medien haben das Potenzial zum Dialog. Nimmt man dies ernst, verändert sich die Rolle von Autoren dahingehend, dass sie sich mit ihren Lesern austauschen. Dieser Austausch ist ein wichtiger Faktor im Wettstreit um Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist viel wertvoller als Geld. Sie ist nämlich für alle begrenzt und nicht vermehrbar. Und darin liegt auch die Chance, digitale Inhalte, die so leicht kopierbar sind, mit Wert zu belegen. Legt man den Entstehungsprozess offen, ist dies ein einzigartiges, nicht kopierbares Erlebnis. Dies ist vergleichbar mit Bioprodukten, bei denen die Entstehungsbedingungen offengelegt werden und so wertig werden, dass wir bereit sind, einen höheren Preis zu bezahlen. 
Braucht es künftig noch Verlage? 
Davon bin ich fest überzeugt. Verlage haben, anders als sie es in ihrem Selbstzweifel manchmal meinen, eine sehr gute Zukunft, wenn sie sich darauf besinnen, was sie am besten können: Gute Inhalte auswählen, die Aufmerksamkeit auf Produkte lenken und mit dem Autor als Partner attraktive Produkte zu entwickeln. Besonders wichtig ist es, sich dem Leserinteresse stärker zu widmen – und zuzuhören.
Sie haben aber auch vorgeführt, dass der Verlag auch als Finanzier nicht unbedingt gebraucht wird, indem Sie Ihr Buch per Crowdfunding vorfinanziert haben…
Ich mag zwar den Hype-Begriff Crowdfunding nicht, glaube aber, dass wir von dem Prinzip viel lernen können. Als Leser gebe ich einem Autor, den ich sehen und mit dem ich reden kann, sehr viel lieber Geld, als wenn ich es in eine anonyme Maschine werfe. Diese Form des direkten Bezahlens hat eine große Zukunft. Die qualitativen Dienstleistungen eines Verlags stellt das aber nicht in Frage.
Die Geschäftsmodelle auf dem E-Markt sind überwiegend konventionell. Erwarten Sie ein Umdenken?
E-Books übertragen den festen Aggregatzustand des Buches in seine flüssige Form, in der sehr viel mehr möglich ist. Man kann den Prozess öffnen, höhere Formen der Interaktion anbieten, Inhalte in Versionen verbreiten oder mit anderen Medienformen spielen. Wie schnell wir ein Umdenken erleben, hängt auch davon ab, wie experimentierfreudig die Verlage sind. Ich habe den Eindruck, dass es nur wenige Verlage gibt, die etwas Neues ausprobieren. Ich wünsche uns allen mehr Mut zum Scheitern, weil wir nur im Hinfallen und wieder Aufstehen die digitale Kultur erspüren können.

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