Der Buchhandel legt überproportional zu

Wohin steuert der DVD-Vertrieb im Zeitalter von Blu-ray und Internet? Senator-HomeEntertainment-Geschäftsführer Helge Sasse (Foto) im Interview.
Welche Perspektive haben DVDs im Buchhandel aus Sicht der Video-Anbieter? Trotz der technikgetriebenen Umbrüche in seiner Branche zeichnet Senator-Chef Helge Sasse ein fast durchweg optimistisches Bild.
Das Interview ist im buchreport-Spezialheft „DVD“ im buchreport.magazin 4/2013 erschienen (hier zu bestellen).
Welche Rolle spielt der Buchhandel aus Ihrer Sicht beim Vertrieb von DVDs?
Ich glaube, dass der Buchhandel immer mehr an Bedeutung gewinnt für das, was im weitesten Sinne „Erzählkino“ ist, also beispielsweise für Titel wie „Ziemlich beste Freunde“, „The Kings Speech“ oder „Der Vorleser“. In diesem Bereich leistet er einen wachsenden Beitrag dazu, die bestmögliche Erreichbarkeit des Zielpublikums zu gewährleisten.
Wie entwickelt er sich als Vertriebsweg bei Ihnen?
Der Buchhandel legt gegenüber dem regulären Handel überproportional zu. Speziell bei Senator Home Entertainment haben sich die Umsätze zwischen 2010 und 2012 verzehnfacht, während sie sich im Gesamtmarkt „nur“ versechsfacht haben. Blu-ray ist zwar unterdurchschnittlich vertreten – im Buchhandel werden vorwiegend DVDs abgesetzt –, aber 2012 ist auch die Blu-ray dank „Ziemlich beste Freunde“ stark überproportional gewachsen, auch gegenüber dem Gesamthandel.
Wie wichtig ist, dass es eine Buchvorlage gibt?
Die Anbindung an eine Buchvorlage ist nicht zwingend, aber eine einheitliche Sichtweise ist hilfreich. Wenn ein Film herauskommt, passen ja nicht umsonst die Buchverlage häufig das Buchcover dem Filmplakat an und der Verkauf der Buchvorlage profitiert nachweislich von einer Verfilmung. Umgekehrt ist Kunden, die in eine Buchhandlung gehen, um ein Buch zu kaufen, nicht immer bewusst, dass es auch eine Verfilmung gibt. Insofern haben wir es mit einem sich gegenseitig verstärkenden Vermarktungsvorgang zu tun.
Der Geschäftsführer der Concorde Home Entertainment, Michael Ivert, hat mit Blick auf die zunehmende Bedeutung von Downloads vom „Spätherbst des physischen Marktes“ gesprochen …
Das finde ich völlig verfrüht. Richtig ist sicher, dass die DVD-Verkäufe etwa in den USA oder Großbritannien dramatisch eingebrochen sind, was übrigens durch das Wachstum bei den Digitalverkäufen überhaupt nicht kompensiert wird. Dort haben sich die Gesamtumsätze im Bereich Home Entertainment dramatisch reduziert. Das hat aber grundsätzlich damit zu tun, dass Amerikaner die Geräte, mit denen sie Bewegtbilder anschauen, wesentlich schneller durchtauschen. Deswegen ist in den USA zum Beispiel auch Internet-TV viel weiter verbreitet. Aber in Deutschland haben wir eine völlig andere Entwicklung, hier sind wir sozusagen noch im DVD-Himmel. Wo es Verluste im DVD-Verkauf gibt, werden die von der Blu-ray weitestgehend kompensiert und der noch relativ schwache Digitalmarkt sorgt ergänzend dafür, dass wir keine Verluste haben. Insofern sehe ich den physischen Markt nicht im Spätherbst, sondern frühestens im Spätsommer.
Woran liegt es, dass die Blu-ray im Buchhandel vergleichsweise schlecht läuft?
Blu-ray ist zwar nicht teuer, aber ein neuer Standard. Um sich den zuzulegen, muss man den Impetus haben, möglichst auf dem aktuellsten Stand der Technik zu sein. Und die Technik-Fans, die Wert auf eine immer bessere Wiedergabequalität legen, sind nicht unbedingt Menschen, die es in den Buchhandel zieht. Bei den typischen Buchhandelskunden dürfte der Durchtausch der Wiedergabegeräte grundsätzlich einfach geringer sein als bei den Kunden von Media-Markt oder Saturn.
Schauen wir auf die Konkurrenzsituation für die DVD im Buchhandel: Welche Perspektive sehen Sie für den stationären DVD-Verleih?
Der ganze Bereich der DVD-Vermietung wird in viel stärkerem Maße attackiert durch das Video-Streaming. In den USA sind die großen Videoverleih-Ketten, die Milliardenunternehmen waren, zum Beispiel „Blockbuster“, in die Insolvenz gegangen. Auch in Deutschland sind die Verluste im Bereich der Videotheken viel größer als beim Verkauf, denn das typische Publikum dort waren die Fans, die Filme schnell sehen wollen und die auch in der Aufnahme einer neuen Technologie sehr schnell sind. Deshalb ist das DVD-Geschäft des Buchhandels mit seinem technisch eher konservativen Zielpublikum viel stabiler. 
Was könnten Buchhändler Ihrer Meinung nach tun, um DVDs noch besser zu verkaufen?
Aus Videoanbietersicht ist das größte Problem nach wie vor, dass zwar die großen Player und die mittelständischen Filialisten wie Mayersche, Osiander etc. gut und direkt erreicht und bedient werden, aber die vielen kleinen Buchhandlungen, die in der Regel über die Barsortimente bestellen, noch immer sehr wenig bis gar keinen Bedarf für DVDs in ihrem Sortiment sehen. Das liegt natürlich zum einen an der aus ihrer Sicht unattraktiven Spanne, aber auch an mangelnder Kenntnis hinsichtlich einer sinnvollen Sortimentsbildung und Kalkulation. Entsprechend wird das Potenzial nicht erkannt. Es fehlt einfach der Zugang zur Branche. Zu wünschen wäre, dass die Präsentation von Videoprodukten am Point of Sale noch weiter optimiert wird, da sie oft noch stiefmütterlich präsentiert werden. Synergien aus Buchvorlage und Filmadaption können über die Warenpräsentation noch weiter ausgebaut werden. Ein anderer Wunsch wäre natürlich, dass sich die äußerst ablehnende Haltung gegenüber dem Blu-ray-Format künftig etwas aufweicht.
Interview: David Wengenroth
Zur Person: Helge Sasse 

Studierte Jura und Politik, arbeitete als Rechtsanwalt und Journalist und war Mitgründer der TV-Produktionsfirma me, Myself & Eye und des Musiksenders VIVA. Sasse ist heute Vorstand (CEO) der Senator Entertainment AG sowie Geschäftsführer der Tochterunternehmen Senator Film Verleih, Senator Home Entertainment, Senator Film Produktion, Senator Film Köln und Senator Film München sowie Eurofilm Ltd. 

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