Amazon erklärt der Buchindustrie den Krieg

Es gelingt Amazon immer wieder, die Buchbranche mit simplen Schachzügen in helle Aufregung zu versetzen. Diesmal sorgen massive Preissenkungen bei Hardcover-Bestsellern in den USA für Wirbel.

Nach einem Bericht des Branchen-Dienstes „Shelf Awareness“ hat Amazon Ende der vergangenen Woche begonnen, viele Hardcover-Bestseller mit 50 bis 65% Rabatt anzubieten, darunter Titel wie „Inferno“ von Dan Brown (11,54 Dollar statt 29,95 Dollar Listenpreis, –61%) oder „Lean In“ von Sheryl Sandberg (–64%). 
Mit einem Rabatt von bis zu 65% sei die Amazon-Offensive insofern erstaunlich, als sie über das normale Rabatt-Maß diverser Preisaktionen von Amazon, Supermärkten und anderen Discountern (40 bis 50%) hinausgehe, die eher abseits der Hardcover stattfänden. Jetzt liege der Hardcover-Preis teilweise sogar unter den E-Book-Ausgaben.
Nach Vermutung des Autors reagiert Amazon damit auf eine Aktion des Onlinehändlers overstock.com, der bei 360.000 Titeln den Amazon-Preis um 10% unterbieten wolle. Es gebe in der Branche jedoch auch die Annahme, dass Amazon durch die Verurteilung von Apple im Agency-Prozess (mehr im buchreport.de-Dossier) ermutigt worden sei, an der Preisschraube zu drehen. Schließlich könne das gute Verhältnis von Amazon zur US-Regierung einen Ausschlag gegeben haben – am Dienstag, 29. Juli, werde Barack Obama eine Rede im Amazon-Lager in Chattanooga (Tennessee) halten.

Verleger: Barnes & Noble und Indies leiden unter Amazon-Preiskampf

Der als scharfer Amazon-Kritiker geltende US-Verleger Dennis Johnson (Melville House) reagiert ebenfalls alarmiert auf die Amazon-Preisaktion. Johnson zitiert einen Buchhändler mit den Worten „Das ist eine offene Kriegserklärung an die Buchindustrie“ und glaubt, dass Amazon die eigene Position als „kolossalster Monopolist in der Buchbranchen-Geschichte“ zementieren wolle. Die Preisnachlässe seien nicht nur ein Angriff auf Barnes & Noble (die Kette, die nur noch aus Bestsellern plus Merchandise bestehe), sondern auch viele Indie-Buchhandlungen, die Bestseller benötigten, um überleben zu können. Auch die Verlage litten darunter, sie glaubten ohnehin, dass ihre Titel unter Wert verkauft würden. 
Johnson kommt allerdings zu einem erstaunlichen Fazit. Statt deprimiert zu sein, rät der Verleger zum Optimismus. Dies könnte „der erste große Fehler“ von Amazon sein. „Ist das die Gelegenheit, auf die die Buchindustrie gewartet hat, um einen Widerstand aufzubauen – und schließlich die Regierung dazu zu bringen, sich das wahre Monopol der Buchindustrie anzuschauen?“ 
Johnson spielt auf den Agency-Prozess an, in dem Apple von den Monopolwächtern attackiert wurde – obwohl viele Verlage und Retailer davon ausgehen, dass das von Apple durchgesetzte Agency-Modell gerade ein Monopol von Amazon auf dem E-Book-Markt verhindern sollte.

So ganz seiner Sache sicher scheint sich Johnson allerdings nicht zu sein. Kurz vor Veröffentlichung des „Shelf Awareness“-Artikels widmete sich der Verleger den mutmaßlichen Preiserhöhungen von Amazon abseits der Bestseller-Liste (hier mehr dazu): „Eine Preiserhöhung ist natürlich unvermeidlich, ob das gerade passiert oder nicht. Kein Monopol in der Geschichte hat jemals die Preise gesenkt. Das tun Monopole nicht. Deshalb existieren sie nicht. Amazon hat nicht 18 Jahre lang Verluste erlitten, um die totale Marktbeherrschung zu erlangen, dennoch aber weiterhin die Verluste auszuweisen, wie es gestern der Fall war… und im Quartal davor… Und im Quartal davor, bis hin zur Gründung der Firma 1995.“

Auf welche Bilanz-Kennziffer sich Johnson hier bezieht ist unklar. Zumindest beim Net Income/Nettogewinn bzw. Verlust hat Amazon bis auf zwei Quartale (hier mehr) in den vergangenen Jahren oberhalb der Null-Linie gelegen. 

Kommentare

4 Kommentare zu "Amazon erklärt der Buchindustrie den Krieg"

  1. Übertreibung ohne Ende!

    Amazon hat schon immer (nicht nur bei Büchern) nach einer gewissen Zeit die Preise gesenkt, um die Reste aus dem Lager zu bekommen. Wenn man betrachtet wie viel von dem Dan Brown (-Schrott) gedruckt wurde und dann schaut, wie viel verkauft wurde (auch wenn er in den Top10 war und ist), dann kann man es Amazon nicht übel nehmen, wenn nach so langer Zeit, in der sich das Buch nicht verkauft, das Lager endlich freigeräumt wird, um da was Besseres reinzustellen.

    Den Verlagen kann das egal sein, denn Amazon hat die Bücher ja schon bezahlt. Es könnte sogar begrüßenswert sein, denn jetzt hat Amazon wieder Platz um neue Bücher einzukaufen. Immer noch besser als Remittenten zurückzuschicken, das würde den Verlag ordentlich kosten.

    Da kommt jetzt der wichtigste Punkt:

    Amazon sagt: „Ich kriege das Zeug nicht los, du hast mit uns eine Remissionsklausel im Vertrag. Nimm die Bücher zurück.“

    Verlag antwortet: „Nee, mach mal den Preis runter, grad so weit, dass wir noch ein Cent pro Buch gewinn machen, dann kriegen wir das Zeug hoffentlich los.“

    So läuft das Geschäft.

    Hier irgendwelche Verquickungen mit Regierungsnähe anzuführen halte ich für blanke Verschwörungstheorie. Leute mit solchen Ideen landen in den USA öfters im Irrenhaus.

    Grüße

    Rouven

  2. Stimmt nicht! Die Behauptung, dass Amazon seit 18 Jahren Verluste einfährt, ist blanker Unsinn, der offenbar unreflektiert übernommen wurde. Von den letzten 20 Quartalen hat Amazon in 18 Gewinne gemacht. D.h. Amazon verdient mit seiner Strategie Geld! Es macht von der Aussage her einen Riesenunterschied, ob ein Unternehmen „auf bessere Zeiten“ hinarbeitet und Verluste produziert, oder ob es mit seiner Politik seit Jahren erfolgreich Gewinne einfährt,

    Sorry, aber BR-Online sollte sich mal den Luxus eines Fact-Checkers gönnen.

    • Hallo Herr Paulsen, Sie haben recht, uns ist das auch klar. Wir haben das vor wenigen Tagen hier geschrieben: http://www.buchreport.de/nachr
      Hier geht es aber um ein Zitat eines US-Verlegers, das wir nicht abändern können. Aber wir werden einen Verweis einbauen, dass Johnson hier irrt. Danke.

  3. Als Gegner des Agency-Models wendet Amazon das Wholesale-Model an. Bei diesem zahlt es in solchen Aktionen die Differenz zwischen den „suggested retail price“ und dem verringerten Endkundenpreis an die Verlage.

    Diese Aktion kostet vor allem Amazon Geld. Sollte Overstock es über längere Zeit durchziehen, sehr viel Geld. Auf der Strecke bleiben bei diesem Preisduell natürlich alle, die nicht mithalten können.

    Die Verlage „erleiden“ also vorerst nur einen virtuellen Verlust. Auf lange Sicht kann sich allerdings die Preiserwartung bei den Kunden verändern, vor allem für Bestseller.

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