So entstehen moderne Monopole im Netz

Designierte Millionäre: die Goodreads-Gründer Otis und Elizabeth Chandler.

Während sich die Buchbranche in den Osterurlaub verabschiedet hat, sorgte in den USA eine Übernahme für große Schlagzeilen: Amazon kauft die Bücher-Community Goodreads (hier die Pressemiteilung). Der Preis liegt angeblich bei 150 bis 200 Mio Dollar. buchreport.de bringt die wichtigsten Fakten, Gerüchte und Einschätzungen.

Mehr zum Thema Social Reading finden Sie in unserem Dossier

Was ist Goodreads?
Goodreads.com ist eine Community von Lesern, die Bücher-Tipps austauschen. Die Mitglieder stoßen über das Portal auf neue Titel, indem sie den Lektüre-Tipps der Community-Freunde folgen.
Gegründet wurde das Portal 2007 vom heutigen CEO Otis Chandler.
Aktuell hat Goodreads nach eigenen Angaben 16 Mio Mitglieder und 37 Mio einzelne Besucher (Unique Visitor) pro Monat. In den Folgejahren nach dem Start konnte sich Chandler mehrere Mio Dollar von Investoren sichern.
Warum erfolgt die Übernahme jetzt?
Gerüchteweise plante Goodreads, einen eigenen Bücher-Shop zu starten (statt zu Dritthändlern zu verlinken). Dies geht aus einem Bericht von „Forbes“ hervor. Um der neuen Konkurrenz schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen, so das mögliche Kalkül von Amazon, ist eine Übernahme der beste Schachzug.
Was bezahlt Amazon?

Die Mutmaßungen reichen von rund 150 bis 200 Mio Dollar (nach Informationen des „Wall Street Journal“/ „All Things D“) bis hin zu 1 Mrd Dollar (Schätzungen der „BusinessWeek“). Laut „WSJ“ erfolgt der Großteil der Transaktion in Bargeld.

Was interessiert Amazon an Goodreads?
Zunächst einmal Daten, Daten, Daten. Zwar ist Amazon selbst bereits Weltmeister in der Big-Data-Analyse (Käufer von … kauften auch …), doch die Auswertung von Leser-Präferenzen kann durch die Übernahme des Portals noch einmal verbessert werden. Hinzu kommt, dass laut einer Studie bereits 30% der Goodreads-Besucher über einen Kindle-Reader verfügen. Goodreads ist als Gruppierung von so genannten „heavy reader“ auch wirtschaftlich interessant für Amazon. 
Was sind die nächsten Schritte?
Darüber schweigen sich die beiden neuen Partner freilich aus. Der Deal soll angeblich im 2. Quartal 2013 über die Bühne gehen. Der Firmensitz soll in San Francisco bleiben; auch das Team soll nicht verändert werden. Wahrscheinlich erscheint, dass Goodreads zunächst exklusiv mit dem Amazon-Shop verknüpft wird (aktuell wird die Community zu mehreren Online-Buchhändlern verlinkt, darunter Barnes & Noble). Außerdem dürfte Amazon die Social-Reading-Funktionen im Kindle-Programm ausbauen – die bislang nur rudimentär ausgeprägt sind. Schließlich könnte die Internationalisierung von Goodreads auf der Agenda stehen.
Ist Goodreader der erste Ausflug von Amazon ins Social Reading?

Nein. Die ersten Kontakte zur Welt des sozialen Lesens reichen bis ins Jahr 2007 zurück, als Amazon zunächst einen Anteil an der Lese-Community Shelfari übernahm, um ein Jahr später die Firma komplett zu schlucken. Über die Gebrauchtbuch-Tochter Abebooks ist Amazon außerdem mit 40% an der Community LibraryThing beteiligt (die Übernahme der Anteile erfolgte 2006; das Portal verfügt nach eigenen Angaben über 1,6 Mio Nutzer). Im März 2011 startete Amazon mit „Kindle Profiles“ einen Versuch, die Lektüre der Kindle-Nutzer sozialer zu gestalten. Hier z.B. das Profil des Bestseller-Autors Jeffery W. Deaver

Welche Reaktionen gab es bis dato?

Der Feedback-Tenor hat im Wesentlichen zwei Kernpunkte: Der Schritt ist aus der Sicht von Amazon ein kluger Schachzug, um Lücken im Kindle-Portfolio zu schließen. Andererseits wächst die Angst davor, dass Amazon seine Monopolstellung ausbaut. Scott Turow, Chef des Autorenverbands Authors Guild, fürchtet, dass durch die Kombination der Empfehlungs-Datenbank von Goodreads und Amazons Daten zu Buchkäufen die Kontrolle der Branche durch den Onliner „ins Unermessliche“ steige. Die Übernahme sei ein Musterbeispiel dafür, wie „moderne Monopole im Internet“ errichtet werden könnten. „Der Schlüssel besteht darin, Wettbewerber zu eliminieren oder absorbieren, bevor diese eine ernsthafte Gefahr darstellen“ (hier der komplette Text).  Der US-Berater Thad McIlroy erklärt laut Digital Book World: „Nach dieser Übernahme gibt es keine signifikante Quelle mehr außerhalb von Amazon, um herauszufinden, was Leute von Büchern halten.“

Kommentare

4 Kommentare zu "So entstehen moderne Monopole im Netz"

  1. Jean Pascal Schettler | 2. April 2013 um 11:44 | Antworten

    Es gibt solange keine signifikante Quelle mehr, bis jemand anderes eine ähnliche Seite auf macht…

  2. Ist schon lustig, dass die einzigen objektiven Buchregale bei den Buchpiraten zu finden sind.

    Warum auch nicht? Zumal dort Leser- und nicht Käuferempfehlungen zu finden sind – was einen großen Unterschied ausmacht.

  3. Danke für die übersichtliche Zusammenfassung!

    Meine Meinung zu der Übernahme gibt’s auf dem Buchblog: http://buchblog.de/amazon-kauf

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