Amazon-Verlag debütiert in Deutschland

Spätestens seit den ersten Erfolgen von Amazon Publishing in den USA wird in der Branche viel über das Verlags-Debüt des Onliners hierzulande spekuliert: Startet Amazon mit einem Mega-Deal und wirbt hochkarätige Autoren ab? Seit dieser Woche ist zumindest der erste Fokus der deutschen Amazon-Verlagsaktivitäten klar: Autoren mit großem Renommee, kleine Formate und geringes Risiko.

Denn Amazon startet mit dem vor fast drei Jahren in den USA eingeführten Mini-E-Book-Format „Kindle Singles“ (ca. 5000 bis 30.000 Wörter, Gesamtabsatz laut Amazon bislang 4,5 Mio Exemplare), das zumindest in der englischen Buchwelt zahlreiche Ableger gefunden hat (s. unten). 400 Singles bietet Amazon aktuell ab 0,99 Euro im deutschen Shop an, darunter 40 deutschsprachige. Und für die hat Amazon nicht deutsche Autoren eingeworben, sondern erfolgreiche Titel aus dem US-amerikanischen „Amazon Crossing“-Programm auf eigene Faust übersetzt (u.a. Titel von Hugh Howey, Kurt Vonnegut, Jon Krakauer und Jeff Jarvis). Das kommt nicht überraschend: Jeff Belle, Vize-Präsident bei Amazon Publishing, hatte im vergangenen Jahr angedeutet, dass man seit Juli 2012 englische Titel ins Deutsche übersetze und dabei das Augenmerk auf etablierte Kindle-Bestsellerautoren lege. Und auch die für „Crossing“ verantwortliche Lektorin Sarah Tomashek hatte auf der Londoner Buchmesse 2013 erklärt, dass ihr Verlag Bücher aus 14 Sprachen ins Englische überführe und gerade angefangen habe, auch Bücher ins Deutsche zu übersetzen.

Dies soll nur der Anfang sein: Im September wechselt Laurenz Bolliger (Foto), früherer Suhrkamp-Lektor und aktuell Programmleiter für internationale Literatur beim Dumont Buchverlag, zu Amazon. Seine Mission: wie ein klassischer Verlag Manuskripte sondieren und Autoren für das deutsche Kindle-Programm auswählen. 

Amazon Crossing ist in den USA inzwischen zweitstärkster Lizenzeinkäufer, hinter dem Dalkey Archive. Im vergangenen Jahr wurden 29 ausländische Titel von Amazon ins Englische übersetzt (hier mehr). Der Superstar unter den Autoren ist dabei der Deutsche Oliver Pötzsch mit seiner „Henkerstochter“-Serie (hier mehr).
Jorrit Van der Meulen, Vice President für das europäische Kindle-Programm, erklärt in einer Pressemitteilung: „Wir denken, dass unsere deutschsprachigen Kunden dieses neue Angebot begrüßen werden. Die Rückmeldungen aus den USA waren hervorragend. Seit dem Start der Kindle Singles vor zwei Jahren wurden inzwischen fast 4,5  Mio Kindle Singles verkauft.“

Unter den Singles-Autoren seien Susan Orlean, Jon Krakauer, David Mamet, Karin Slaughter und Stephen King, die wiederum Nachwuchsautoren animiert hätten, eigene Singles-Texte zu veröffentlichen – einige hätten es daraufhin bis in die Top-100 der Kindle-Bestsellerliste geschafft, darunter auch Mishka Shubaly. Seine Singles „Schiffbrüchig“, „Lebens Lauf“ und „Die Kuckucksfrau“ seien auch auf Deutsch im Singles-Shop erhältlich. 

„Singles“ im Ausland schon ein großer Markt

Während hierzulande etablierte Verlage wie Egmont Verlagsgesellschaften und Startups wie Mikrotext (alle drei Monate erscheinen zwei „E-Book-Singles“, die thematisch als Lesebündel zusammenhängen, hier mehr) und Culturbooks (soll im Sommer starten, hier mehr) mit kleinen E-Books experimentieren, sind die Singles im Ausland inzwischen zum stattlichen Markt mit vielen Bewegungen avanciert: 

  • Tim Waterstone, Gründer der größten britischen Buchhandelskette Waterstones, kündigte im Frühjahr seinen Service Read Petite an (buchreport.de berichtete)
  •  Medium, Publishing-Plattform von Twitter-Mitgründer Evan Williams, hat das erst vor wenigen Monaten gestartete E-Book-Portal Matter gekauft (hier mehr).
  • Vor wenigen Monaten stellte die „New York Times“ ihr E-Singles“-Angebot vor: unveröffentlichte Texte, die sich kulturellen, Sport-, Wirtschafts-, Wissenschafts- und Gesundheits-Themen widmen, preislich zwischen 1,99 und 2,99 Dollar.
  • Byliner aus San Francisco hat digitale (Mini-)Originalausgaben von hochkarätigen Autoren wie Margaret Atwood oder Jon Krakauer im Programm.
  • The Atavist stammt aus Brooklyn (New York), die Titel sind länger als Zeitschriftenartikel und kürzer als Bücher; zu den Investoren zählen der Ex-Google-Chef Eric E. Schmidt und Sean Parker (Ex-Chef bei Facebook). Das Angebot hat buchreport.de erstmals hier vorgestellt
  • The Magazine: Alle zwei Wochen erscheinen rund 5 Beiträge in mittlerer Länge (zwischen Artikel und Buch), das Angebot kostet monatlich 1,99 Dollar.
  • Holocene richtet sich an Bastler-Zielgruppen, veröffentlicht werden u.a. Anleitungen, vom Kochen bis zum Roboter-Bau.
  • Wattpad: Selfpublishing- und Social-Reading-Plattform, angeblich 1,5 Mio neue Texte pro Monat, 14 Mio Besucher im Monat, konnte kürzlich in einer Series-B-Founding-Runde über 17 Mio Dollar von Investoren einsammeln.

buchreport hat sich im Frühjahr in einem Webinar dem Boom der kleinen E-Book-Formate gewidmet. Das Video zum Webinar kann für 29,90 Euro bestellt werden. Bitte schicken Sie eine Mail an info@buchreport.de. 

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