Takt der Transformation bestimmt die Struktur

An vielen Stellen finden tiefgreifende Veränderungsprozesse statt. Muss sich die Branche, aber auch der Börsenverein in diesem Kontext neu erfinden?
Platiel: Wir erleben in der Tat entscheidende Zeiten. Mit dem Urheberrecht und der Frage nach dem gebundenen Ladenpreis, der im Kontext der Digitalisierung immer wieder im Feuer steht, sind Grundfesten der Branche bedroht. Wir sehen in allen Bereichen, für die wir zuständig sind, massive Veränderungen. Die Digitalisierung treibt alle um, die mit dem Medium Buch zu tun haben. Hinzu kommen die Konzentrationsprozesse im Handel und das Auftauchen von neuen Vertriebs- und Handelswegen. Und auch der Zusammenhang des Drei-Sparten-Verbandes ist etwas, was sich immer wieder neu definieren muss. Die Buchbranche ist grundsätzlich für die Zukunft gut aufgestellt. Sie muss sich aber tatsächlich teilweise neu erfinden. Und das gilt auch für den Börsenverein.
Die Transformation treibt an manchen Stellen Keile in das klassische Beziehungsgeflecht. Ist das Gefüge des Verbandes bedroht, weil die Sparten zunehmend auseinanderdriften?
Platiel: Ich würde das Verhältnis nicht als bedroht qualifizieren. Der Börsenverein hat durch seine besondere Struktur auch besondere Chancen, weil er in der Landschaft der Verbände etwas Einzigartiges darstellt. Dass er drei Sparten unter seinem Dach vereint, verschafft auch enorme Vorteile. Bei der Lobbyarbeit auf der politischen Bühne kann er ein großes Gewicht auf die Waage legen, weil die ganze Branche mit einer Stimme sprechen kann. Das ist der zentrale Vorteil, den wir nicht opfern sollten. Kompliziert ist, und das gehört eben auch zu seiner Struktur, dass die drei Sparten auch unterschiedliche Blickwinkel auf ihr jeweiliges Geschäft haben und zum Teil auch unterschiedliche Interessen verfolgen. Mit dieser Problematik werden wir uns, solange wie es diesen Verband in seiner jetzigen Ausprägung gibt, auch immer wieder beschäftigen müssen. 
Derzeit aber wohl mit besonderer Dringlichkeit, weil sich alles in Bewegung setzt?
Beckschulte: Tatsächlich verändert sich die ganze Wertschöpfungskette. Bislang wusste im Buchprozess jeder ganz genau, wo sein Platz in dieser Kette ist. Jetzt sind wir in digitalen Zeiten unterwegs und jetzt muss jeder seinen Ort in dieser neuen Kette erst noch finden. Das erzeugt natürlich Reibungen an verschiedenen Stellen, die auch im Börsenverein zu spüren sind. Es bleibt aber zu betonen: Von der Politik wird es außerordentlich geschätzt, dass man einen Ansprechpartner für die ganze Branche hat. Und wir haben ja aktuell viele Themen an die Politik zu adressieren. Beispiele sind der reduzierte Mehrwertsteuersatz für elektronische Bücher und die Preisbindung für elektronische Produkte. Es geht um die Privilegien der Branche, die wir in die digitale Welt verlängern wollen. Da müssen wir stark und vehement auftreten können. Und daher sollte sich der Verband nicht auseinanderdividieren lassen.
Dem Verband müsste stark daran gelegen sein, externe Unternehmen zu integrieren, die im Zuge der Digitalisierung in die Wertschöpfungskette eingreifen und dazu beitragen, dass sie sich verändert. Eine Baustelle mit Priorität? 
Platiel: Eine ausgesprochen spannende Frage. Nehmen Sie zum Beispiel Amazon: Dieses Unternehmen stellen wir uns als Mitglied des Börsenvereins nun gerade nicht als Erstes vor. Gleichwohl sollten wir aber sehr daran interessiert sein, neue, auch branchennahe Mitglieder aufzunehmen. Wir wissen an dieser Stelle aber ganz genau, wo unsere Grenzen liegen.
Beckschulte: Wer spielt in den digitalen Zeiten eine Rolle und wer könnte interessant sein, um ihn einzugemeinden? Ich denke in diesem Zusammenhang zum Beispiel an die Spieleindustrie, an Agenten und andere Dienstleister, die für unsere Branche interessant werden. Im Prinzip geht es darum, diejenigen an Bord zu holen, die uns in dem Inhaltsprozess verwandt sind und die uns unterstützen können. Nur wenn wir die Wertschöpfungskette umfassend in der Mitgliedschaft abbilden, finden wir in der Politik Gehör.
Platiel: Wir denken auf jeden Fall über den Tellerrand hinaus. Aber auch hier lautet das oberste Gesetz: Der Drei-Sparten-Verband ist uns ausgesprochen wertvoll. Und alles, was diese Struktur untergräbt, schadet der Schlagkräftigkeit und der Geschlossenheit, die in Zukunft noch viel wichtiger sein wird denn je.
Um den Wandel in der Branche adäquat zu begleiten, braucht auch das Ehrenamt frisches Blut. Gelingt die Transfusion?
Beckschulte: Die Frage ist, in welcher Form ein Engagement im Börsenverein stattfinden kann. Die üblichen Formen sind nicht mehr die Optionen der Zukunft. Sortimenter-Ausschuss und Verleger-Ausschuss haben wir in Bayern schon vor Ewigkeiten abgeschafft. Wir sind stattdessen zu Ad-hoc-Arbeitsgruppen oder spartenübergreifenden Arbeitskreisen übergegangen, wie sie mittlerweile in Teilen auch der Bundesverband einrichtet. Viele Branchenteilnehmer sind bereit, sich einzubringen. Die beruflichen Belastungen sind in den letzten Jahren aber erheblich größer geworden. Das muss man unbedingt austarieren.
Platiel: Wir haben in Bayern diverse Gremien, in denen wir insbesondere auch mit jungen Verlegern in Kontakt kommen. Gerade auf dem Feld der Digitalisierung, insbesondere im Verlagsbereich, entwickelt sich momentan vieles. Dabei arbeiten gerade auch junge Nachwuchskräfte mit und bringen sich aktiv ein. Verkrustete Strukturen können wir in Bayern nicht feststellen. Meine Einstellung beim Amtsantritt war, dass ich dem Verband etwas zurückgeben sollte. Ich habe mich lange Jahre hervorragend vertreten gefühlt, insbesondere vom Landesverband. Verbandsmitgliedschaft von der Wiege bis zur Bahre wird es aber nicht mehr geben. Die Zukunft liegt in flexiblen Strukturen für das Engagement.
Ihr Vorgänger Wolf Dieter Eggert hat sich mit großem Einsatz für den Erhalt des föderalen Systems im Verband starkgemacht. Wohin rudert Bayern unter Ihrem Vorsitz?
Platiel: Wir sind uneingeschränkt weiter auf diesem Kurs unterwegs. Die föderale Struktur ist für den Börsenverein eine besondere Stärke und ich glaube, dass sie richtig verstanden immer auch auf den Gesamtverband einzahlt. Wenn man den Verband noch einmal neu erfinden müsste, würde ich ihn immer wieder föderal aufstellen. 
Der Landesverband NRW war anderer Meinung und hat aus Kostengründen mit dem Bundesverband fusioniert …
Platiel: Auf die Motive der Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein-Westfalen möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sie haben ihre Gründe dafür gehabt. Für mich spielt neben der Mitgliedernähe vor allem die Vernetzung eine wichtige Rolle, die nur bei einer Vor-Ort-Präsenz wirklich gut gelingen kann. Wir sind der Meinung, dass die Vernetzung hier in Bayern besonders weit gediehen ist. Die Kooperationen reichen bis in die Landesregierung, wir arbeiten mit vielen Gremien und Ministerien bestens zusammen. Einige Beispiele: Wenn wir Literaturpreise ausloben, können wir das gemeinsam mit der Staatsregierung realisieren. Beim Geschwister-Scholl-Preis und dem Literaturfest München haben wir die Landeshauptstadt München mit im Boot. An diesem Netzwerk werden wir weiter arbeiten und es ausbauen.
Beckschulte: Auch hier ist das Thema der Branchengrenzen für uns besonders wichtig. Es kommt darauf an, angelagerte Branchen anzubinden. Zum Beispiel über das „Cluster Druck- und Printmedien“, oder in Richtung „Book meets Film“. Man muss sehen, wo man die Inhalte aus der Welt des Buches weiterverwerten und den Mitgliedern attraktive Angebote unterbreiten kann. Wir wollen auch Kommunikationsanlässe schaffen, die dazu führen, dass man über das Gute, das die Branche leistet, auch spricht. Dafür steht zum Beispiel das Gütesiegel für den stationären Buchhandel, bei dem das Bayerische Kultusministerium und die Schulen als Partner involviert sind. Diese Idee ist von anderen Landesverbänden mittlerweile übernommen worden, was uns sehr freut.
Die Kosten-Nutzen-Relation bleibt eine drängende Frage. Trotz vielfältiger Leistungen verliert der Börsenverein Mitglieder. Wie steuern Sie gegen?
Platiel: Es gibt in Bayern keine Absetzbewegungen aus dem Verband. Selbstverständlich ist dieser Zustand aber natürlich nicht, das gilt heute umso mehr. Wir müssen unser Leistungsportfolio immer wieder kritisch überprüfen. Und man muss die Mitgliedschaft, die eindeutig viele Vorteile bringt, viel aktiver verkaufen als in der Vergangenheit.
Beckschulte: Das Mitglied muss das Gefühl haben, dass die Leistung stimmt. Das ist entscheidend. Und außerdem schaffen wir natürlich einen grundsätzlichen Gegenwert. Der Status quo der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Privilegien wird von vielen als gegeben hingenommen. Mit welchem Krafteinsatz sie aber immer wieder neu verteidigt werden müssen, ist leider nur wenigen klar. Das müssen wir laufend kommunizieren.
An den Wirtschaftsaktivitäten des Börsenvereins scheiden sich immer wieder die Geister. Untergräbt die MVB nicht allzu oft – Stichwort „Netto“ – den beschworenen Konsensgedanken?
Platiel: Wir haben dazu eine sehr klare und dezidierte Einstellung. Es ist nicht so, dass wir es grundsätzlich ablehnen, dass der Verband auch eine wirtschaftliche Rolle übernimmt.  Die Wirtschaftsbetriebe des Börsenvereins sind wichtig; wenn sie im Sinne der Mitglieder arbeiten. Solange das gewährleistet bleibt, ist es gut. Sobald die wirtschaftlichen Aktivitäten aber in Konkurrenz zu einzelnen Mitgliedern stehen oder wenn sie sich jenseits der Mitgliedsinteressen verselbstständigen, haben wir eine kritische Meinung zu diesen Dingen. Dann müsste man über Alternativen nachdenken, womöglich auch über eine Privatisierung. Wir sehen uns auf diesem Feld wenn notwendig durchaus als Korrektiv. Natürlich sind wir da in enger Abstimmung mit den Kollegen in Frankfurt. 
Die Fragen stellte Rainer Uebelhöde

Zu den Personen:
Jörg Platiel, Verleger und Geschäftsführer des R. Oldenbourg Verlags, wurde im Mai 2012 zum Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern gewählt. Er war zuvor bereits seit 2009 im Vorstand des Landesverbandes aktiv. Klaus Beckschulte ist seit 2003 Geschäftsführer des Landesverbandes Bayern. Er hat vorher berufliche Stationen im Knesebeck Verlag und im Bruckmann Verlag absolviert.

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