Amazon ist von einer Vielfalt im Angebot abhängig

Vor sechs Wochen kündigte Christopher Schroer öffentlichkeitswirksam die Zusammenarbeit mit Amazon. Heute zieht der Verleger eine gemischte Bilanz. Dass ein vollständiger Boykott von Amazon nicht möglich sei, wertet Schroer „bittere Wahrheit“. Doch im klassischen Buchhandel und sogar bei Amazon bewege sich etwas.

In einer Mail an Freunde seines Verlags und Journalisten schreibt Schroer:

„Liebe Freunde des Hauses,

gut sechs Wochen ist es her, da habe ich in einem offenen Brief an Jeff Bezos die Zusammenarbeit mit Amazon aufgekündigt. Erste Reaktionen waren durchweg positiv: Um die 300 Nachrichten mit Glückwünschen zu diesem Schritt trafen ein; natürlich waren auch negative  darunter, an der Zahl aber nur vier. Neben Buchmarkt, buchreport und börsenblatt griffen auch große Publikumsmedien sowie Funk und Fernsehen das Schreiben auf, u.a. DRadio Kultur, ZEIT, Horizont, Focus, FAZ, Aktuelle Stunde des WDR. Viele Blogs posteten das Thema,  selbst in Amerika bei mhpbooks.com wurde berichtet.

Über die breite mediale Resonanz war ich völlig überrascht, denn die Rezeption hatte ich lediglich in Fachkreisen verortet. Mein Ziel war es eine Diskussion anzukurbeln, wie Verlage und Buchhändler sich eine gemeinsame Position gegenüber Amazon u.a. vorstellen.

Unverständlich waren mir dabei einige Reaktionen aus Kollegenkreisen; über andere habe ich mich gefreut, z.B. über André Thiele, der ebenfalls mit dem VAT Verlag ein “Aussteiger” ist.

Die Tage danach

Natürlich hat sich Amazon bis heute nicht gemeldet, einzig bleibt die rasch ausgestellte Kündigungsbestätigung und unnötige Korrespondenz in der Abwicklung. Nach ersten neuen Bestellungen seitens des Online-Händlers, die wir schriftlich mit Verweis auf den offenen Brief abgelehnt haben, hat man die gelagerte Ware bis auf zwei – angeblich beschädigte und unverkäufliche – Titel zurück gesendet. Wir sind also jetzt  offiziell kein Zulieferer mehr von Amazon!

In den Tagen nach der Rücksendung wurden unsere Bücher mit dem Lieferstatus “Gewöhnlich versandfertig in X bis X Tagen” geführt. Neuerdings sind aber viele Titel wieder lagernd und somit “sofort lieferbar”.

Vollständiger Boykott nicht möglich

Die bittere Wahrheit ist: ein vollständiges Auslisten unserer Titel bei Amazon ist nicht möglich. Das liegt am Wesen des Buchhandels. Während Amazon früher Bücher über uns angefordert hat, bezieht man jetzt die Titel über den Zwischenbuchhandel. Auf Nachfrage bei den Grossisten teilte man uns dort mit, man “könne die Belieferung an Amazon nicht ausschließen”. Um sicherzustellen, dass Amazon über den Zwischenbuchhandel unsere Titel nicht mehr beziehen kann, müssten wir unsere Verträge mit den Grossisten auflösen. Somit wird in Zukunft auch (fast) jedes unserer Bücher über Amazon erhältlich sein. Die Alternative, dem Zwischenbuchhandel zu kündigen ist leider keine, denn dann kommen unsere Titel auch nicht zum kleinen unterstützenswerten Buchhändler vor Ort. Einziger Trost aber ist, dass Amazon nun die Bücher zu deutlich schlechteren Konditionen beziehen muss.

Amazon lebt von Angebotsvielfalt

Die Reaktion des Online-Riesen offenbart seinen verwundbaren Punkt: Amazon ist von einer Vielfalt im Angebot abhängig. Einst gestartet als reiner Online-Buchhändler bietet das Unternehmen heute eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen an. Wenn einzelne Händler nun dem Versandhaus die Waren – und damit die Vielfalt – entziehen, ist Amazon gezwungen, diese auf anderem Wege zu beschaffen. Die Frage stellt sich: Was wäre, wenn viele kleine oder einige große Zulieferer dem Riesen das Angebot vorenthalten?

Komplexes System

In den Wochen danach, besonders in Gesprächen und Diskussionsrunden wie zum Indiebookday bei Bücher Köndgen oder auf der Leipziger Messe zu “Amazon vs. Buy Local“, fiel mir auf, dass das “System Amazon” derart vielschichtig und komplex ist, dass es nicht innerhalb (zu weniger) Minuten erklärt ist. Zumal man dem “System Amazon” das “System Buchhandel” gegenüberstellen und die wesentlichen Unterschiede erläutern muss. Dazu braucht man viel, sehr viel Zeit und muss ins Detail gehen – ideal wäre es, wenn eine seriöse Zeitung eine Serie publizieren würde. Damit wäre Zeit und Raum genüge getan und dem interessierten Leser viel an Aufklärung geboten.

Was bleibt?

Die mediale Aufmerksamkeit hat sich nun wieder dem Tagesgeschehen zugewandt, die Diskussionen scheinen erst einmal abgeebbt zu sein. Da ist die Frage: “Was bleibt?” durchaus berechtigt.

Gefühlt –  bewegt sich etwas, wobei noch nicht klar ist, wie lange und in welche Richtung. Die gefühlte Bewegung ist im klassischen Buchhandel, aber auch bei Amazon (immerhin: Das allererste Mal hat man ein beschädigt remittiertes Exemplar bezahlt!) spürbar. Das ist immer hin schon mal ein Anfang. Bei Lesern und Kunden habe ich ein größeres Bewusstsein für die Themen “dahinter” feststellen können. Ich hoffe, dies bleibt. Es kommen weitere Berichte um Amazon hinzu, wie beispielsweise die Klagen der Marketplace-Anbieter, sodass das Thema immer mal wieder aktuell und präsent sein wird.

Persönlich – habe ich viele neue Bekanntschaften gemacht und über jede einzelne freue ich mich. Über 296 Nachrichten habe ich mich auch gefreut, und jede einzelne so zeitnah wie möglich beantwortet. Danke an die Leser, Kunden, Verleger, Buchhändler und Freunde, die mich in zahlreichen Gesprächen in meiner Entscheidung bestärkten. Auch sprach mich Peter Kripgans von der Rödelheimer Büchergarten eG an, ob ich nicht in der Genossenschaft mitmachen möchte. Klar doch, ich freue mich auf die Zusammenarbeit!

In diesem Sinne – Ihnen Danke für’s Lesen und für die Unterstützung.

Herzliche Grüße,

Christopher Schroer“

Kommentare

2 Kommentare zu "Amazon ist von einer Vielfalt im Angebot abhängig"

  1. Wolfgang Schwerdt | 4. April 2013 um 17:29 | Antworten

    Was bleibt? Die Tatsache, dass die ganze Geschichte tatsächlich viel komplexer ist (und zwar „beide Lager“ betreffend) als es immer dargestellt wird und eine schwarz-weiß Sicht (böser Amazonas, guter Verleger und Restbuchhandel) nicht wirklich seriös ist.
    Was noch bleibt? In der ganzen Geschichte kommt das Wort Autor nicht ein einziges mal vor. Deshalb noch zur Ergänzung der oben beschriebenen Erfahrungen: Nicht nur Amazon ist auf Vielfalt angewiesen, alle Beteiligten und Profiteure des Buchmarktes sind auf Autoren angewiesen. Auch wenn es die vielleicht wie Sand am Meer gibt und sie damit austauschbar sind (ebenso übrigens wie die Sortimente der meisten Buchhändler und Kleinverlage), ohne geht es nicht bzw. nur bei der einseitigen Lagerkampfbetrachtung, bei der es nicht um Literatur, sondern um das Geschäft derer geht, die von der Arbeit der Autoren (die wunderbar gegeneinander ausspielbar sind) leben (oder es zumindest versuchen).
    Also auch von mir vielen Dank an die Leser, Kunden, Verleger, Buchhändler und Freunde Schroers für die deutliche Heraustellung der jeweiligen (übrigens völlig legitimen!) Interessen. Denn wichtiger, als die umfassende Vermittlung des komplexen Gesamtsystems erscheint mir bei allen Kampagnen und Argumentationen eben die Offenlegung der jeweiligen Interessen der Kontrahenten und das Vermeiden von vorgeschobenen Argumenten.

  2. Wenn Herr Schroer nicht möchte das seine Bücher bei Amazon nicht angeboten werden, dann muß er dies dem Großhandel untersagen.

    Dies ist so üblich und machbar in jeder Branche und durchführbar.
    In der EDV wird der Kunde dann gesperrt und schon wird die Bestellung von Amazon beim Großhändler automatisch storniert.
    Es sei denn, man möchte dies von vorn herein gar nicht.
    Was nun Herr Schroer?
    Die Kündigung des Verlages Schroer war von Beginn an nur eine PR Aktion.

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