Verlage müssen schneller werden

Mit der Digitalisierung müssen Verlage, ihre Prozesse schneller und flexibler gestalten, um auf technische Veränderungen und Nutzerbedürfnisse zeitnah eingehen zu können. Dazu bedienen sich Gräfe und Unzer sowie Langenscheidt einer Arbeitsmethode, die aus der Softwareentwicklung entlehnt wurde: Agiles Projektmanagement. 
Im Gegensatz zu klassischen Techniken des Projektmanagements gehen agile Methoden davon aus, dass Projekte nie vollständig geplant werden können und fortwährende Veränderungen die Regel sind. Agiles Projektmanagement greift Veränderungen deshalb konstruktiv auf und passt Projekt und Ergebnis flexibel an die Gegebenheiten an. 
Welche Vorteile die Methode bringt und wie sie konkret in der Praxis umgesetzt wird, erläutern Beate Muschler (Gräfe und Unzer) und Carl Heinze (Langenscheidt) im Interview mit buchreport.

Zum Thema werden sie am 19. Juni auf der AKEP-Jahrestagung in Berlin referieren. Weitere Informationen unter akep-jahrestagung.de.
Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitsprozesse in den Verlagen? Müssen die Verlage flexibler und schneller publizieren?
Beate Muschler: Ja unbedingt! Das Mediennutzungsverhalten der Kunden hat sich drastisch gewandelt, durch die starke Online-Nutzung stehen Informationen überall in kürzester Zeit zur Verfügung. Daraus entwickelt sich eine Erwartungshaltung auf Kundenseite, in schnellerer Folge immer wieder aktuelle Inhalte anzubieten, die natürlich nicht ohne Folgen für die Verlage bleibt. Zudem erfordert die starke Dynamik in der technischen Entwicklung, dass digitale Produkte permanent upgedatet werden. Dies alles führt zwangsläufig zu einer Veränderung der Arbeitsprozesse.
Im Software-Bereich ist agiles Projektmanagement bereits üblich. Inwieweit kommt agiles Projektmanagement in Buchverlagen bisher zum Einsatz?
Muschler: Das Besondere am agilen Projektmanagement ist ja, dass es erlaubt, auf neue Entwicklungen und Anforderungen schneller und flexibler zu reagieren und damit genauer auf die Wünsche und das Feedback der Kunden eingehen zu können. In Buchverlagen kommt agiles Projektmanagement deshalb zunächst im Bereich der digitalen Produkte zum Einsatz, da dort der Veränderungs- und Anpassungsdruck am größten ist. Wir bei GU experimentieren deshalb seit einiger Zeit im digitalen Bereich mit agilem Projektmanagement. Andere Verlage wie z.B. Langenscheidt setzen die Methode schon sehr erfolgreich in größerem Umfang ein.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher gesammelt? 
Carl Heinze: Zum einen hilft uns agiles Projektmanagement dabei, uns selbst zu organisieren und zu koordinieren. Für diese Aufgabe haben sich Methoden des agilen Projektmanagements als sehr nützlich erwiesen. So können wir zum Beispiel die vielfältigen Aufgaben, die im Rahmen des Projekts anfallen, mit Hilfe von Kanban-Boards visualisieren, einzelnen Teilnehmern zuordnen und die gemachten Fortschritte und auftretende Probleme verfolgen. 
Zum anderen hilft uns der agile Ansatz bei der konkreten Produktentwicklung: Man kann bei einem digitalen Produkt im Vorfeld häufig nicht alle Spezifikationen oder Herausforderungen absehen. Zudem ändern sich die Anforderungen an ein Produkt während der Entwicklungszeit, da wir uns in einem technisch sich rasant entwickelnden Umfeld bewegen.

Deshalb ist es wichtig, die Produktentwicklung als iterativen Prozess zu verstehen, der stetig von Fragen nach dem aktuellen Fokus und von neuen Prioritäten begleitet wird. Es gilt, die obersten Kundenprioritäten zuerst umzusetzen und damit schon mit der ersten Produktvariante dem Kunden einen soliden Nutzen zu vermitteln. So kann man Kundenfeedback einholen und bei den weiteren Entwicklungsschritten den Prioritäten der Kunden folgen.

Und genau das ist meines Erachtens eine Kernbotschaft der agilen Produktentwicklung: Finde heraus, was am wichtigsten ist, setze das um, lerne aus der Umsetzung und verbessere das Produkt wie dein Wissen sukzessive im Sinne der Kunden.

In welchen Bereichen macht agiles Projektmanagement Sinn?
Heinze: Grundsätzlich wird agiles Projektmanagement vor allem für das Operieren in Bereichen großer Unsicherheit vorgeschlagen. Wenn man also sehr genau weiß, wie das eigene Geschäftsmodell funktioniert, dann muss man wohl nicht unbedingt radikal agil sein. Wenn aber nicht klar ist, welche Geschäftsmodelle, welche Angebote, welche Kanäle oder welche Preise die richtigen sind, dann hilft ein agiler Ansatz. Für uns ist die Entwicklung von digitalen Lösungen derzeit von relativ vielen Unsicherheiten begleitet – deshalb setzen wir agile Methoden vor allem hier ein.
Worauf muss man achten? Was raten Sie anderen Verlagen?
Heinze: Ich denke, dass der Einsatz von agilen Methoden desto besser funktioniert, je größer das Verständnis bei allen Beteiligten ist. Das bezieht sich nicht nur auf die Mitarbeiter in den Projekten, sondern auch auf die Entscheidungsträger und alle anderen, die mittelbar involviert sind. Wir hatten das Glück, dass unsere Bereichsleitung uns sehr unterstützt hat und selbst großes Interesse an dem Thema hat. Das erleichtert dann vieles.
Muschler: Unsere Erfahrung bei Gräfe und Unzer  ist, dass man sehr gut mit einzelnen Bausteinen aus dem agilen Projektmanagement starten und die Methode dann sukzessive auf weitere Bereiche ausweiten kann. Ausprobieren, bewerten und weiterentwickeln ist gilt auch für den Methodeneinsatz selbst!

Die Fragen stellte Lucy Mindnich

Kommentare

1 Kommentar zu "Verlage müssen schneller werden"

  1. Jörg Hopfgarten | 7. Juni 2013 um 8:08 | Antworten

    Die Stoßrichtung ist interessant. Das eBook wird so immer mehr zum sich entwickelnden Produkt, statt Neuauflagen gibt es Updates. Was für die Belletristik undenkbar ist, erscheint mir tatsächlich die Zukunft der Fach- und Ratgeberliteratur zu sein und der große Vorteil der Digitalen gegenüber der gedruckten Publikation.
    Wenn es wirklich in diese Richtung geht, sind zumindest in diesem Bereich auch alle Ansprüche, dass eBooks signifikant billiger sein müssten als gedruckte Bücher hinfällig. Schließlich wird der Verzicht auf das Materielle durch einen klaren inhaltlichen Mehrwert aufgewogen.
    Wir sehen hier die Zukunft des Buches aufscheinen, in der wir uns von der Vorstellung, ein Buch sei etwas bleibendes, fertiges, zumindest teilweise verabschieden müssen. Faszinierend.

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