Sprechen immer, verhandeln nie

Bei Amazon liegen nach dem Tagesstreik der vergangenen Woche weitere Proteste in der Luft. Verdi-Sekretär Heiner Reimann (Foto) stellt sich auf eine lange Auseinandersetzung mit dem Online-Riesen ein. Doch die internationale Struktur und die Größe des Unternehmens stellen die Arbeitnehmervertreter vor Herausforderungen. 
Reichen die Aktionen aus, um Sand in das Getriebe von Amazon zu streuen?
Sicherlich. Für uns als Gewerkschaft ist es jedoch eine Herausforderung, einen Online-Händler zu bestreiken, dem es vergleichsweise schnell und einfach möglich ist, Volumina zu verschieben – und die Auswirkungen des Streiks dadurch gering zu halten: Wenn Amazon einige Stunden vor dem Streik über diesen Bescheid weiß, können die Bestellungen problemlos umgeleitet werden. Dieses Unternehmen ist in vielerlei Hinsicht logistisch weit vorn.

Ich bezweifle daher, dass sich mit einem Tagesstreik wie diesem wirtschaftlicher Schaden anrichten lässt. Für Amazon war er wohl eher eine Art Stress-Test. Im Idealfall haben wir Verzögerungen erwirkt. Ob dies gelungen ist, konnten wir allerdings noch nicht auswerten. Sinn und Zweck der Aktion war aber ohnehin kein kurzfristiger Effekt. Wir stellen uns auf eine sehr lange Auseinandersetzung ein und glauben, hier besonders kreativ vorgehen zu müssen, weil Amazon als Händler und Logistiker eine Alleinstellung besitzt.

Wie schwierig ist es, Beschäftigte eines Unternehmens wie Amazon zu mobilisieren?
Wir haben uns viel Zeit nehmen müssen, um an die Beschäftigten heranzukommen. Amazon begibt sich besonders in strukturschwache Regionen, deren Bürger froh sind, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden. Außerdem arbeitet das Unternehmen viel mit befristeten Verträgen. Den Angestellten ihre – durchaus begründeten – Existenzängste zu nehmen und sie für den Arbeitskampf zu mobilisieren, ist da sehr schwierig. Erst durch konkrete juristische Beratung haben wir einen Fuß in die Tür bekommen.

Das nächste Ziel war, den Mitarbeitern eine Plattform zum Erfahrungsaustausch zu bieten – und zunächst die kurzfristig lösbaren Probleme anzugehen.  Dadurch haben wir einen großen Zulauf erfahren.

Mittlerweile haben die Menschen gemerkt, dass Amazon reagiert: Das Unternehmen hat 2011 auf unser Engagement hin die ersten Lohnerhöhungen seit 2007 umgesetzt, um einer Einmischung Verdis zuvorzukommen. Die Beschäftigten waren zu dem Zeitpunkt aber schon mutiger und unsere Bewegung daher nicht mehr zu stoppen.

Gibt es eine internationale Ebene, auf der Gewerkschaften gemeinsam agieren können?
Das könnte Sinn machen und wäre auch eine Option für die Zukunft, aber momentan ist nichts Entsprechendes geplant. Die Voraussetzungen und Organisationsformen sind derzeit zu unterschiedlich, um sich über Ländergrenzen hinweg zusammenzuschließen. Einen weltweiten Streik an Amazon-Standorten zu synchronisieren, wäre auf jeden Fall eine große Herausforderung.
Kommt jetzt Bewegung in die Gespräche mit der Geschäftsleitung?
Sprechen können wir mit Amazon immer, nur verhandeln nie – ganz im Sinne eines amerikanisch-freundlich-unverbindlichen Unternehmens. Ich zweifle mittlerweile daran, dass dort noch Menschen entscheiden. Es scheint eher, als schreibe ein Programm vor, alles zu tun, um schwarze Zahlen zu schreiben.

Ich weiß nicht, was geschehen muss, um Amazon zum Umdenken zu animieren. Momentan versucht das Unternehmen erst einmal, sich über den Nebenkriegsschauplatz der Frage „Sind wir Logistiker oder Händler?“ aus der Affäre zu ziehen. Wir bieten auch an, einen Haustarifvertrag ohne diese Einordnung abzuschließen – aber das ist nicht im Sinne des Unternehmens.

Wie ist die weitere Planung?
Ein Zeitplan existiert nicht, aber weitere Eskalationsstufen sind in Sicht: Die Stimmung ist aufgeladen. Natürlich ist mit Befriedungsversuchen seitens Amazon zu rechnen, aber es ist gut möglich, dass es zu weiteren Streiks kommen wird.

Wir sollten uns allerdings auf jeder Stufe noch die Möglichkeit erhalten, in Verhandlungen zu treten. Mit einem unbefristeten Streik wäre in naher Zukunft nur dann zu rechnen, wenn Amazon jegliche Gespräche einstellt. Der Streik in der vergangenen Woche hat zunächst einmal dazu gedient, zu zeigen: Wir meinen es ernst.

Heiner Reimann
ist Gewerkschaftssekretär Fachbereich Handel bei Verdi im Bezirk Frankfurt am Main. Er betreut die Verdi-Mitglieder bei Amazon und koordiniert die Streikmaßnahmen. 

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