Volker Oppmann: Welche Funktion hat ein Buch?

Volker Oppmann: Welche Funktion hat ein Buch?

Aus Sicht des Lesers kann man grob zwischen Dokumentation, Information (damit auch Bildung) und Unterhaltung unterscheiden. Aus Sicht des Autors hingegen ist das Buch in erster Linie ein Mittel, sich einer Öffentlichkeit mitzuteilen. Das Entscheidende ist, dass es uns das Buch in seiner Eigenschaft als „Konservendose“ ermöglicht, Sprache zu konservieren, um damit Ideen bzw. (Text-) Informationen durch Zeit und Raum, von einem Kopf in den anderen, zu transportieren. Das Buch hat also in erster Linie eine kommunikative Funktion. Doch wie verändert sich diese Funktion mit der Digitalisierung?

Das Buch im öffentlichen Diskurs

Wollte man in den Zeiten vor Radio, Fernsehen und Internet am öffentlichen Diskurs teilnehmen bzw. seine Inhalte an die Öffentlichkeit bringen, gab es schlichtweg keine andere Möglichkeit als ein Manuskript physisch vervielfältigen und vertreiben zu lassen – sei es nun in Form eines Buchs oder eines Beitrags in einer Zeitung bzw. einer Zeitschrift. Hier kam die Funktion eines Buches als Kommunikationsmittel also voll zum Tragen.

Etwas zu veröffentlichen, war allerdings ein extrem aufwändiges und teures Unterfangen, für das man einen kompletten Industrieapparat in Bewegung setzen musste, sodass man stets auch jemanden brauchte, der das erforderliche Kapital vorstreckte (bzw. vorlegte, daher etymologisch auch das deutsche Wort „Verlag“) bzw. die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellte (dazu später mehr).

Inzwischen haben wir uns hin zu einer Wissens- und Informationsgesellschaft entwickelt, in der jeder Wissensarbeiter seine Produktionsmittel in Form seines Wissens selbst besitzt. Die erforderlichen Werkzeuge, das eigene Wissen produktiv zu machen, sind in der Regel frei verfügbar oder aber kostentechnisch vernachlässigbar.

Wir brauchen dafür heute keinen Industriepark samt nachgelagerter Vertriebsorganisation mehr. Jeder kann mit Hilfe eines Rechners sowie der nötigen Software seinen eigenen Verlag betreiben – sofern es überhaupt noch eines Verlags bedarf. Um zu publizieren, d.h. eine Öffentlichkeit für die eigenen Inhalte zu schaffen, genügt eine eigene Website, ein Blog oder schlicht eine Profilseite auf einem sozialen Netzwerk.

Damit sind wir wieder bei Mike Shatzkins „Atomization of Publishing“ – das Veröffentlichen ist in der Tat selbst eine reine Funktion geworden und nicht mehr die Domäne einer eigenen Verwertungsindustrie. Damit hat das, was vom Buch übrig geblieben ist, aber auch einen Teil seiner kommunikativen Funktion verloren. Es ist nicht mehr Ort des öffentlichen Diskurses, sondern allenfalls Nebenschauplatz. Der gesellschaftliche Austausch findet anderweitig statt.

Social Reading, oder die Rückkehr der Kommunikation

Eine Veränderung, die im Buchhandel besonders deutlich wird: Um sich mit anderen auszutauschen gehen unsere (ehemaligen) Kunden heute nicht mehr in den (Buch-) Laden (dort wird, von einigen wenigen rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen, allenfalls konsumiert), sondern online bzw. sind mit ihren Smartphones, Tablets, Netbooks und Notebooks (nomen est omen?) mobil unterwegs.

Online ist die Lage aber leider noch desolater als im stationären Bereich, da die Online-Auftritte in der deutschen Buchhandelslandschaft in etwa so kommunikationsfördernd sind wie eine Rolle Isolierband um den Kopf einer Geisel. Von den digitalen Angeboten ganz zu schweigen. Die Folge: Die Kommunikation findet auf anderen Plattformen statt. (Kleine Randnotiz: Einen wahren Ort der Begegnung für Bücherfreunde – Goodreads – hat sich vor Kurzem ein Unternehmen namens Amazon einverleibt.)

Unter der Bezeichnung „Social Reading“ gibt es jedoch auch Tendenzen, den kommunikativen Aspekt von Büchern wieder stärker in den Fokus zu rücken. Nutzer können sich über Kommentare, Anmerkungen oder Chat-Funktionen direkt untereinander austauschen und müssen dazu noch nicht einmal ihr Buch verlassen, da ihnen die ausführende E-Reading-Software inzwischen all diese Möglichkeiten bietet.

Damit besteht sogar die Chance, dass Buchhandlungen (bzw. das, wozu sie sich im Netz entwickeln) tatsächlich wieder zu den viel beschworenen Orten der Begegnung und der Kommunikation werden, die sie aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen im Kommunikations-, Konsum- und Freizeitverhalten längst nicht mehr sind. Kommunikation kann schließlich nur dort stattfinden, wo sich Menschen auch tatsächlich begegnen (und miteinander austauschen) können.

Hier, im Bereich Social Reading, liegen meines Erachtens also die größten Chancen, indem wir uns weg von reinen Shops mit Listenansichten hin zu einem sozialen Bücher-Netzwerk entwickeln, das einen selbstverständlich auch gerne (kostenpflichtig) mit Inhalten versorgt.


Der Kunde kauft kein Produkt,
sondern das, (…) was das Produkt für [ihn] leistet. (…)
Es hängt davon ab, was seiner Realität entspricht
und was der Kunde als „Wert“ betrachtet.
PETER F. DRUCKER*

Das Buch und seine Infrastruktur

Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir mit der Digitalisierung gerade vor einem nicht minder revolutionären Umbruch stehen wie seinerzeit mit der Erfindung des Buchdrucks. Gutenberg und die auf ihn folgende industrielle Produktion von Büchern haben die alten Gatekeeper samt ihrer Infrastruktur in Gestalt des Klerus mit seinen Skriptorien und Klosterbibliotheken obsolet gemacht – Texte mussten nicht länger von Hand abgeschrieben werden, um sie zu vervielfältigen und Bücher wurden für andere Gesellschaftsschichten erschwinglich.

Der Verlagsbuchhandel übernahm fortan diese Funktion und versorgte statt der herrschenden Klasse nun auch die breite Masse mit Inhalten. Buchhandel und Verlagswesen stiegen dank ihrer Produktions- und Vertriebskapzitäten schnell zur beherrschenden Infrastruktur um nicht zu sagen Datenautobahn der Neuzeit auf.

Doch diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei. Bereits heute verliert die Buchbranche massiv an Bedeutung, das Buch ist gerade dabei, sich erneut zu transformieren, sich eines neuen Trägermediums zu bedienen und die alten Strukturen damit überflüssig zu machen.

Die ernüchternde Wahrheit ist, dass die Buchbranche weder Quell noch Hort der (Schrift-) Kultur ist, sondern ihr Diener. Unsere Hauptfunktion besteht darin, zwischen Text-Produzenten (Autoren) und Text-Konsumenten (Lesern) zu vermitteln, wozu wir uns heute anderer Methoden, Techniken, Abläufe und Organisationsformen bedienen müssen als in der Vergangenheit.

Anders ausgedrückt: Wir müssen unseren Kunden – Autoren wie Lesern – eine zeitgemäße Infrastruktur für den schriftlichen Austausch zur Verfügung stellen. Tun wir das nicht, werden andere unsere Funktion übernehmen.

Und nicht zuletzt brauchen wir ein neues Verständnis davon, was ein Buch ist und was unsere Kunden als Wert betrachten. Meine These: Kontext und Kommunikation – also die Vernetzung von Büchern und Menschen – werden die Schlüsselfaktoren für überzeugende digitale Angebote sein.

Eine entsprechende Auswahl, sofortige Verfügbarkeit sowie einfache und bequeme Nutzung der angebotenen Inhalte setze ich als selbstverständlich voraus.

*Drucker, Peter F.: Management, Band 1. Campus: Frankfurt/New York, S. 159 f.

Volker Oppmann, Gründer von LOG.OS.

Weitere Beiträge von Volker Oppmann im buchreport-Blog:

 

Kommentare

2 Kommentare zu "Volker Oppmann: Welche Funktion hat ein Buch?"

  1. Vielen lieben Dank – das freut mich sehr !!

  2. Buchbetreuerin | 28. August 2013 um 19:33 | Antworten

    Ein kluger und klarer Beitrag. Danke!

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